Wenn ihr euch wie unsere Paleo-Vorfahren ernähren wollt, hört auf, alle Kohlenhydrate wegzulassen

·Lesedauer: 5 Min.
Eine Mitarbeiterin des Natural History Museum in London betrachtet das Modell eines männlichen Neandertalers in den Zwanzigern.
Eine Mitarbeiterin des Natural History Museum in London betrachtet das Modell eines männlichen Neandertalers in den Zwanzigern.

Darstellungen unserer menschlichen Vorfahren zeigen oft muskulöse Jäger, die Großwild jagen und verzehren. Es ist deshalb nachvollziehbar, dass heutzutage fleischlastige und kohlenhydratarme Diäten wie Paleo und Keto angesagt sind.

Allerdings deuten neue Erkenntnisse darauf hin, dass die Neandertaler und ihre Vorfahren bei ihrer Ausbreitung über das östliche Afrika und nach Europa auch reichlich stärkehaltige Kohlenhydrate zu sich nahmen. Spuren von uralten Bakterien auf den Zähnen der Neandertaler lassen vermuten, dass unsere Vorfahren vor mindestens 600.000 Jahren kohlenhydratreiche pflanzliche Nahrung zu sich nahmen, um den Energiebedarf ihrer zunehmend größeren Gehirne zu decken. Das geht aus einer am Montag veröffentlichten Studie eines Forschungsteams hervor, dem Anthropologen der Harvard University und des Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena angehören.

"Es ist klar, dass Urmenschen gejagt haben, aber ich halte es für fast unmöglich, dass sie ausschließlich gejagt haben. Ich glaube sogar, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass sie überwiegend jagten", sagte Christina Warinner, Anthropologin an der Harvard University und Mitautorin der neuen Studie. "Wir glauben, dass sie eine kombinierte Diätstrategie hatten.“ Wer also eine Diät macht und die Gewohnheiten unserer Vorfahren nachahmt, indem er oder sie bevorzugt auf Fleisch isst, verfehlt das Ziel: "Die Paleo-Diät hat wirklich nichts mit der Steinzeit zu tun", sagte Warinner. "Es ist ein Irrtum."

Die Zähne unserer Vorfahren zeigen, was sie gegessen haben

Die ältesten Individuen der Gattung Homo, zu der der moderne Mensch gehört, tauchten erstmals während der Altsteinzeit auf, die vor 2,5 Millionen Jahren begann. Mit der Zeit verdrängten sie ihre menschlichen Vorfahren, die Australopithen. Die Australopithen hatten kleinere Gehirne, die denen von Schimpansen ähnelten. Als am Ende der Altsteinzeit, vor etwa 12.000 Jahren, die Neandertaler auftauchten, hatte sich die Gehirngröße unserer Vorfahren bereits verdreifacht.

Eine Gesichtsrekonstruktion des 3,8 Millionen Jahre alten Fundes eines Australopithecus anamensis, der 2016 in Äthiopien entdeckt wurde.
Eine Gesichtsrekonstruktion des 3,8 Millionen Jahre alten Fundes eines Australopithecus anamensis, der 2016 in Äthiopien entdeckt wurde.

Anfangs dachten Anthropologen, dass der Fleischverzehr der Grund dafür war, dass die Gehirne der frühen Menschen so schnell wuchsen. Denn: Einige Forschungen deuten darauf hin, dass die primäre Nahrungsquelle der Neandertaler Fleisch war. Doch Warinner war skeptisch: Wachsende Gehirne benötigen Glukose – einen einfachen Zucker, der aus Kohlenhydraten gewonnen wird. Doch in Fleisch ist nicht viel Glukose enthalten. Außerdem stützten sich viele Studien über den Fleischkonsum der Neandertaler auf das Verhältnis von Kohlenstoff und Stickstoff in ihren Zähnen und Knochen. Diese Messung kann aber auch von anderen Faktoren als der Ernährung beeinflusst werden — einschließlich regelmäßigem Fasten.

Deshalb untersuchte Warinners Team die DNA von Bakterien, die auf alten Zähnen zu finden sind. Sie verglichen die Zahnbakterien von 124 lebenden und ausgestorbenen Primaten, darunter ein Neandertaler, der vor 100.000 Jahren in Europa lebte. Die Ergebnisse zeigten, dass Neandertaler fast genau die gleichen Bakterien in ihrem Mund hatten wie moderne Menschen. Eine Bakterienunterart fiel den Forschenden besonders ins Auge, weil sie sich mithilfe eines Enzyms aus unserem Speichel namens Amylase ernähren kann. Amylase ist das Enzym, das unserem Körper hilft, Zucker aus stärkehaltigen Knollen und Wurzeln zu gewinnen. Diese Bakterie war nur auf den Zähnen von Menschen und Neandertalern zu finden — nicht aber auf den Zähnen von Schimpansen, Gorillas oder Brüllaffen.

"Das liefert uns wichtige Hinweise darauf, dass die Stärke in der frühen menschlichen Ernährung eine Rolle spielte", so Warinner.

Ein Exponat zeigt das Leben einer Neandertalerfamilie in einer Höhle im Neanderthal Museum in der Stadt Krapina in Kroatien.
Ein Exponat zeigt das Leben einer Neandertalerfamilie in einer Höhle im Neanderthal Museum in der Stadt Krapina in Kroatien.

Diese Ergebnisse deuten außerdem darauf hin, dass die Urmenschen ihre Nahrung häufig über einem Feuer gekocht haben. Denn das Enzym Amylase ist besser in der Lage, Stärke aufzuspalten, wenn es gekocht wird.

Paleo- und Keto-Diäten entsprechen womöglich nicht der Ernährung unserer Vorfahren

Die neuen Erkenntnisse stehen im Gegensatz zur populären Paleo-Diät, die sich stark auf Fleisch, Fisch und Gemüse stützt, während Getreide und Stärke gemieden werden. Noch restriktiver ist die ketogene Diät, die Kohlenhydrate zugunsten von Fett und Eiweiß, oft aus Fleisch, stark einschränkt.

Solche kohlenhydratarmen Diäten veranlassen den Körper, seinen bevorzugten Brennstoff Glukose in der Leber und den Nieren zu produzieren. Dafür werden Komponenten von Fett und Eiweiß in einem Prozess namens Glukoneogenese verwendet. Eine weitere kohlenhydratarme Stoffwechselstrategie ist die Ketose. Dabei handelt es sich um einen Zustand, in dem sich der Körper darauf einstellt, das Gehirn und andere Organe durch die Verbrennung von Fett anstelle von Glukose zu versorgen.

Ein Exponat zeigt einen Neandertaler in einer Höhle im Neanderthal Museum in der Stadt Krapina in Kroatien.
Ein Exponat zeigt einen Neandertaler in einer Höhle im Neanderthal Museum in der Stadt Krapina in Kroatien.

Warinner glaubt aber nicht, dass die Urmenschen auf Gluconeogenese oder Ketose angewiesen waren. "Die Herstellung von eigenem Zucker, die Produktion von eigener Glukose, erfordert tatsächlich eine hohe Menge an Fett in der Nahrung", sagte sie. Die meisten Landtiere, die die Vorfahren der Neandertaler in Afrika gejagt haben, hatten keine großen Fettspeicher. „Bevölkerungsgruppen, die über einen sehr langen Zeitraum mit einer kohlenhydratarmen Ernährung überlebt haben, jagten tendenziell Meeressäuger, weil Meeressäuger große Fettspeicher haben“, fügte die Forscherin hinzu.

Letztendlich führt der Vergleich der heutigen Ernährung mit der unserer Vorfahren in die Irre, da der moderne Mensch in einer Welt lebt, die mit der der Neandertaler keineswegs zu vergleichen ist. "Jemand, der acht Stunden am Tag am Computer sitzt, führt ein anderes Leben als jemand, der auf Nahrungssuche geht", so Warinner.

Die stärkehaltigen Kohlenhydratquellen, die unsere Vorfahren aßen, unterschieden sich ebenfalls von den heutigen Kohlenhydraten — sie waren nährstoffreich, enthielten viele Ballaststoffe und enthielten reichlich Vitamine. "Es ist nicht wirklich sinnvoll, wildes Wurzelgemüse mit Dingen wie Pizza und Pasta zu vergleichen", sagte Warinner. "Sie sind wirklich unterschiedlich in ihrer Nährstoffzusammensetzung und im Aufbau."

Es gibt wenig Belege dafür, dass die Paleo- oder Keto-Diät starke Vorteile gegenüber anderen nährstoffreichen vollwertigen Ernährungsstilen bietet. "Ich glaube nicht, dass wir alles über Bord werfen und die Uhr um 10.000 Jahre zurückdrehen müssen, um gesund zu sein", sagt Warinner.

Dieser Artikel wurde von Ilona Tomić aus dem Englischen übersetzt und editiert. Das Original lest ihr hier.

Wir möchten einen sicheren und ansprechenden Ort für Nutzer schaffen, an dem sie sich über ihre Interessen und Hobbys austauschen können. Zur Verbesserung der Community-Erfahrung deaktivieren wir vorübergehend das Kommentieren von Artikeln.