EU verschenkt Interrail-Tickets – freie Fahrt für 15.000 junge Bürger

In einer Imagekampagne verteilt die EU 15.000 kostenlose Interrail-Tickets an 18-jährige EU-Bürger. Für Deutschland sind 2430 Tickets reserviert.


Der Startschuss fällt am Dienstagmittag. Ab 12 Uhr können sich junge Leute bei der EU um ein kostenloses Interrail-Ticket bewerben, wenn sie zwei Voraussetzungen erfüllen. Erstens: Sie müssen die Staatsbürgerschaft eines der 28 EU-Mitgliedsländer besitzen. Zweitens: Sie müssen am 1. Juli 18 Jahre alt – oder genauer gesagt – zwischen dem 2. Juli 1999 und dem 1. Juli 2000 geboren sein. Dieser Link führt zum Bewerbungsformular.

Die Bewerbungsfrist endet am 26. Juni. Wer Interesse hat, sollte sich aber sehr bald melden – die Tickets dürften schnell weg sein. Mindestens eine Million EU-Bürger werden dieses Jahr 18 Jahre alt. Ursprünglich hatte die EU erwogen, ihnen allen ein Bahnticket für diese Sommerferien zu schenken. So hatten sich die Erfinder des Gratis-Tickets, darunter der CSU-Europapolitiker Manfred Weber, das Anfangs gedacht.

Weber und seine Mitstreiter wollten so bei der jungen Generation mehr Verständnis für die europäischen Nachbarn wecken und dem grassierenden Nationalpopulismus etwas entgegensetzen. Doch diese Großzügigkeit erwies sich schnell als unfinanzierbar. Im komplett verplanten EU-Haushalt waren die dafür erforderlichen Mittel nicht aufzutreiben und die EU-Staaten wollten aus ihren nationalen Budgets auch kein Geld spendieren.


So schrumpfte das große Geschenk an die Jugend zu einer kleinen Aufmerksamkeit zusammen. 12 Millionen Euro gibt die EU-Kommission dieses Jahr für das Gratis-Ticket aus. Damit kann sie maximal 30.000 Fahrscheine finanzieren. Die ersten 15.000 werden jetzt vergeben. Eine zweite Runde soll im Herbst folgen.

Wer ein kostenloses Ticket gewinnen will, muss erst einen kleinen Test bestehen. Die Kommission stellt fünf Fragen, die mit dem kulturellen Erbe Europas zu tun haben. Und dann sollen die Bewerber noch raten, wie viele Anträge insgesamt für das kostenlose Internet-Ticket eingehen werden. Je näher man der richtigen Zahl kommt, desto größer die Chance auf ein Gratis-Ticket.

Die EU-Kommission hat versprochen, den Bewerbern zwischen dem 29. Juni und dem 6. Juli Bescheid zu geben. Es bleibt abzuwarten, ob das klappt oder ob die Behörde von einer Antragsflut überrollt wird.

Wer Glück hat und das Ticket bekommt, kann zwischen dem 9. Juli und dem 30. September kostenlos bis zu 30 Tage lang mit dem Zug durch maximal vier Länder fahren. In Ausnahmefällen sind auch Bus- oder Schiffsfahrten oder sogar Flüge möglich.

Aufstockung erst in zweieinhalb Jahren möglich

Das genaue Verfahren zur Ausstellung der Tickets ist unter diesem Link zu finden. Während oder nach ihrer Reise, so der Wunsch der EU-Kommission, sollen die jungen Leute über Twitter, Facebook oder Instagram ihre Erlebnisse berichten.

Wenn die Aktion gut ankommt bei den jungen Europäern, werden 15.000 Tickets viel zu wenig sein. Das ist der EU-Kommission natürlich bewusst. Sie würde das Programm deshalb gerne aufstocken. Möglich ist das allerdings erst in zweieinhalb Jahren, wenn die neue EU-Finanzperiode beginnt. Von 2021 bis 2027 soll es dann 700 Millionen Euro für das kostenlose Internet-Ticket geben.

Das würde für 1,5 Millionen Gratis-Reisen reichen. Ob das Geld am Ende wirklich bereit gestellt wird, entscheiden die EU-Mitgliedstaaten. Sie müssen den neuen EU-Finanzrahmen einstimmig beschließen.

Gut gemeint ist die Interrail-Aktion sicherlich. Ob sie auch gut gemacht ist, bezweifeln manche Kritiker. Aus dem ewig EU-kritischen Großbritannien kam die Frage, wieso man Kindern aus gut situierten Familien eigentlich mit dem Geld der Steuerzahler eine Europareise finanzieren muss. Jugendliche mit vergleichsweise hohem Bildungsniveau werden sicherlich die Hauptprofiteure dieses Programms sein.


Kids aus schlecht informierten Unterschicht-Familien kommen vermutlich zumeist gar nicht auf die Idee, sich zu bewerben. Genau diese Familien stellen aber das wichtigste Wählerpotenzial der nationalpopulistischen Parteien dar, denen die EU mit diesem Programm doch gerade etwas entgegensetzen will.

Die EU-Kommission selbst sieht es inzwischen als kritischen Punkt an, dass das Einkommen der Eltern bei der Verteilung der Tickets keine Rolle spielt. Wenn das Programm ab 2021 ausgeweitet werde, sollten die Kriterien diesbezüglich geändert werden, meinte der zuständige ungarische EU-Kommissar Tibor Navracsics. Damit würde das kostenlose Interrail allerdings auch gleich wieder bürokratischer.

Die EU-Kommission vermied es am Montag, das kostenlose Ticket an die ganz große Glocke zu hängen. Dafür gab es gute Gründe. Im aktuellen weltpolitischen Geschehen wirkt die EU mit solchen Good-Will-Aktionen fast ein wenig hilflos. Gegen den Vormarsch populistischer Parteien – zuletzt erzielten Sie Wahlerfolge in Slowenien und Italien – können 15.000 kostenlose Eisenbahn-Tickets vermutlich wenig ausrichten.

Wenn US-Präsident Donald Trump seine engsten Verbündeten herausfordert und die Allianz des Westens bedroht, erwarten die Bürger von der EU etwas anderes als kleine Geschenke. Mit gutem Willen kann man in dem kostenlosen Interrail allenfalls eine kleine europäische Freundlichkeit sehen in Zeiten großer weltpolitischer Turbulenzen.