EU-Parlament will ab 2035 keine Verbrenner mehr: Was Autokäufer jetzt zu Benzinern und Diesel wissen sollten

Zwei kleine Autos an der Tankstelle. - Copyright: picture alliance/Davor Puklavec, PIXSELL
Zwei kleine Autos an der Tankstelle. - Copyright: picture alliance/Davor Puklavec, PIXSELL

Klimaschützer jubeln, die Autoindustrie jammert: Das EU-Parlament hat am Mittwochabend ein Verkaufsverbot für neue Autos mit Benzin- und Dieselantrieb auf den Weg gebracht. Autobauer sind demnach verpflichtet, die CO₂-Emissionen ihrer Neuwagenflotten bis 2035 um 100 Prozent zu senken. Ein Verkauf von Neu-Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor ab dem Zeitpunkt wird dann richtig teuer für die Unternehmen.

Wie viele Verbrenner gibt es aktuell in Deutschland?

Etwa 47 Millionen Autos mit Verbrennungsmotoren fahren auf Deutschlands Straßen. Nicht jeder Besitzer kann oder will sein Auto gegen ein Elektromodell eintauschen. Durchschnittlich 9,5 Jahre alt sind Privatautos in Deutschland.

Wie steht die Bundesregierung zum Verbrenner-Aus?

Im Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP findet man zumindest keine direkte Aussage zu einem Verkaufsverbot von Autos mit Otto- oder Dieselmotoren. „Die Technologie des Verbrennungsmotors wollen wir hinter uns lassen“, heißt es dort bloß. Das Aus kommt durch die Hintertür: Ab 2035 sollen nur noch CO2-neutrale Fahrzeuge zugelassen werden, darauf haben sich die drei Parteien geeinigt.

Wenn sich Hersteller dann nicht an diese Vorgabe halten, müssen sie Strafen zahlen. Das dürfte für die Autohersteller ein starker Anreiz sein, die Verbrenner auslaufen zu lassen und auf die Entwicklung und Produktion von E-Autos zu setzen. Wessen Diesel oder Benziner nach 2035 noch läuft, der hat nichts zu befürchten. Die alten haben sozusagen Bestandsschutz.

Allerdings wird im Gespräch mit Verkehrspolitikern aller drei Regierungsparteien klar: Ein Entgegenkommen für Autofahrer, die Diesel oder Benzin in ihren Tank füllen, wird es nicht mehr geben. Durch Einfahrtsverbote in die Städte wie in Berlin oder Heidelberg (ab 2030) macht man den Fahrern von Verbrennern vielerorts eher das Leben schwer. In der FDP gibt es lediglich noch die stille Hoffnung, dass an der Jahreszahl 2035 noch einmal gerüttelt wird.

Wie sieht es im Ausland aus?

Dem Plan, dass ab 2035 alle neu zugelassenen Neuwagen emissionsfrei sein sollen, müssen erst noch die einzelnen EU-Mitgliedsländer zustimmen. Es deutet sich Widerstand an aus den Staaten, in denen Arbeitsplätze stark von der Automobilindustrie abhängig sind (zum Beispiel Frankreich).

Anderen kann es nicht schnell genug gehen. Die Niederlande etwa forderten schon im März in einem inoffiziellen Schreiben ein konkretes Verbotsdatum für den Verkauf von Verbrennern von der EU-Kommission. Als Absender des Briefs werden auch Belgien, Griechenland, Irland, Litauen, Luxemburg, Malta, Österreich und Dänemark genannt. Auch Irland, die Niederlande, Schweden und Slowenien wollen das Aus schon für 2030. Bei den Nicht-EU-Mitgliedern lässt sich China (2060) am meisten Zeit, aber auch Ägypten (2040) stimmt in den Abgesang auf Verbrenner noch nicht mit ein, in Großbritannien und Kanada peilt man 2035 als Ausstiegsdatum an.

Wie reagieren die Autohersteller auf das Verbrenner-Aus?

Einige Autohersteller haben sich schon mehr oder weniger fixe Ziele beim Benziner- und Diesel-Ausstieg gesetzt. So will Audi spätestens 2033 die letzten Verbrenner fertigen. Die Konzernmutter Volkswagen plant, in Europa zwischen 2033 und 2035 aufzuhören – in den USA, China und vor allem Südamerika später. Bisher berief man sich auf Marktunterschiede, die kein festes Datum zuließen. 2026 soll noch eine Verbrenner-Generation starten, regional kommt Biosprit als Brückentechnologie dazu. Gerade wurde das Konzernziel beim Elektroauto-Anteil 2030 auf 50 Prozent angepasst, bis 2040 sollen dann fast hundert Prozent der Neuwagen in den wichtigsten Märkten emissionsfrei unterwegs sein.

Bei Mercedes-Benz soll die Flotte ab 2039 CO2-Neutralität erreichen. Konzernchef Ola Källenius deutete an, dass man sich womöglich auch ambitioniertere Ziele geben könnte. Opel will 2028 in Europa nur noch E-Autos anbieten, Ford plant ab 2030 ausschließlich mit Stromern.

BMW hat sich das Ziel gesetzt, bis 2030 mindestens zur Hälfte rein elektrisch zu fahren. Einen klaren Termin zum Verbrennerausstieg gibt es indes nicht. Die wahren Entscheider seien die Kunden, erklärte Konzernchef Oliver Zipse. Wer sich zu schnell komplett vom Verbrenner verabschiede, gerate auf einen „unternehmerischen Schrumpfungskurs“.

Lohnt sich noch ein Kauf eines Diesel oder Benziners?

Da das Verbot erst 2035 gelten soll und noch nicht endgültig entschieden ist (da die EU-Staaten zustimmen müssen), dürfte es kein Fehler sein, jetzt einen Verbrenner zu kaufen, um ihn beispielsweise drei bis vier Jahre zu nutzen. Kaufentscheidungen ab 2030 sollten hingegen sehr genau abgewogen werden. Allerdings gilt auch da: Verbrenner lassen sich auch wieder verkaufen. Schon jetzt boomt der Gebrauchtwagen-Markt, vor allem beim Handel mit Ost-Europa oder Asien.

Was bleiben für Alternativen?

Dass Autofahrer künftig statt vergänglicher Kraftstoffarten wie Diesel oder Benzin einfach synthetische E-Fuels tanken, wird wohl nicht Realität: Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) setzt derzeit nicht auf synthetische Kraftstoffe. „Wir müssen die verschiedenen Energieträger dort einsetzen, wo sie am effizientesten sind. Das ist beim PKW der E-Antrieb“, sagte Wissing in seiner Antrittsrede Anfang Januar im Bundestag. „Auf absehbare Zeit werden wir nicht genug E-Fuels haben, um die jetzt zugelassenen PKW mit Verbrennungsmotor damit zu betreiben.“ Diese Kraftstoffe wären für die Autofahrer schlichtweg auch zu teuer: Ein Liter kostet heute im Durchschnitt schon in der Herstellung 4,50 Euro – ohne dass im Verkauf noch Gewinn übrig bleibt.

Liegt das Heil der Autofahrer also in den „mindestens 15 Millionen vollelektrischen PKW“, welche die Bundesregierung bis 2030 auf deutsche Straßen bringen will? Auch da geht die Rechnung noch nicht auf, mangelt es zum einen an einheitlicher, unkomplizierter – also für jeden ohne Zugangshürden oder Bezahlprobleme – verwendbarer Ladeinfrastruktur. Zweitens steigen aktuell die Strompreise an den Ladesäulen, was das E-Auto-Tanken teurer macht. Drittens ist da das Problem der Reichweite, welches die Autos bisher zwar als umweltfreundliche Stadtflitzer interessant macht, aber nicht als Familienkutsche, mit der man bis ans Meer durchfahren kann. Viertens ist da das Problem mit der nicht ganz so reinen Weste der vermeintlich klimafreundlichen E-Autos: Denn die Batterieproduktion – besonders der Abbau seltener Erden und Lithium – sowie das Recycling am Ende des Produktlebenszyklus verursachen ebenfalls Umweltschäden.

Dieser Artikel wurde zuletzt am 09. Juni 2022 aktualisiert. Er wurde am 19. Januar 2022 veröffentlicht.

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