EU-Börsenaufsicht warnt vor Totalverlust


Das Investment in virtuelle Börsengänge ist der europäischen Börsenaufsicht ESMA zufolge hochriskant. Anlegern drohe ein Totalverlust, warnte die Behörde am Montag. Virtuelle Börsengänge von Start-ups häufig aus dem Krypto-Währungsbereich – sogenannte Initial Coin Offerings (ICOs) – seien unreguliert, intransparent und technologisch ungetestet. Ähnlich hatte sich vergangene Woche schon die deutsche Finanzaufsicht BaFin geäußert. China hat ICOs sogar verboten.

Die ESMA wird in ihrer Warnung deutlich: Die Kurse der bei ICOs ausgegebenen Tokens, eine Art virtuelle Gutscheine, seien „extrem volatil“. Die Produkte seien anfällig für Betrug und Geldwäsche. Auch könnten Investoren nicht auf den Schutz von EU-Gesetzen bauen, wenn die virtuellen Börsengänge außerhalb der Rechtsraums der 28 EU-Mitgliedsstaaten fielen.

„Die ESMA hat eine rapide Zunahme von ICOs weltweit und in Europa beobachtet und befürchtet, dass Anleger möglicherweise nicht wissen, welche hohen Risiken mit einem ICO-Investment verbunden sind“, schreibt die Behörde.


Im Unterschied zur deutschen Bafin, die bereits am Donnerstag eine offizielle Warnung vor ICOs veröffentlicht hatte, nimmt die EMSA nicht nur die Verbraucher-, sondern auch die Anbieterseite in den Fokus. Man sei besorgt, „dass an ICOs beteiligte Unternehmen ihr Vorhaben verfolgen könnten, ohne die einschlägigen EU-Rechtsvorschriften einzuhalten.“

In den Fällen, in denen die ausgegebenen Tokens nach EU-Recht als Finanzinstrumente gelten, hält die ESMA es zum Beispiel für möglich, dass die Anbieterfirmen zahlreiche EU-Richtlinien und -Regeln einhalten müssen – im Hinblick auf Prospektpflichten, alternative Anlagen und Geldwäsche.


Mit Hilfe des Verkaufs virtueller Gutscheine können Firmengründer in kurzer Zeit Dutzende Millionen Euro an Geldern einsammeln. Allerdings erhalten Investoren anders als bei dem Börsengang eines Unternehmens – dem Initial Public Offering (IPO) – häufig weder Anteile an dem Unternehmen noch andere Sicherheiten.

Virtuelle Börsengänge existieren erst seit kurzem. Gab es 2016 laut der Branchenseite Coinschedule ganze 46 ICOs, liegt die Zahl 2017 schon bei über 200, wobei über 3,2 Milliarden Dollar eingesammelt wurden. Mehr als 360 ICOs sind derzeit in Planung. Im September erlebte der Hype einen Höhepunkt, als im Rahmen von 37 ICOs fast 850 Millionen Dollar eingesammelt wurden. Auf Internetbörsen werden bereits mehr als 1.000 Tokens gehandelt.

Im Bereich der Start-ups, die sich mit Kryptowährungen beschäftigen, haben die virtuellen die klassischen Börsengänge schon fast verdrängt. Fans schwärmen von einer neuen Form der Graswurzel-Finanzierung abseits von Banken und Börse, von demokratisch kontrollierten Unternehmen mit direkter Einbindung der Anleger.


Die Realität zeichnet jedoch ein anderes, allzu oft düsteres Bild: Selbst Branchen-Gurus wie der Österreicher Julian Hosp, Gründer Kryptowährung TenX, glauben, dass die Mehrheit der ICOs zum Scheitern verurteilt ist. Das Hauptproblem: Viele Start-ups besitzen kein Geschäftsmodell, sondern nur eine 20 bis 30 Seiten lange Ideensammlung.

Die Anleger erhalten für ihr Geld virtuelle Gutscheine. Was man für diese Tokens bekommt, ist rechtlich jedoch oft unklar, wie die ESMA heute erneut betont. Teilweise werden sie von den Anbietern sogar nur als „Spenden“ deklariert. Analog zur Kursrallye bei Kryptowährungen wie dem Bitcoin hoffen Anleger auf sagenhafte Kursgewinne, sind viele Tokens doch wie der Bitcoin stark im Wert gestiegen. Platzt aber die Blase, dann dürften viele Tokens wertlosen Spendenquittungen gleichen.

KONTEXT

Das Krypto-ABC

Bitcoins

Bitcoins sind eine elektronische Währung, manchmal auch Kryptowährung genannt. Sie basiert auf einer Blockchain. Die Identität des Gründers, Satoshi Nakamoto, ist unbekannt.

Blockchain

Blockchains sind elektronische Buchhaltungen, die jedem Nutzer dezentral in identischer Form zur Verfügung stehen.

DAO

DAO steht für "Digitale autonome Organisation". Das Unternehmen existiert virtuell, und die Eigentümer lenken es durch elektronische Entscheidungsprozesse.

Ethereum

Ethereum ist ein Projekt, das dem der Bitcoins ähnelt. Die zugehörige Währung heißt Ether. Die zentrale Gründerfigur ist der russischstämmige Kanadier Vitalik Buterin. Eine besondere Rolle spielen dabei Smart Contracts.

ICO

ICO steht für Initial Coin Offering. Im Internet sammeln Firmen bei virtuellen Börsengängen Geld für Geschäftsprojekte ein, häufig in Form von Bitcoins. Im Gegenzug erhalten die Investoren Tokens. Oft befinden sich die Projekte in einem frühen, sehr experimentellen Stadium. Manchmal handelt es sich bei den Unternehmen um DAOs.

Kryptowährungen

Kryptowährungen sind Zahlungsmittel, die allein auf einer Software basieren - auf einer globalen, praktisch fälschungssicheren Datenbank (der Blockchain). Die bekannteste Währung ist der Bitcoin. Elektronische Verschlüsselung stellt sicher, dass die digitalen Einheiten oder Münzen (Coins) nur ihren Besitzern zur Verfügung stehen.

Ripple

Ripple ist eine Alternative zu Bitcoins, die für den Zahlungsverkehr unter Banken gegründet wurde. Die zugehörige Währung heißt XRP. Das wichtigste Unternehmen ist Ripple-Lab.

Smart Contracts

Smart Contracts bewirken automatisch Vorgänge, etwa Zahlungen, bei Erfüllung bestimmter Bedingungen.

Token

Tokens werden im Rahmen von ICOs herausgegeben und sind keine Aktien. Sie ähneln eher digitalen Gutscheinen oder Einzahlungsbelegen, versprechen eine Beteiligung an künftigen Gewinnen oder Management-Entscheidungen, oder einen Zugang zum geplanten Service der Firma. Die Tokens sollen den Investoren die Teilhabe an dem Projekt garantieren, das mit ihrem Geld realisiert wird. Rechte für die Anleger sind mit ihnen aber meist nicht verbunden, teilweise deklarieren die Anbieter sie sogar als "Spenden". Viele Anleger handeln sie wie Bitcoins - in der Hoffnung auf Spekulationsgewinne.