Warum Ethereum von 300 auf 13 Dollar stürzt


Digitales Geld: War das früher nur ein Thema für Nerds und Computerfreaks, so entdecken heute immer mehr Privatanleger die sogenannten Kryptowährungen. Das hat Folgen. Digitalwährungen kommen aus der Hacker-Ecke heraus, verlieren ihr negatives Image zumindest zum Teil. Es bringt aber auch eine Gefahr: Die großen Kursgewinne der Vergangenheit (allein der Marktführer Bitcoin stieg dieses Jahr von 1000 auf 3000 Dollar) verführen zum Zocken. Und wie an der Börse können Anleger auch mit Digitalwährungen sehr viel reales Geld verlieren. Bei Ethereum, der zweitgrößten Netzwährung, ist genau das jetzt passiert.

Am Mittwoch gegen 20.30 Uhr kam es zu einem bisher nicht gesehenen Kurssturz: Der Wert eines Ethereum, abgekürzt Ether, stürzte von rund 317 Dollar auf 13 Dollar ab – ein Kursverfall von rund 96 Prozent. Zahlreiche große Börsen setzten den Handel kurzzeitig aus, darunter der Marktplatz GDAX, der zum US-Marktführer Coinbase gehört. „Wir untersuchen derzeit Schwierigkeiten beim Einloggen auf GDAX.com, außerdem den Grund für die rapiden Preisbewegungen beim Ethereum-Dollar-Auftragsbuch“, teilte die Börse mit. „Der Handel von Ethereum zu Dollar ist ausgesetzt, während wir den Vorfall untersuchen.“

Schneller als gedacht wurde der Handel wieder freigegeben. Der Ethereum-Kurs erholte sich innerhalb weniger Minuten und stieg wieder auf knapp 300 Dollar. Am Donnerstagmittag notierte ein Ether sogar bei 332 Dollar. Der Kurssturz war dermaßen schnell wieder vorüber, dass er in den Charts der großen Kursseiten, etwa bei Coinmarketcap, gar nicht auftaucht.


Also nichts passiert, Schwamm drüber? Mitnichten. Im Netz machen Anleger ihrem Ärger Luft, die in wenigen Minuten Hunderte oder Tausende Dollar verloren haben. Wie konnte es zu dem Absturz kommen? Derzeit werden unter Beobachtern zwei Theorien gehandelt.


Möglich ist, dass ein sogenannter Glitch, eine Fehlfunktion in der Programmierung einer Handelsplattform, zum Kursabsturz geführt hat. In diesem Fall wären Tausende Orderpositionen zum falschen Preis verkauft worden. Ein solcher Fall gilt aber als unwahrscheinlich: Zwar würde die betroffene Börse ihn wohl nicht melden, schon allein, um die eigene Reputation zu wahren, jedoch sollte ein veritabler Proteststurm betroffener Nutzer folgen. Dieser ist bis jetzt ausgeblieben.

Handelsplattformen für Bitcoins, Ethereum und Co. funktionieren bis auf wenige Ausnahmen als Marktplätze, bringen also Verkäufer und Käufer zusammen (ähnlich wie zum Beispiel Ebay), handeln aber nicht selbst mit den Digitalwährungen (im Unterschied etwa zum Onlinehändler Amazon). In sozialen Netzwerken äußerten einige Nutzer den Verdacht, dass hinter dem Absturz kriminelle Machenschaften stecken. Das hat die Handelsplattform GDAX dementiert – und klargemacht, dass die umstrittenen Geschäfte nicht rückabgewickelt werden.



Ethereum für 30 Millionen Dollar auf dem Markt


Höchstwahrscheinlich ist ein anderer Grund für den Kurssturz verantwortlich. Am Mittwochabend bot ein unbekannter User auf der Plattform GDAX eine riesige Stückzahl an Ethereum zum Kauf an – digitale Münzen zum damaligen Gegenwert von 30 Millionen US-Dollar. Offenbar wollte der Anleger seine Ether schnell auf den Markt bringen, das Angebot versprach, alle Kauforder zu erfüllen. Die Aufmerksamkeit war entsprechend groß. Zahlreiche Anleger witterten die Chance, günstig an Ethereum zu kommen – und unterboten sich mit Angeboten. Oft mit Erfolg: Ein Anleger berichtete dem Handelsblatt, er habe ein ein Jahr altes, längst vergessenes Kaufangebot über 27 Dollar pro Ethereum erfüllt bekommen.

„Für den Anleger ergibt sich hier eine interessante Möglichkeit: Orders fernab des Marktpreises setzen in der Hoffnung auf eine Wiederholung und auf den Kauf zu einem sehr geringen – oder den Verkauf zu einem astronomischen – Preis“, urteilt Ingo Fiedler, der an der Universität Hamburg zu digitalen Währungen forscht.

In der Folge ging der Kurs auf Talfahrt. Nun begannen zahlreiche Stop-Loss-Positionen zu wirken, die Anleger an den Börsen gesetzt hatten. Ab einer bestimmten Kursgrenze lösten diese – vollkommen automatisch – weitere Verkaufsangebote aus, was den Kursabsturz beschleunigte, wie die Börse GDAX inzwischen bestätigt hat.

Hat zum Beispiel ein Nutzer vor einigen Monaten einen Ethereum für 100 Dollar gekauft, so hat er womöglich eine Stop-Order bei 250 Dollar gesetzt mit dem Hintergedanken, bei einem Gewinn von 150 Dollar auszusteigen. Am Mittwoch richtete sich dieser Automatismus jedoch gegen den Nutzer: In dem Moment, als der Kurs unter die 250 Dollar fiel, wurde automatisch ein Verkaufsangebot zu jedem Preis veröffentlicht. Dieser automatisierte Echtzeitauftrag sorgte dafür, dass selbst noch bei einem Kurs von 13 Dollar Verkäufe durchgeführt wurden, während professionelle Anleger längst in den Wartemodus gewechselt waren.

„Mit der hinter Ethereum stehenden Technologie Blockchain hat der Preissturz nichts zu tun“, sagt Kryptowährungs-Experte Fiedler. „Vielmehr ist es ein Problem der Börsen.“ Die meisten Börsen warnten ihre Kunden inzwischen vor risikoreichen Eingaben, zum Beispiel durch Sicherheitsabfragen.


Warum der unbekannte User, der den Kursverfall ursprünglich ausgelöst hat, überhaupt Ethereum zum Wert von 30 Millionen Dollar loswerden wollte, ist offen. Eventuell wollte er schlicht vom starken Kursanstieg des Bitcoin-Konkurrenten profitieren: Seit Jahresbeginn hat die Kryptowährung um 3.500 Prozent zugelegt. Andere Spekulationen betreffen eine parallel laufende große Crowdfunding-Aktion (ein sogenanntes ICO) des Start-ups Bancor. Investoren mussten hier mit Bitcoins einsteigen, weswegen zahlreiche Anleger Ethereum in Bitcoins wechselten, was die Kurse und die hinter der Währung stehende Blockchain-Technik zusätzlich belastete.

Laut Beobachtern wirft das blauäugige Setzen von Stop-Loss-Positionen und das anschließende Klagen über verlorenes Geld unter Usern aber ein Schlaglicht auf einen Trend: Immer mehr Privatanleger sind in den vergangenen Monaten in den Markt für Digitalwährungen eingestiegen, haben sich mit Bitcoins, Ethereum und Co. eingedeckt. Aber nicht aus dem Glauben an die Technik heraus, aus dem Wunsch, eine globale Alternativwährung aufzubauen, sondern vor allem, um schnelle Spekulationsgewinne zu machen.

Plötzlich rächt sich in den Augen vieler langfristiger Investoren, dass zu viele Neuanleger weder die Kryptowährungen und die Blockchain-Technik verstanden haben, noch ein Mindestmaß an klassischem Börsenwissen aufweisen, etwa dazu, wie eine Stop-Loss-Position wirkt.



Der Kampf um die Zukunft ist entbrannt


Es gibt jedoch auch noch eine andere Sicht auf den Vorgang. So argumentiert etwa Owen Davis vom US-Newsportal Daybreaker, der nun erfolgte Flashcrash und die anschließende Erholung seien ein Zeichen dafür, dass Ethereum „erwachsen geworden“ ist. Andere Währungen hätten entsprechende Abstürze schließlich schon hinter sich. Und tatsächlich zeigt die schnelle Erholung, wie groß der Markt bereits ist. Die Nachfrage anderer Kaufinteressenten ließ den Ether-Kurs schnell wieder anziehen.

Ethereum gilt vielen als Nachfolger des Bitcoins und greift mit einem Marktwert von rund 31 Milliarden Dollar nach der Vorherrschaft. Manche Beobachter rechnen damit, dass Ethereum den Bitcoin noch in diesem Jahr überholen könnte (es zum sogenannten Flipping kommt). Schon allein die Tatsache, dass der Ethereum-Erfinder Vitalik Buterin kein Geheimnis aus sich macht wie der anonyme Bitcoin-Schöpfer (der sich Satoshi Nakamoto nennt), könnte der Währung zum Durchbruch verhelfen.

Während Bitcoin mit dem Ruf als Hackerwährung zu kämpfen hat und für viele Banken und Finanzinvestoren ein rotes Tuch ist, könnte Ethereum zur „weißen“, unbefleckten Alternative werden. „Am Ende des Prozesses könnte der Bitcoin die heutige Stellung des Goldes einnehmen als eine seltene, teure Anlage zur Wertaufbewahrung“, prognostiziert etwa Ingo Fiedler, Digitalwährungsforscher von der Universität Hamburg. Alltägliche Bezahlvorgänge würden dann mit anderen Digitalwährungen abgewickelt, eben etwa mit Ethereum oder Iota, das ganz ohne Transaktionskosten auskomme. Diese seien schlicht massentauglicher, glaubt Fiedler.



Allerdings befindet sich Ethereum noch in einem früheren Entwicklungsstadium. Die sogenannte Difficulty-Bombe beginnt gerade erst zu wirken. Für die Hersteller wird es nun immer schwieriger, neue Ethers herzustellen. Das ist beabsichtigt: Je mehr Rechenkraft in das Netzwerk gepumpt wird, desto schwieriger werden die kryptographischen Rätsel, die die sogenannten Miner zu lösen haben. So wird Inflation verhindert. Bei Ethereum scheint das Gleichgewicht jedoch langsam ins Wanken zu geraten: Die Produktion verlangsamt sich, es droht eine Währungsverknappung. Die Entwickler wollen so die Nutzer dazu zwingen können, Reformen mitzutragen. Das scheint besser zu funktionieren als bei den Bitcoins, dessen Gemeinde seit rund zwei Jahren über Änderungen am Programmcode streitet.

Die Probleme des aktuellen Ethereum-Programmcodes werden immer deutlicher. So hat das Netzwerk Probleme, mit den rapide ansteigenden Nutzerzahlen fertig zu werden. Am Tag vor dem Absturz, dem 20. Juni, wurden mehr als 300.000 Ether-Transaktionen durchgeführt, ein Allzeithoch für die erst zwei Jahre alte Währung.

Die Entwicklung bleibt also spannend. Ethereum könnte seinen weltweiten Durchbruch als „gute“ Kryptowährung erleben. Es könnte aber auch an eigenen technischen Unzugänglichkeiten und dem fehlenden Zusammenhalt der Gemeinschaft scheitern, die zerrissen ist zwischen langjährigen Anhängern und kurzfristig denkenden Spekulanten. Dann dürfte der aktuelle Absturz nur ein Vorgeschmack gewesen sein.


Die Serie

Banken zittern, Spekulanten jubeln: Aber was steckt wirklich hinter Bitcoin, Ethereum und Co.? In einer Serie behandeln wir die Welt der Digitalwährungen. Bisher erschienen:

Teil 1: Der Selbstversuch: Warum Bitcoins so verlockend sind
Teil 2: Welche Währung, welche Börse? So klappt der Einstieg
Teil 3: Mehr als ein Zockergeld: Wie das Bezahlen mit Bitcoins funktioniert

(Fortsetzung folgt.)

KONTEXT

Die wichtigsten Antworten zum Bitcoin

Was sind Bitcoins?

Bitcoins sind eine digitale Währung, deren Idee 2008 vorgestellt wurde. Die Bitcoins werden in komplizierten Rechenprozessen erzeugt, das kostet viel Zeit und Rechenleistung, wodurch eine Inflation verhindert werden soll. Auf Plattformen im Internet werden die Bitcoins gegen klassische Währungen gehandelt. Damit soll ein Geldsystem ermöglicht werden, das unabhängig von Staaten und Banken funktioniert sowie Transaktionen beschleunigt und Kosten minimiert.

Verbreitung

Pro Tag werden der Bundesbank zufolge auf der ganzen Welt 350.000 Transaktionen mit dem digitalen Tauschmittel getätigt, verglichen mit 77 Millionen Überweisungen, Lastschriften und Kartenzahlungen allein in Deutschland. Vor allem die Bitcoins haben sich über die USA hinaus zu beliebten Spekulationsobjekten mit starken Kursschwankungen entwickelt, außerdem zu einer Art Alternativwährung in Ländern mit Kapitalverkehrskontrollen. So ballt sich ein Großteil des Handels in China.

Vorteil 1

Durch Bitcoins sollen die Gebühren von Finanztransaktionen radikal absinken: Während man für eine Auslandsüberweisung über ein traditionelles Kreditinstitut schnell einen zweistelligen Euro-Betrag zahlt, ist die Gebühr für eine Bitcoin-Transaktion gering, liegt teilweise im Cent-Bereich. Zudem dauert die Transaktion meist nur Minuten, ganz egal wie groß die geografische Distanz zweier Konten zueinander ist.

Vorteil 2

Die Digitalwährung wird "peer-to-peer" gehandelt, also direkt zwischen Nutzern ohne die Hilfe von Banken. Möglich macht dies die Nutzung der Blockchain-Technik: Innerhalb des Systems werden alle Transaktionen vielfach und dezentral (und damit dauerhaft nachvollziehbar) gespeichert. Dies könnte nicht nur Währungstransaktionen ohne Zwischeninstanz ermöglichen, sondern zum Beispiel auch Immobiliengeschäfte - die Rolle des Notars übernimmt dann das Blockchain-System. Ihr Konzept hat der bis heute unbekannte Bitcoin-Erfinder Satoshi Nakamoto in seinem berühmten "White Paper", dem Gründungsdokument der Community, 2008 beschrieben. Bitcoins funktionieren außerdem "permissionless", können also ohne Erlaubnis durch eine technische Aufsichtsbehörde benutzt werden. Die Internetwährung ist zudem "trustless": Anleger müssen keiner externen Partei vertrauen, etwa auf die Autorität staatlicher Aufsichtsbehörden oder Zentralbanken, um Bitcoins nutzen zu können.

in seinem berühmten "White Paper", dem Gründungsdokument der Community

Nachteil 1

Hauptproblem für die Nutzer dürfte die starke Volatilität sein: Tatsächlich gab es seit 2014 mehrere markante Einbrüche. Im Januar war der Kurs noch unter die Marke von 800 Dollar gerutscht, auch im März hatte es einen größeren Rückschlag gegeben. Wie volatil der Kurs auf lange Sicht ist, zeigt ein Blick auf den Wertverlauf: Nach einem ersten Höchststand bei über 1.200 Dollar Ende 2013 ging es für Bitcoin-Besitzer vor allem bergab. Erst seit Ende 2015 steigt der Kurs tendenziell wieder, weist aber hohe Ausschläge nach oben und unten auf. Ein weiteres Problem: Bitcoins sehen sich harscher Kritik der Aufsichtsbehörden ausgesetzt. Kritiker monieren, dass die Digitalwährung wegen der schwer nachvollziehbaren Zahlungswege auch für kriminelle Zwecke verwendet werden kann. Die Bundesbank hatte unlängst Sparer vor Geldanlagen in der Digitalwährung gewarnt. Der Bitcoin sei "ein Spekulationsobjekt", dessen Wert sich rapide verändere, sagte Bundesbank-Vorstandsmitglied Carl-Ludwig Thiele. "Aus unserer Sicht ist der Bitcoin kein geeignetes Medium, um Werte aufzubewahren."

Nachteil 2

Absolute Sicherheit gibt es nicht, wie die Angreifbarkeit digitaler Währungen zeigt. So gab es in der Vergangenheit zahlreiche Hackerangriffe auf große Krypto-Tauschbörsen wie MtGox oder BitFinex, bei denen Nutzer Geld verloren haben. Und innerhalb der Bitcoin-Gemeinde schwelt ein Streit über die Herstellungsrechte. Auf unbedarfte Benutzer, auf die die eingeschworene Bitcoin-Gemeinschaft eher abschätzig herabblickt, lauert eine weitere Gefahr: Digitalwährungen, die sich zwar begrifflich an die Bitcoin-Währung anlehnen, hinter denen aber ein betrügerisches System steckt. Der bekannteste Fall ist der der sogenannten Onecoins. Onecoins waren nur über eine zentrale Plattform zu erwerben und auf zentralen Servern gespeichert, Nutzer somit voll dem Betreiber ausgeliefert - für die Bitcoin-Gemeinde, die sich in Online-Foren wie Reddit austauscht, klare Anzeichen für ein Betrugssystem. Inzwischen ermitteln die Behörden.

Streit über die Herstellungsrechte

die sich in Online-Foren wie Reddit austauscht