Warum die ETA ihr Ende tagelang inszeniert hat


Der amerikanische Manager John de Zulueta Greenbaum kann sich noch gut an die Zeit erinnern, als er in Madrid nur mit einem Leibwächter auf die Straße gehen konnte. „Im Auto hatten wir ein Gerät, das jeden Morgen eine neue Route zur Arbeit festgelegt hat – damit wir für mögliche Attentäter schwerer abzufangen waren“, sagt der heutige Chef der Arbeitgebervereinigung circulo de empresarios.

Zulueta ist ein baskischer Nachname, der Manager war bei mehreren ausländischen und spanischen Unternehmen in Führungspositionen und zur Hochzeit der Terrororganisation Eta unter anderem in Madrid aktiv – und damit ein potenzielles Ziel. „Die bleiernen Jahre“ nannten sie damals die Jahre, als die ETA Spanien in Angst und Schrecken versetzte.

2011 verkündete die ETA einen Waffenstillstand, seitdem hat sie keine Anschläge mehr verübt. Am Freitag hat sie im französischen Cambo les Bains ihre finale Auflösung bekannt gegeben. Es ist ein historischer Tag für Spanien, aber auch für Europa, denn mit der ETA erlischt die letzte Terrororganisation des Kontinents. Über 850 Menschen hat sie in ihrer mehr als 50 Jahre währenden Anschlagserie ermordet.


Allerdings kann von einer Selbstauflösung aus freien Stücken nicht die Rede sein. Vielmehr haben Polizei und Gerichte die Organisation in die Knie gezwungen. „Die spanische Demokratie hat die ETA besiegt“, sagte der spanische Premier Mariano Rajoy und dankte Frankreich und der EU für ihre Unterstützung.

Er kündigte an, dass die Auflösung nichts daran ändern werde, dass der Staat die ETA-Terroristen weiterhin verfolge und vor Gericht stellen werde. Über 300 Morde sind noch nicht aufgeklärt. „Es wird keine Straffreiheit geben“, so Rajoy.

Für den ETA-Experten und Buchautor Luis Aizpeolea war der Waffenstillstand 2011 der entscheidende Schritt. „Alles sprach damals gegen die ETA“, sagt er. „Sie war durch die spanischen Sicherheitskräfte und die internationale Verfolgung stark geschwächt, die Mehrheit der Basken forderte ihr Aus und demonstrierte dafür auf der Straße und in ganz Europa war das Jahrhundert der Terrorgruppen beendet.“

Für Spanien war die ETA mehr als eine Terrororganisation, in den 80er-Jahren war sie für die junge Demokratie eine existentielle Bedrohung. Die ETA gründete sich 1958 während der Franco-Zeit, kämpfte aber nach dessen Tod 1975 weiter für ein unabhängiges Baskenland, das vom Norden Spaniens bis in den Südwesten Frankreichs reichen sollte.

Außer dem Leid der Hinterbliebenen wird von der Organisation nicht viel bleiben. „Die ETA hat politisch nichts erreicht“, sagt Experte Aizpeolea. Der heutige baskische Ministerpräsident Iñigo Urkullu glaubt, dass die Organisation „Panik vor der Interpretation hat, dass sie zu nichts gut war“.

Wohl um sich gegen diese Deutung zu stemmen, hat die ETA ihr Aus tagelang inszeniert und schon vor Wochen angekündigt. „ETA kommt aus dem Volk und kehrt zum Volk zurück“, heißt mit viel Pathos in dem Schreiben vom 16. April, das die Auflösung ankündigt.

Zuvor hatte sich die Organisation bei den Opfern entschuldigt – allerdings nicht bei allen. „Infolge von Fehlern oder falschen Entscheidungen hat die ETA auch Opfer getroffen, die nicht direkt am Konflikt beteiligt waren“, hieß es in der Entschuldigung. „Wir wissen, dass unsere Handlungen auch Bürgern und Bürgerinnen Schaden zugefügt haben, die keinerlei Verantwortung hatten. (...) Diese Menschen und ihre Familien bitten wir um Verzeihung.“ 


Opferverbände kritisierten, dass die ETA zwischen irrtümlichen Opfern und ihren eigentlichen Zielen – Polizisten, Politikern oder Unternehmern unterscheidet. Auch Tausende Basken, die wegen des Terrors ihre Heimat verlassen haben, werden mit dieser Art der Entschuldigung kaum viel anfangen können. Die Daheimgebliebenen wurden unter Druck gesetzt, die Organisation zu unterstützen oder zumindest zu decken.

Die spanische Regierung wird mit den noch gesuchten ETA-Terroristen keine Gnade walten lassen. Anders könnte es jedoch für die 385 ETA-Häftlinge aussehen, die derzeit in Gefängnissen in ganz Spanien verteilt sind. Internationale Vermittler wie der südafrikanische Anwalt und Friedensexperte Brian Currin forderten bei der Auflösungs-Zeremonie in Frankreich, die Inhaftierten sollten in Gefängnisse im Baskenland überstellt werden, damit sie näher bei ihren Angehörigen sind.