Kommentar: Essener Tafel - Warum die Reaktionen von Merkel und Dobrindt so heuchlerisch sind

Hannah Klaiber
Freie Journalistin
Angela Merkel rügt die Tafel Essen für ihre umstrittene Entscheidung. (Bild: Getty Images)

Die Essener Tafel vergibt neue Berechtigungen zum Empfang von Lebensmitteln vorerst nur noch an Bedürftige mit deutschem Ausweis. Dafür wird sie von der Politik gerügt und gefeiert. Beides ist gleichermaßen abstoßend. Das Plädoyer einer Ehrenamtlichen.

Das Ehrenamt ist das Rückgrat unserer Gesellschaft. Diesen Spruch wiederholen Politiker in regelmäßigen Abständen, um uns Helfer irgendwie bei Laune zu halten und darüber hinwegzutäuschen, dass wir von ihnen oft nicht nur hängengelassen, sondern sogar boykottiert werden. Ich arbeite seit zehn Jahren als ehrenamtliche Helferin und das sozusagen branchenübergreifend. Angefangen habe ich in der Altenpflege und bei der Deutschen Tafel, dann war ich bei der Flüchtlingshilfe aktiv, nun bin ich regelmäßig als ehrenamtliche Sanitäterin im Einsatz. In all dieser Zeit habe ich nicht nur gelernt, mit Menschen, Krankheiten, Not, Hunger oder gar dem Tod (besser) umzugehen – ich habe nun auch eine Ahnung davon, wie Politik eigentlich funktioniert.

Debatte um Essener Tafel: Kipping fordert Hilfe für alle Bedürftigen

So war es für mich persönlich keine große Überraschung, wie sich der Fall um die Tafel in Essen entwickelt hat. Seinen Anfang fand der Skandal im Januar 2018, als der Verein entschlossen hatte, die Berechtigung zum Empfang von Lebensmitteln vorübergehend nur noch für Bürger mit deutschem Ausweis auszustellen.*

Ein Entschluss, der für mich persönlich nicht nachvollziehbar ist. Er ist aber gefallen. Und genau in jenem Moment hätten die Kommunalpolitiker reagieren müssen: Warum ist es euch nicht möglich, alle Bedürftigen mit Essen zu versorgen? Braucht ihr Hilfe? Wie wäre es, wenn wir euch Sozialarbeiter stellen, die euch bei dieser Herausforderung unterstützen?

Leider gibt es keine staatlichen Blaulicht-SOS-Teams

Natürlich wurden diese Fragen nie gestellt. Ich frage mich: Warum nicht? Das Ehrenamt kann und darf das Rückgrat einer Gesellschaft sein, aber nicht ihr Herz. In dem Moment, in dem Grundbedürfnisse wie Nahrung, Schlafplätze oder die medizinische Versorgung von ehrenamtlichen Institutionen nicht mehr gewährleistet werden können – und zwar ganz egal, aus welchem Grund – muss der Sozialstaat greifen. Doch leider gibt es sie nicht, die staatlichen Blaulicht-SOS-Teams, die bei Engpässen den Helfern helfen. Deshalb passiert, was passieren muss. Es kommt der Zeigefinger á la Angela Merkel: „Da sollte man nicht solche Kategorisierungen vornehmen. Das ist nicht gut.”

Die Tafeln sammeln überschüssige Lebensmittel und verteilen diese an sozial und wirtschaftlich Benachteiligte. (Bild: Getty Images)

Oder ein Alexander Dobrindt, der das wahre Problem natürlich blitzschnell analysiert: Es dürfe nicht sein, dass „die, die angestammt berechtigt sind“ durch respektloses Verhalten anderer von der Tafel ausgeschlossen würden. Während Merkel in ihrem Statement weder Lösungsvorschläge, noch Hilfe anbietet, spielt Dobrindt nun also die Ärmsten gegeneinander aus. Deutsche Hilfsbedürftige vs. Flüchtlinge – das wird die Situation natürlich verbessern (Vorsicht: Ironie). Das traurige ist doch: Weil die Politik nicht auf die eigentlichen Probleme eingehen möchte, wird entweder gegen die Institutionen oder gar die Bedürftigen gewettert.

Zwischen Eigenverantwortung und Sozialstaat steht die solidarische Gesellschaft

Worum geht es also wirklich? Es geht um die Ärmsten in unserem Land, die sich auf deutschen Straßen um Essen streiten müssen. Es geht um den Verteilungskonflikt zwischen den Oberen und den Unteren. Es geht um Rentner, denen die Rente nicht zum Leben reicht, um Studenten, die sich wegen der hohen Mietpreise kein Essen mehr leisten können. Es geht um Hartz-IV-Empfänger, denen die Lebensgrundlage entzogen wird. Es geht um Flüchtlinge und Asylbewerber, die komplett alleine gelassen werden.

Es geht darum, dass zwischen der Eigenverantwortung und dem Sozialstaat die solidarische Gesellschaft steht. Fällt eine Säule weg, bricht alles zusammen. Liebe Frau Merkel, lieber Herr Dobrindt: Ehrenamtliche kämpfen in ganz Deutschland jeden Tag dafür, die Grundbedürfnisse der Menschen in unserem Land zu gewährleisten. Es wäre so schön, wenn Sie anfangen würden, uns dabei zu helfen.

*Aufnahmestopp bei der Essener Tafel: Das ist passiert

Im Internet hatte der gemeinnützige Verein Essener Tafel im Januar erklärt: „Da aufgrund der Flüchtlingszunahme in den letzten Jahren der Anteil ausländischer Mitbürger bei unseren Kunden auf 75 Prozent angestiegen ist, sehen wir uns gezwungen, um eine vernünftige Integration zu gewährleisten, zurzeit nur Kunden mit deutschem Personalausweis aufzunehmen.”

Eigentlich darf jeder, der seine Bedürftigkeit nachweisen kann, Lebensmittelspenden der Deutschen Tafel entgegennehmen. In vielen Städten werden dafür Sozialpässe ausgestellt, wer diesen bekommt, wird von der Kommune festgelegt. Auch wird vor Ort nach intensiver Betrachtung der realen Lebenshaltungskosten eine Einkommensobergrenze festgelegt. Jeder Erwachsene muss pro Ausgabe einen Euro Schutzgebühr bezahlen. Wer seinen Termin nicht einhalten kann, muss sich telefonisch abmelden. Wer das drei Mal versäumt, verliert seine Berechtigung.

Im Video: Jeder fünfte Deutsche von Armut bedroht