Essener Tafel schüttet „Wasser auf die Mühlen der Rechtspopulisten“

Die Essener Tafel nimmt keine neuen Migranten mehr auf. Andere Tafeln sehen darin einen Verstoß gegen die Grundsätze.


Die Essener Tafel sorgt für Schlagzeilen: Sie nimmt nur noch Menschen mit deutschem Pass neu in die Kartei auf. Grund sei der in den vergangenen zwei Jahren auf 75 Prozent gestiegene Anteil an Migranten, erklärte Vereinsvorsitzender Jörg Sartor die Entscheidung. Das berichtete die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ am Donnerstag.

Nun hagelt es Kritik: „Man diskriminiert ja eine Gruppe“, sagte der Chef der Tafeln in Niedersachsen und Bremen Manfred Jabs am Freitag der dpa. „Das widerspricht eigentlich den Grundsätzen der Tafeln. Da muss man andere Wege finden.“

„Es ist definitiv das falsche Signal. Außerdem sind die Aussagen Sartors migrationstheoretisch sehr bedenklich, da sie Ungleichheit unter ethnischen Gruppen suggerieren“, meint Haci-Halil Uslucan, Leiter des Zentrums für Türkeistudien und Sachverständiger für Migration, im Gespräch mit dem Handelsblatt.


Der „Spiegel“ zitierte Sartor, unter Syrern und Russlanddeutschen gebe es ein „Nehmer-Gen“. „Die Argumentation in dem Sinne ‚Die anderen nehmen uns was weg’ ist ein gefährlicher Weg“, sagte Uslucan. Er verweist stattdessen auf den Ansatz, der von der Tafel in Mönchengladbach gewählt wurde. Auch dort habe es zuletzt einen starken Andrang von Bedürftigen mit Migrationshintergrund gegeben. Die Mönchengladbacher Tafel schaffe die Entlastung, indem sie einen zusätzlichen Ausgabetag nur für Migranten eingerichtet habe.

Nach Ansicht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes spiele die Essener Tafel mit dieser Entscheidung extremistischen Parteien in die Hände. „Natürlich kann ich nachvollziehen, dass Tafeln unter großem Druck stehen und ihre Ressourcen im Blick haben müssen“, sagte Landesgeschäftsführer Christian Woltering am Freitag der dpa. „Aber Maßnahmen wie ein Aufnahmestopp sind Wasser auf die Mühlen der Rechtspopulisten“.

Der Grüne Bundestagsabgeordnete Kai Gehring teilte mit, es widerspreche den Grundsätzen der Tafeln in Deutschland, die Essensvergabe an die Staatsangehörigkeit zu koppeln. Ähnlich äußerte sich der Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW Karl-Josef Laumann: „Bei großem Andrang müssen Kriterien gefunden werden, wie diese begrenzten Mittel verteilt werden. Ob die Staatsangehörigkeit hier das richtige Mittel ist, daran habe ich persönlich Zweifel.“

Aber der Verein erntete auch Lob für die Entscheidung. Die Tageszeitung „Die Welt“ schrieb in einem Kommentar: „[Die Essener Tafel] hat richtig gehandelt. Die Übergangshilfe für Flüchtlinge gehört in andere Hände.“ Die Pforzheimer Zeitung lobte die Essener, die Notbremse gezogen zu haben: „So viel Sachlichkeit tut gut. Allen Beteiligten.“


Der Sozialverband Deutschland sieht hinter dem Aufnahmestopp ein größeres Problem und moniert unzureichende staatliche Leistungen: „Die Tafeln sind Lückenbüßer dafür, dass staatliche Leistungen nicht reichen“. Das Vorgehen der Essener Tafel sei aber dennoch nicht richtig.

Der Vorsitzende der Essener Tafel Sartor erklärte seine Entscheidung damit, dass ein schleichender Verdrängungsprozess stattgefunden habe. Ältere Tafelnutzer und alleinerziehende Mütter fühlten sich von den vielen fremdsprachigen jungen Männern in der Warteschlange abgeschreckt. Bei diesen sei teilweise „mangelnder Respekt gegenüber Frauen“ zu beobachten. „Wir wollen, dass auch die deutsche Oma weiter zu uns kommt.“, sagte Sartor der „WAZ“. „Ich stehe dazu“, sagte er zur Kritik an der Entscheidung. Die Reaktionen seien zu 80 Prozent positiv.

Zudem handele es sich beim Aufnahmestopp für Migranten nur für eine vorübergehende Maßnahme – „wahrscheinlich nicht über den Sommer hinaus“. Die Essener Tafel bewahrt Lebensmittel vor der Vernichtung auf und verteilt diese dann an Bedürftige. Die Empfänger müssen der Hilfsorganisation nachweisen, dass sie Hartz IV, Grundsicherung oder Wohngeld beziehen.