Essener Klinikchef zur Corona-Lage auf seiner Intensivstation: "Die Lage spitzt sich kontinuierlich zu"

Franziska Telser
·Lesedauer: 5 Min.

Noch lässt sie sich nicht ganz sicher beurteilen, die Infektionslage in Deutschland nach den Ostertagen. Wichtige Kennwerte weisen aber auf einen deutlichen Anstieg der Fälle hin. So stieg die Inzidenzzahl der binnen sieben Tage gemeldeten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner laut Angaben des Robert Koch-Instituts am Donnerstag auf 160,1. Ähnlich hoch hatte sie zuletzt Mitte Januar gelegen.

Deutlich bemerkbar macht sich das verstärkte Infektionsgeschehen auf den Intensivstationen. Bereits seit Mitte März werden wieder vermehrt Covid-19-Patienten eingeliefert. „Die Lage spitzt sich kontinuierlich zu“, sagt Jochen Werner, Ärztlicher Direktor vom Universitätsklinikum Essen. Aktuell werden dort 72 Covid-19-Patienten behandelt, davon liegen 38 auf der Intensivstation. Das seien zwar noch etwas weniger als der Höchststand in der zweiten Welle kurz vor Weihnachten (143 Patienten, davon 41 intensiv), aber auch wieder deutlich mehr als noch im Mitte März (57 Patienten, davon 24 intensiv). „Wir befinden uns zweifellos wieder auf dem Weg in eine sehr kritische Situation“, sagt Werner.

Planbare Eingriffe werden wieder verschoben

Bundesweit liegen die Essener Universitätskliniken im Millionen-Ballungsraum Ruhrgebiet nach der Charité Berlin bei der Corona-Patientenzahl in der Spitzengruppe. Um bestmöglich auf die Situation zu reagieren, hat das Klinikum ein flexibles Handlungskonzept entwickelt, das die gesamten Kapazitäten in Abhängigkeit von den Covid-19 Patienten tagesaktuell steuert.

Aufgrund der steigenden Belastung habe das Klinikum trotzdem bereits wieder damit beginnen müssen, andere nicht unmittelbar notwendige Behandlungen zurückzufahren, sagt Werner. Natürlich tue man weiterhin alles dafür, dass jeder Patient mit einer schweren Erkrankung adäquat und professionell behandelt wird. Aber: „Wir werden weitere Einschränkungen zum Beispiel bei verschiebbaren elektiven Eingriffen vornehmen müssen, weil wir die Kapazitäten an anderer Stelle benötigen“, sagt der ärztliche Direktor. Derzeit verfüge die Klinik nur noch über wenige Intensivbetten — sowohl für Covid als auch für Non-Covid-Patienten.

Beachtliche Folgeschäden für alle

Die Pandemie betrifft also die Gesamtheit aller Patientinnen und Patienten und nicht nur die an Covid-19 erkrankten Menschen. Ein Punkt, findet Werner, der in der Corona-Debatte unterrepräsentiert ist. „Ich befürchte, dass die medizinischen Folgeschäden durch verschobene oder unterlassene Behandlungen beträchtlich sind und ebenso wie die gesellschaftlichen Auswirkungen erst in den nächsten Monaten und Jahren in vollem Umfang sichtbar werden“, sagt er. Ganz abgesehen von den Folgen von Long Covid für zuvor Gesunde und vor allem auch chronisch Kranke.

Was auffällt: Das Verhältnis von normal-stationären zu intensivpflichtigen Patienten hat sich im Universitätsklinikum Essen verändert. Waren es zur Jahreswende noch rechnerisch 2,5 Patienten auf der Normalstation zu einem Intensivpatienten, sind mittlerweile beide Gruppen in etwa gleich groß. Die Gründe sind laut Werner komplex. Zum einen zeige sich bereits eine Wirkung der Impfquote der älteren Menschen, die in einem deutlich geringeren Umfang im Krankenhaus behandelt werden müssen. Außerdem könne man mittlerweile mit einer Antikörpertherapie in der frühen Erkrankungsphase einige stationäre Langzeitaufenthalte vermeiden.

„Weiterhin müssen wir an die Mutante B 1.1.7 denken“, sagt Werner. Nach aktueller Studienlage geht diese mit aggressiveren Krankheitsverläufen einher. Das hat zur Folge, dass deutlich mehr der sogenannten ECMOs benötigt werden. Dabei handelt es sich um eine Maschine, die außerhalb des Körpers das Blut eines Patienten mit Sauerstoff versorgt, weil die schwer geschädigte Lunge diese Aufgabe nicht mehr erfüllen kann.

Patienten im Durchschnitt zehn Jahre jünger

Nicht nur die Konstitution, auch die Altersstruktur der Patienten hat sich verändert. Rund 50 Jahre beträgt das derzeitige Durchschnittsalter der stationären Covid-19-Erkankten am Klinikum Essen — und liegt damit etwa zehn Jahre unter dem der zweiten Welle. In der Intensivmedizin lasse sich derzeit ein durchschnittliches Alter von knapp 60 Jahren feststellen, sagt Werner. „Wir erwarten allerdings, dass sich auch dieser Altersdurchschnitt recht bald verringern wird.“

Ähnlich wie im Uniklinikum Essen sieht es derzeit in vielen anderen deutschen Kliniken aus. Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) erwartet, dass der bisherige Höchststand von etwa 6.000 Covid-19-Intensivpatienten noch im April wieder erreicht wird. „Wir bekommen von allen Klinikstandorten die gleichen Berichte, dass in der dritten Welle deutlich jüngere Patienten auf den Intensivstationen aufgenommen werden“, sagte der Divi-Präsident Gernot Marx kürzlich in einem Interview mit der „Augsburger Allgemeinen Zeitung“.

Im Vergleich zur zweiten Welle im vergangenen Winter gebe es nun viel mehr jüngere schwerkranke Patienten. „Wir sehen inzwischen sehr viele Vierzig- bis Fünfzigjährige mit sehr schweren Corona-Verläufen auf den Intensivstationen“, so Marx. „In der ersten und zweiten Welle waren unter 50-Jährige noch eine eher seltene Ausnahme.“ Unter den 50-Jährigen sterbe jeder fünfte Intensivpatient, bei den Älteren im Schnitt jeder zweite.

Droht eine Überlastung des Gesundheitssystems?

Angesichts der steigenden Patientenzahlen hat auch der Vorsitzende des Weltärztebundes vor einer Zuspitzung der Lage in den deutschen Krankenhäusern gewarnt. "Wir werden in den Kliniken jetzt eingeholt von den Infektionen, die vor vier Wochen stattgefunden haben", sagte Frank Ulrich Montgomery der „Passauer Neuen Presse“ am Samstag. Auch die Triage werde „mit Sicherheit“ wieder im Raum stehen. Triage bedeutet, dass Mediziner aufgrund von knappen Ressourcen entscheiden müssen, wem sie zuerst helfen. „Wir waren sehr dankbar, dass sie in den ersten beiden Wellen nicht gebraucht wurde.“ Es sei aber vorstellbar, dass sie noch angewendet werden müsse.

Jochen Werner vom Universitätsklinikum Essen geht allerdings nicht davon aus, dass es zu einer derartigen Situation kommt, sollten von der Politik die notwendigen Maßnahmen zur Eindämmung des Infektionsgeschehens getroffen und umgesetzt werden. „Was wir aber leider zunehmend praktizieren, ist eine Mangelverwaltung unserer ECMO-Plätze bei zu hoher Nachfrage“, sagt er. Dies zeige die Brisanz der Situation. Trotz allem dürfe man aber nicht vergessen, dass das deutsche Gesundheitssystem trotz der großen traditionellen Kerngeschäft leistungsfähig und resilient ist.

Mit Material der dpa