„Es ist alles Plastik“: Warum die roten Teppiche heutzutage so langweilig sind

Ryan Seacrest berichtet für E! seit über zehn Jahren vom roten Teppich. Jetzt fragen sich die Leute, ob es nicht Zeit ist für frische Gesichter. (Bild: Getty Images)

Die Saison der Preisverleihungen 2018 endete am Sonntag mit der Verleihung der 90. Academy Awards – der Abschluss einer Saison, die zahlreiche symbolische Gesten erlebte und wenig Unterhaltungswert bot.

Und mit diesem Ende kommt die Frage: Ist die jahrzentealte Tradition der großen Auftritte auf dem roten Teppich und die Analyse der Kleidung der Stars überholt?

Ein schneller Blick in die sozialen Medien deutet darauf hin – ebenso wie die Einschaltquoten bei der Oscarverleihung. Die Zuschauerzahlen für die Preisverleihung am Sonntagabend waren auf einem historischen Tiefstand und folgten dem beständigen Rückgang der vergangenen Jahrzehnte.


Warum kann nicht die Besetzung von ‘Queer Eye’ alle auf dem roten Teppich interviewen statt dieser ängstlichen langweiligen Leute?


Unbeliebte Meinung: Ich liebe Kino, aber die #Oscars sind eine überbewertete und unnütze Show.

Verbrachte ein bis zwei Stunden damit, über die Outfits auf dem roten Teppich zu reden
Langweilige Dynamik und Grafiken
Jedes Jahr die gleichen Reden
Marketingspiele hinter der Bühne (und auch Geld), um die Ergebnisse zu beeinflussen


Jemand muss dieses E!-rote-Teppich-Format durchbrechen. Es ist überholt. Ermüdend. Langweilig.

Der Rückgang der Zuschauerzahlen kann auf eine Reihe von Gründen zurückgeführt werden, darunter auch die insgesamt zurückgehenden TV-Zuschauerzahlen im Internetzeitalter, die generelle Verachtung von Hollywoods Elitismus, die in Amerika herrscht, und langweilige Red-Carpet-Moderatoren, deren Interviews alles andere als interessant sind.

Es war offensichtlich, dass die Moderatoren der diesjährigen Übertragungen – so wie Guiliana Rancic und Ryan Seacrest für E! – zunehmend unwichtiger und unerträglicher werden, wenn man an ihre Fehltritte mit kulturell unpassenden Kommentaren und Belästigungsvorwürfen denkt – neben dem ohnehin schon fehlenden Charisma auf dem roten Teppich. Aber es gibt scheinbar einen Grund dafür, dass sie immer noch dabei sind.

Robert Thompson, Direktor des Bleier Center for Television and Popular Culture an der Syracus University erklärt Yahoo Lifestyle: „Ich finde die Vorgehensweise von Ryan Seacrest außerordentlich öde und langweilig, die gleiche alte Leier. Aber die Leute, die diese Dinge planen, wollen mit ihren Shows nicht mich unterhalten, sie machen dies, um ihre Zuschauerzahlen zu maximieren.“

Er fährt fort: „Denken Sie daran, dass Seacrest lange Zeit die beliebteste TV-Sendung moderierte – ‚American Idol‘. Vielleicht ist diese Art von Lauheit eines Typen wie Seacrest die Art, um die meisten Leute zu erreichen, indem man niemanden ausreichend zufriedenstellt. Es ist diese Ästhetik eines Quizshow-Moderators – man wählt jemanden, den alle tolierieren können. Das funktionierte früher, als es nur drei Kanäle und wenig Auswahl gab.“

Joan Rivers, die 2014 starb, war eine Entertainerin, die regelmäßig vom roten Teppich berichtete und die erfolgreiche Show „Fashion Police“ startete, die 2017 auslief. (Bild: Getty Images)

Außerdem gibt es seit dem Tod von Joan Rivers 2014 eine ungefüllte Lücke bei Unterhaltungssendungen in der Awards Season. Denken Sie, was Sie wollen über Rivers‘ „konfuses Vermächtnis“ (wie die “Washington Post” es formulierte) und ob ihr Interview-Stil heutzutage noch ankommen würde, wenigstens war das Unterhaltung um der Unterhaltung willen. Mathieu Deflem, ein Soziologieprofessor an der University of South Carolina, sagte Yahoo Lifestyle, dass er zweifle, dass es ein neues Talent geben werde, das Rivers‘ Nische ausfüllen kann, jetzt, wo die Berichterstattung über Preisverleihungen „wegen der Zuschauerzahlen [und] des Wettbewerbs auf dem Markt um die Zuschauer und Werbekunden nur mehr sicher gespielt wird.“

Angenommen, die Moderatoren für die Berichterstattung bleiben dieselben, aber vielleicht könnte sich ja das Format der Pre-Show-Berichterstattung verändern? Bisher sieht das Format vor, dass Stars am roten Teppich ankommen, für die Fotografen posieren (auch wenn viele der Promis bereits ihre Beauty- und Style-Looks auf ihren persönlichen Instagram Accounts gepostet haben) und dann mit unzähligen Medienvertreten Interviews im Speed-Dating-Stil absolvieren, die oft die gleichen langweiligen Fragen stellen.

„Das Level der Konversationen, das auf diesen roten Teppichen herrscht, ist nicht sehr viel detaillierter als das Level eines Tweets”, sagt Thompson. „Die Form steht wirklich im Widerspruch zu der Idee, etwas Interessantes zu erfahren und man bekommt das Gefühl, alles, was jemand gesagt hat, wurde schon einmal gesagt.“

Die „Oberflächlichkeit und der Überfluss” des roten Teppichs sind nicht per se schlecht, erklärt Andrea McDonnell, Assistenzprofessorin für Communication and Media Studies am Emmanuel College. Das Problem ist, wie wir Promis heute im Gegensatz zum Zeitalter vor den sozialen Medien sehen, als Klatschblätter die vorrangige Quelle für Promi-Neuigkeiten waren.

Bild: Getty Images

„Wenn ich Jennifer Lawrence auf Instagram folge, sehe ich ihre Bilder neben denen meiner Freunde”, erklärt McDonnell Yahoo Lifestyle. „Diese Grenze zwischen Promis und normalen Menschen und wie wir digital mit ihnen interagieren, verschwimmt ein wenig, sie ist definitiv aufgeweicht.“

Sie fügt hinzu: „Ein Grund, warum die roten Teppiche der Preisverleihungen sich überholt anfühlen, ist, weil Promis allgegenwärtig sind und wir das Gefühl haben, wir erhalten Informationen direkt von ihnen, wenn wir ihnen in den sozialen Medien folgen. Deshalb erscheinen die durchgeplanten, geleiteten Erfahrungen mit einem Moderator wie Ryan Seacrest sehr gesetzt und passen nicht zu dem, wie wir Promis täglich wahrnehmen.“

Weiters stellt sich auch die Frage, ob man Schauspieler in der Nach-Weinstein- und #AskHerMore-Ära, in der Frauen nicht nur den Designer ihres Outfits aufsagen sondern über ihre Arbeit sprechen wollen, noch zu ihren Kleidungsstücken befragen sollte. Auch wenn die derzeitigen Moderatoren noch die richtige Balance finden müssen, schließen sich Fragen zu Mode- und soziopolitischen Themen nicht zwingend aus und sind gleichermaßen berechtigt.


Es gibt auf E! sehr wenig (schockierend wenig) Gespräche über Mode, was mir das Gefühl gibt, zu sagen: Mode zu mögen oder an ihr interessiert zu sein, ist nichts Schlimmes, das macht einen nicht oberflächlich oder ignorant oder einfältig.

Manche befürworten die Parade auf dem roten Teppich, nur um den Mode-Rummel zu genießen, aber es gibt auch diejenigen, die argumentieren, Hollywoods Stylisten haben der Vergangenheit des roten Teppichs den ganzen Spaß genommen. Und auch wenn Hollywood auf dem roten Teppich selbst mehr Inklusivität zeigt, scheitern Designer bedauerlicherweise noch immer daran, Schauspielerinnen mit größeren Größen etwas zu bieten, eine erwähnenswerte Ausnahme ist Christian Siriano, ein Geschenk Gottes, der allein bei den diesjährigen Oscars 17 Stars einkleidete.

Thompson schlägt vor: „Wenn man versuchen würde, dieses Pre-Show-Programm zu erneuern, dann müssten damit struktuelle Veränderungen einhergehen, etwa dass man nicht die ganze Zeit auf dem roten Teppich verbringt oder die Moderatoren wechselt oder dass man Aufritte zeigt, statt nette Fragen zu stellen.

„Moses ist nicht vom Berg gestiegen und sagte, so und nicht anders muss man diese Pre-Shows machen”, fährt Thompson fort. „Sie könnten alles Mögliche machen in diesen zwei Stunden, etwa witzige Sketche oder etwas Animiertes, was auch immer. Aber jetzt ist wohl die Zeit, dies zu überdenken, statt es auf die selbe alte Tour zu machen.“

Selbstverständlich wird die Berichterstattung vom roten Teppich nie allen Leuten gefallen. (Manche schalten die Pre-Shows nicht ein, egal was passiert: „Ich finde [rote Teppiche] un- oder anti-demokratisch, wenn nicht sogar einfach lächerlich. … Ich finde, die Leute sollten für ihre Fähigkeiten gefeiert werden, aber… ich verfolge auch nicht, was die Kardashians machen“, sagte Michael Rockland, Professor für American Studies an der Rutgers University, gegenüber Yahoo Lifestyle.)

„Die Falschheit all dessen ist es, was mich am meisten amüsiert“, sagt Deflem. „Die Stars sind falsch, die Fragen sind falsch, die Antworten sind falsch. Es ist ein Wohlfühlmoment für Promis, die zu viel Geld machen und so tun, als wären ihnen die normalen Menschen da draußen wichtig. Das ist alles Plastik und wir lieben es!“

Alexandra Mondalek