„Meine Erwartungen tendieren gegen Null“


Der frühere Präsident des Weltstahlverbandes Wolfgang Eder glaubt nicht an ein schnelles Ende der weltweiten Überkapazitäten beim Stahl. „Meine Erwartungen in den kommenden Jahren tendieren auf Basis der Erfahrungen gegen Null“, sagte Eder, der seit 2004 an der Spitze des österreichischen Technologie- und Stahlkonzerns Voestalpine steht, am Mittwochabend in Düsseldorf.

Am heutigen Donnerstag kommen im Bundeswirtschaftsministerium Vertreter der führenden Wirtschaftsmächte zu einem Spitzentreffen zusammen, um Wege aus der Krise der Stahlbranche zu finden. Dabei geht es um einen gemeinsamen Kurs gegen Überkapazitäten und Dumpingpreise auf dem internationalen Stahlmarkt.

Trotz seiner Skepsis begrüßte Eder die Initiative der Bundesregierung zum Ende ihrer einjährigen G20-Präsidentschaft: „Es hat den Anschein, als ob es mittlerweile ein Bewusstsein für das Problem gibt. Es ist gut, das auf eine globale Ebene zu heben.“


Nach Schätzungen der OECD liegen die Überkapazitäten weltweit bei knapp 900 Millionen Tonnen – einem Verbrauch von 1,6 Milliarden Tonnen steht eine Produktionskapazität von 2,4 Milliarden Tonnen gegenüber. Mehr als die Hälfte der Überkapazitäten entfällt auf China.

Trotz aller Bekundungen der Regierung in Peking, alte Stahlwerke zu schließen, geht selbst die OECD davon aus, dass die chinesischen Stahlkonzerne ihre Produktion in diesem und im kommenden Jahr noch einmal leicht ausweiten werden. Aber auch die europäischen Stahlkocher produzieren mehr als nachgefragt wird: Die Differenz liegt zwischen 30 und 40 Millionen Tonnen – auch hier ist eine Reduzierung nicht in Sicht.

Entsprechend vorsichtig äußerte sich Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) im Vorfeld des Treffens. „Wir arbeiten mit Hochdruck daran, diese Verhandlungen zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen. Ob das gelingt, ist allerdings noch offen“, hatte sie vor dem Treffen in Berlin gesagt. Miteinander beraten wollen Vertreter der G20-Gruppe der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer sowie weiterer Staaten aus der Industrieländer-Organisation OECD.

Gerade chinesische Konzerne haben in den vergangenen Jahren ihre Überproduktion auf die weltweiten Märkte geworfen und dadurch einen dramatischen Preisverfall ausgelöst, der gerade europäische Stahlhütten fast in Existenznöte gebracht haben. Die EU und auch die USA haben auf diese ihrer Sicht „unfairen Praktiken“ mit zahlreichen Anti-Dumping-Maßnahmen geantwortet. Dadurch, aber auch wegen der guten Nachfrage nach Stahl und Erzeugnissen aus diesem Werkstoff vor allem aus der Autoindustrie und dem Maschinenbau, haben sich die Preise in diesem Jahr deutlich erholt. Viele Stahlkonzerne aus Europa schreiben wieder kräftige Gewinne.


Vorreiter ist die Voestalpine, die schon vor Jahrzehnten begonnen hat, sich auf Produkt- und Systemlösungen aus Stahl und anderen Metallen in technologieintensiven Bereichen wie der Bahn-, Flugzeug- und Autoindustrie zu konzentrieren. Der österreichische Konzern, dessen wichtigster Einzelmarkt Deutschland ist, macht mittlerweile nur noch 30 Prozent seines Umsatzes mit Stahl. Dieser ist wiederum hochspezialisiert und entzieht sich damit weitgehend dem Preisdruck, der regelmäßig von importierten Billigstählen aus Asien oder auch Russland ausgelöst wird.

„Entscheidend für die Zukunft der Industrie in Europa kann niemals das simple Denken in Masse, etwa in Millionen Tonnen sein, sondern muss die Ausrichtung auf Innovation, Qualität und damit Profitabilität sein – das gilt auch und ganz besonders für die Stahlindustrie“, sagte Eder. „Mit Massenstählen werden wir in Europa nicht erfolgreich sein können“, sagte Eder.

Der Erfolg gibt ihm Recht: Voestalpine wird im laufenden Geschäftsjahr nach Schätzungen von Marktbeobachtern einen Umsatz von rund zwölf Milliarden Euro erzielen und seinen operativen Gewinn (Ebitda) von zuletzt 1,54 Milliarden Euro noch einmal spürbar verbessern. Dazu gehören aber auch laufende Einsparungen von rund 300 Millionen Euro pro Jahr. Erst vor wenigen Wochen hatte Voestalpine den Bau eines hochmodernen Edelstahlwerks in Österreich beschlossen – es ist der erste Neubau eines Stahlwerks auf europäischen Boden seit rund 40 Jahren.

KONTEXT

Die größten Stahlproduzenten in Deutschland

ESF Elbestahlwerke Feralpi

Der Stahlproduzent aus dem sächsischen Riesa wurde 1992 gegründet und produziert unter anderem Stranggussknüppel, Betonstabstahl und Walzdraht. 2016 produzierte Feralpi eine Million Tonnen Stahl.

Quelle: Wirtschaftsvereinigung Stahl

Lech Stahlwerke

1970 wurde das Stahlwerk im bayrischen Meitingen gegründet. Das Unternehmen hat sich auf Betonstahl spezialisiert. Lech produzierte 2016 1,2 Millionen Tonnen Stahl.

Georgsmarienhütte

1,3 Millionen Tonnen Stahl produzierte das Stahlwerk 2016. Georgsmarienhütte wurde 1856 in der gleichnamigen Stadt in Osnabrück gegründet. Das Unternehmen produziert Stabstahl, Halbzeug und Blankstahl.

Riva

Der italienische Stahlkonzern hat mehrere Werke in Deutschland. 1954 wurde das Unternehmen von den Brüdern Emilio und Adriano Riva in Mailand gegründet. 2016 produzierte Riva in Deutschland 1,8 Millionen Tonnen Stahl.

Dillinger Hütte

Das Hüttenwerk (Anlage zur Erzeug von Stahl und Eisen aus Erzen) mit Sitz im saarländischen Dillingen produzierte 2016 2,2 Millionen Tonnen Stahl. Das Unternehmen wurde bereits 1685 gegründet.

Badische Stahlwerke

Der Stahlhersteller wurde 1955 im baden-württembergischen Kehl gegründet und produziert hauptsächlich für die Bauindustrie. 2016 konnte das Unternehmen 2,4 Millionen Tonnen Stahl produzieren.

Saarstahl

1989 wurde der Stahlproduzent im saarländischen Völklingen gegründet. 2016 produzierte er 2,5 Millionen Tonnen Stahl.

Salzgitter

Die Wurzeln der 1998 im niedersächsischen Salzgitter gegründeten Salzgitter AG gehen ins Jahr 1858 zurück. Rund sieben Millionen Tonnen Stahl produzierte das Unternehmen 2016.

Arcelor-Mittal

Der Konzern ging 2007 aus der Fusion der niederländischen Mittal und Arcelor aus Luxemburg hervor. Der Konzern hat mehrere Standorte in Deutschland und produzierte 2016 hierzulande 7,8 Millionen Tonnen Stahl.

Thyssen-Krupp

1999 wurden die Ruhrgebietskonzerne Krupp-Hoesch und Thyssen zusammengelegt. Deutschlandweit ist das Unternehmen mit Sitz in Essen der größte Stahlproduzent. Allein 2016 fertigte er 12,1 Millionen Tonnen Stahl.