Warum Erstwähler die Bundestagswahl entscheiden könnten

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2,9 Millionen – so viele junge Menschen werden am 26. September zum ersten Mal bei einer Bundestagswahl ihr Kreuz setzen. Sie könnten die Wahl entscheiden, denn die dürfte denkbar knapp werden. Nur wenige Prozentpunkte trennen aktuell die Parteien voneinander. Erstwähler und -Wählerinnen machen insgesamt 4,6 Prozent der Wahlberechtigten aus. Hätten sie eine eigene Partei, könnte ihnen folglich fast der Einzug in den Bundestag gelingen.

Hinzu kommen 8,4 Millionen Jungwähler und -wählerinnen die unter 30 sind und dieses Jahr erst zum zweiten oder dritten Mal an einer Bundestagswahl teilnehmen. Diese Jungwähler interessieren sich für demokratische Prozesse und wollen sich einbringen: 92,4 Prozent der jungen Menschen sagen, dass Demokratie ihnen wichtig ist. Dies hat eine repräsentativen Umfrage von "Unmute now" unter 2649 Unter-30-Jährigen ergeben. "Unmute now" ist eine neue Kampagne, die sich zum Ziel gesetzt hat, die demokratische Teilhabe junger Menschen im Superwahljahr 2021 zu stärken.

Business Insider hat sich mit Julius van de Laar über diese Wählergruppe unterhalten. Er ist Strategieberater, hat schon in Obamas Wahlkampfteam mitgearbeitet und nun "Unmute now" initiiert. Er sagt: "Lange galt: Wahlen werden gewonnen, indem man die Alten abholt. Das ist dieses Jahr nicht der Fall. Zum ersten Mal seit Jahren ist das Rennen zwischen den Parteien so knapp, dass es nicht mehr die Alten unter sich ausmachen können. Die Bundestagswahl gewinnen wird, wer die jungen Wähler und Wählerinnen überzeugt".

Jung- und Erstwähler sind unentschlossener wen sie wählen sollen als der Rest der Gesellschaft

In ihrem Wahlverhalten entsprechen die Erst- und Jungwähler nicht dem gesellschaftlichen Durchschnitt. 25,5 Prozent der Befragten wünschen sich Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock als Bundeskanzlerin, dicht gefolgt von Olaf Scholz (SPD) mit 24,8 Prozent. CDU-Chef Armin Laschet ist nur für 11,9 Prozent der jungen Menschen der Wunschkandidat.

Noch wichtiger für die Wahlkampfstrategen ist jedoch eine andere Zahl: 37,9 Prozent der Jungwähler sind noch unentschlossen, wem sie ihre Stimme geben wollen. Damit sind die Unentschlossen die größte Gruppe innerhalb der Erst- und Jungwähler.

Zugleich zeigt die Umfrage von "Unmute now" auch, dass die Jung- und Erstwähler von den Politikern und ihren Parteien nicht wirklich abgeholt werden. 80,1 Prozent geben an, dass Demokratie neue Formen der Beteiligung für junge Menschen braucht und nur 9,5 Prozent stimmen der Aussage “Meine Stimme und Wünsche werden in der Politik gehört“ voll zu.

Was das Buhlen um die Gunst junger Wähler betrifft, fahren die Parteien ganz unterschiedliche Strategien

Um Erstwähler zu erreichen, müssen Parteien und ihre Kandidaten vor allem auf das richtige Medium achten, ist sich Stratege van de Laar sicher. Tatsächlich haben nur 19,4 Prozent der jungen Menschen vollständig das TV-Triell auf RTL zwischen Baerbock, Scholz und Laschet vor knapp einer Woche gesehen. 30,6 Prozent der Befragten hielten das Fernsehen für das richtige Format dafür. 65,4 Prozent hätten es lieber auf YouTube- und 48,6 Prozent auf Twitch gesehen. Doch auch die gestellten Fragen fanden 43 Prozent der Erstwähler und Erstwählerinnen eher nicht oder gar nicht interessant.

"Am Ende bleiben immer dieselben alten Gesichter in den Parteien sitzen"

Die Zahlen zeigen: junge Menschen sind offenbar politikinteressiert, fühlen sich aber über die klassischen Medien nicht richtig abgeholt. Die Parteien haben das inzwischen verstanden und versuchen spezielle Angebote zu machen. So veranstaltete kürzlich die Union über die Gaming-Stream-Seite Twitch eine "Gaming Nacht", bei der ihr Jungstar Philipp Amthor familienfreundliche Computerspiele spielte und dabei Fragen aus der Community beantwortete.

Interessanterweise setzten die Grünen und die Linken – zwei Parteien die ohnehin gut bei Jungwählern ankommen – – im Kampf um Erstwählerstimmen auf klassischen Wahlkampfformate: Junge Parteimitglieder der Linken ziehen von Haustür zu Haustür um junge Menschen für eine linke Politik zu begeistern. „Zwei Drittel der neuen Parteimitglieder sind unter 35 Jahren, sozial sensibilisiert, szenig und idealistisch“, erklärt Bundesgeschäftsführer Jörg Schindler (Die Linke) im Gespräch mit Business Insider. Die Grünen dagegen haben einen von Baerbock und Habeck unterschriebenen Brief an junge Wähler und Wählerinnen verschickt.

Dagegen setzt die SPD nach eigenen Angaben auf junge Kandidaten und Kandidatinnen, die die Altersgenossen abholen sollen. Ein Drittel der Listenplätze ist mit Bewerbern besetzt, die unter 40 Jahre alt sind. „So jung aufgestellt war die SPD noch nie bei einer Bundestagswahl“, sagt SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil Business Insider.

Doch all das ist nicht genug, um das Interesse junger Wähler wirklich zu wecken, so die Einschätzung van de Laars: "Parteien und junge Menschen, das ist ein Teufelskreis: Parteien haben kaum junge Gesichter, was dazu führt, dass dieselben alten Gesichter in den Parteien sitzenbleiben und dabei immer älter werden".

Inhaltlich sind Junge von allen Parteien enttäuscht

Ohnehin sind die konkreten politischen Inhalte, die junge Menschen interessieren, wichtiger als das Format, in dem diese präsentiert werden. "Einzelne Politiker und Politikerinnen wissen Tiktok zu nutzen. Dort kann man Menschen abholen. Doch Politik kann dort nicht enden. Man muss mit den jungen Menschen in eine inhaltliche Diskussion kommen, deren Interesse man möglicherweise in sozialen Medien geweckt hat", gibt van de Laar zu bedenken. Wenn es um Politik im Interesse der neuen Generation geht, dann seien die jungen Menschen von allen Parteien enttäuscht – "jedoch nicht gleichermaßen", so der Wahlstratege weiter.

Inhaltlich macht van de Laar immer wieder die Erfahrung, dass junge Wähler sich selbst als unpolitisch bezeichnen. Wenn man sie dann aber frage, was sie in ihrem Alltag störe, dann bekäme man von ihnen sehr konkrete Antworten: "Natürlich gibt es regionale Unterschiede. In Mecklenburg-Vorpommern hört man von Jugendlichen immer wieder, dass sie der schlecht ausgebaute Nahverkehr oder fehlende Freizeitmöglichkeiten stören".

Van de Laar weiter: "In Köln-Kalk dagegen erzählen viel mehr Jugendliche, dass sie aufgrund ihres Namens oder ihres Aussehens diskriminiert werden und schlechtere Karten bei der Wohnungssuche haben. Oft eint diese Jugendlichen aber, dass sie sich als unpolitisch begreifen – dabei haben sie doch ganz offenbar politische Positionen und Anliegen!"

Vor allem zwei Themen liegen den jungen Menschen deutschlandweit am Herzen

Auch viele Jugendliche, die selbst nicht dieselben Diskrimierungserfahrungen machen, gäben laut van de Laar Antirassismus als eines ihrer dringendsten politischen Anliegen an. Was bei jungen Menschen bundesweit jedoch das Wichtigste sei, ist der Klimaschutz. Angesichts dessen verwundert es nicht, dass grüne und linke Parteien im Durchschnitt deutlich höher in der Gunst der Jungwähler und -wählerinnen stehen.

Diese Parteien dürften also das größte Interesse daran haben, die junge Generation zum Wählen zu motivieren. Die Zahl der unentschlossenen Jung- und Erstwähler dürfte bei zwei bis drei Millionen liegen: "Mit Plakaten, auf denen für sichere Renten geworben wird, dürfte das eher nicht gelingen. Parteien müssten jetzt voll auf die Themen setzen, die diese Wählergruppe bewegen, wenn sie die Wahl noch gewinnen wollen", so van de Laars strategische Einschätzung.

"Unmute Now" und van de Laar haben dafür eine ganze Menge Ideen. Der gemeinnützige Verein unterstützte bildungspolitische Projekte in ganz Deutschland, die Junge zum Wählen animieren sollen: Von "Dein Alymania", das die Identifikation von Jugendlichen mit Migrationshintergrund mit der deutschen Politik stärken soll, bis "Fiscal Future", bei dem junge Menschen sich eigenständig mit Geldpolitik auseinandersetzen. Aktuell fährt van de Laar und sein Team in einem Tourbus durch ganz Deutschland, um vor Ort Jugendliche für Politik zu begeistern. Der letzte Tour-Stopp: Die antirassistische "Unteilbar"-Demo in Berlin am 4.9.

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