Erste Bilanz der Real-Zerschlagung: Kaufland, Edeka, Rewe oder Globus — wer profitierte am meisten von den Übernahmen?

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Seit dem Beginn der Zerschlagung von Real findet im deutschen Lebensmitteleinzelhandel ein Poker um die besten Standorte der verkauften SB-Warenhaus-Kette statt. Ursprünglich ging es um insgesamt 276 Standorte, die der vorherige Besitzer Metro an den russischen Investor SCP verkaufte, nachdem Real für den Lebensmittelkonzern nicht mehr profitabel zu betreiben und wirtschaftlich tragbar geworden war. 110 der Real-Häuser sind jetzt aufgeteilt – zum Großteil zwischen Kaufland, Edeka, Rewe und Globus. Aber auch kleinere, regionale Händler wie V-Markt oder Bünting mischen mit.

191 Genehmigungen hat die Behörde insgesamt erteilt. Für mehrere Standorte gibt es allerdings Freigaben für zwei Interessenten gleichzeitig. Wie viele Real-Märkte also tatsächlich an Kaufland, Edeka, Globus oder andere gehen, ist noch nicht final geklärt. Denn eine Genehmigung vom Kartellamt bedeutet nicht automatisch auch eine tatsächliche Übernahme. Am Ende entscheidet der Verkäufer SCP.

Jene Standorte, um die sich gleich mehrere Händler reißen, sind in der Regel besonders beliebte Märkte, sogenannte "Filet-Stücke" in hochfrequentierten Lagen. Für 110 von 276 Häusern gibt es schon Klarheit. Für 100 Häuser gibt es noch keine Kaufinteressenten. Ob diese Zahl nach der jüngsten Meldung, dass Edeka weitere 13 Märkte beim Kartellamt angemeldet hat, noch aktuell ist, ist allerdings nicht klar. Bisher ist nicht bekannt, für welche Real-Häuser Edeka in einem zweiten Anlauf Interesse bekundet hat.

Wir ziehen eine erste Bilanz, wer die meisten Standorte bekommen hat, wer die Filet-Stücke, für welche Märkte die Zukunft noch offen ist und wer die Gewinner der Übernahmen sind.

Kaufland: der König der Übernahmen

Der SB-Warenhaus-Kette Kaufland hat die meisten Freigaben vom Kartellamt erhalten. Insgesamt dürfte der Lebensmittelhändler als Teil der Schwarz-Gruppe, zu der auch der Discounter Lidl gehört, 141 Real-Standorte übernehmen, 51 Übernahmen sind bereits gesichert. Nachdem das Kartellamt der Schwarz-Gruppe im vergangenen Dezember die Übernahme von 92 Real-Standorten genehmigt hatte, kamen im August weitere 22 hinzu. Abzüglich der gut 30 Real-Standorte, die geschlossen wurden oder noch zur Schließung anstehen, kann sich Kaufland damit die Hälfte der Real-Häuser sichern, die vergangenes Jahr von Metro an den Investor SCP abgegeben wurden. Damit greift Kaufland den Konkurrenten Edeka im Kampf um die Filialen direkt an, denn unter den Filialen, die jetzt Kaufland bekam, sind auch Standorte, bei denen Edeka und Rewe bereits als sichere neue Inhaber galten, zum Beispiel der Markt in Balingen.

"Die Schwarz-Gruppe ist mit Kaufland ganz klar der Gewinner der Real-Zerschlagung und kann damit seine Marktführerposition in Deutschland und Europa praktisch ungebremst weiter ausbauen", sagt Gerrit Heinemann, Handelsexperte und Wirtschaftswissenschaftler der Universität Niederrhein. "Da liegt der nächstgrößte Konkurrent im Poker um die Real-Standorte, Edeka, mit nur 51 bewilligten Standorten schon weit abgeschlagen."

Edeka: nur 51 statt 72 Filialen

Edeka hat jüngst Ende August in einer zweiten Runde insgesamt weitere 13 Märkte zur Übernahme beim Kartellamt angemeldet. Wie am Donnerstag bekannt wurde, hat der Marktführer in Deutschland in zwei Tranchen einmal sechs und einmal sieben Standorte zur Übernahme durch "Un­ter­neh­men des Ede­ka-Ver­bunds" angefragt. Welche Regionalgesellschaften von Edeka welche Real-Märkte kaufen wollen, haben bislang weder die Wettbewerbshüter noch Edeka preisgeben wollen. Bislang durfte Edeka insgesamt bis zu 51 Real-Standorte kaufen. Angemeldet hatte die größte deutsche Lebensmitteleinzelhandelskette ursprünglich 72. 21 Filialen wurden dem Handelsverbund verneint, denn das Kartellamt hatte Bedenken, dass die Marktmacht des Händlers sonst zu groß wird. Der Edeka-Verbund ist mit 11.200 Lebensmittelmärkten und einem Umsatz von 51,7 Milliarden Euro im Jahr 2019 der führende Anbieter im deutschen Lebensmitteleinzelhandel.

Anders als der Großflächenhändler Kaufland hat Edeka jedoch ein anderes Konzept, zumindest was die Fläche der Geschäfte angeht. "Die Immobilien sind überwiegend für Edeka zu groß", sagt Heinemann. Das Gleiche gelte vor allem aber auch für Rewe, so Heinemann, "von denen man gar nichts mehr hört."

Rewe: ein beliebter Markt für den stillen Bieter

Rewe war zu Beginn der Verkaufsverhandlungen von Real mit SCP noch sehr interessiert an mehreren Übernahmen. Im Zuge der Zerschlagung wurde es jedoch immer stiller um den Lebensmittelhändler, lange meldete Rewe gar keine Real-Übernahmen beim Kartellamt an, während Kaufland und Edeka sich einen Real-Markt nach dem anderen schnappten. Doch im Juni registrierte der Kölner Handelskonzern dann Interesse am Kauf von zwei Real-Standorten in Oldenburg und Balingen in Baden-Württemberg beim Bundeskartellamt, knapp einen Monat später erhielt das Unternehmen bereits die Zusage. Der Standort in Oldenburg ist dabei besonders beliebt: Auch Edeka hatte die Filiale auf der Liste, hatte jedoch eine Absage vom Kartellamt aufgrund von Wettbewerbsbedenken bekommen. Ob Rewe die Standorte wirklich kauft und umflaggt, ist noch nicht klar und hängt von scheinbar noch offenen Verhandlungen mit SCP und Vermietern ab.

Globus: der heimliche Gewinner

Die saarländische Lebensmitteleinzelhandelskette Globus übernimmt mindestens 16 Real-Märkte von dem russischen Investor SCP, die ersten Standorte wurden bereits im April umgebaut. Das Kartellamt hat jedoch bis zu 24 Märkte erlaubt, es könnten also noch mehr hinzukommen. Das Handelsblatt schrieb im April, dass Globus der "heimliche Gewinner im Gezerre um die Aufteilung der Supermarktkette Real" sei. Im Zuge der Entscheidungen des Kartellamtes, bei der Verteilung der Standorte nicht nur die großen Player Kaufland und Edeka, sondern auch zunehmend kleinere und mittelgroße Händlern zu berücksichtigen, schienen die Wettbewerbshüter mit der Vergabe einiger Märkte ein Statement setzen zu wollen. So bekam Globus etwa die zwei begehrten, sehr modernen Ex-Real-Markthallen in Braunschweig und Krefeld. Schon unter Real konnten diese erst vor wenigen Jahren neu eröffneten Filialen eine sehr gute Umsatzentwicklung fahren – im Gegensatz zu vielen veralteten Real-Märkten, die seit Jahrzehnten nicht mehr modernisiert wurden.

"Globus hat – gemessen an der Unternehmensgröße – ein überproportional großes Stück von dem Übernahme-Kuchen abbekommen", sagt auch Gerrit Heinemann. Die Zukäufe ermöglichen dem Unternehmen, im hart umkämpften Lebensmittelhandel den Anschluss an die großen Rivalen zu halten. Globus-Chef Matthias Bruch sagte Business Insider, die Real-Übernahmen seien "eine Jahrhundertchance" für das Unternehmen. Mit einem Jahresumsatz von 3,38 Milliarden Euro gehören die Globus-SB-Warenhäuser innerhalb der deutschen Handelslandschaft aber noch zu den „Kleinen unter den Großen“. Selbst mit den neuen Real-Märkten hat das Unternehmen in Deutschland einen Marktanteil von unter zwei Prozent.

V-Markt und Bünting: Mittelhändler schlagen zu

Auch immer mehr Mittelständler sind zum Zug gekommen. Zwei Real-Standorte hatte die Georg Jos. Kaes GmbH aus Mauerstetten übernommen. Der Mittelständler aus Südbayern flaggt die Real-Häuser unter der Marke V-Markt um.

Auch die Bünting-Gruppe aus Norddeutschland ist an Real-Filialen interessiert. Noch im Januar hieß es, das Unternehmen habe 13 Häuser im Blick. Sollte das Unternehmen Real-Märkte übernehmen, könnten die Filialen zu Combi, Famila und Markant werden. Jüngst gab es Berichte, dass sich das Interesse konkretisieren könnte. "Interessant ist, dass für die letzten 100 noch nicht verwerteten Standorte jetzt mit Bünting ein LEH-Mittelständler um die Ecke kommt", sagt Heinemann. Das deute auf erhebliche Zugeständnisse bei den Kaufpreisen hin. "Das ist für mich ein klares Signal, dass die Kaufpreise und Mieten günstiger werden, je länger die Verhandlungen dauern und die Mittelständler nur darauf gewartet haben", sagt Heinemann.

Es sei laut dem Professor auch nicht auszuschließen, dass andere Mittelständler noch Interesse für die verbliebenen Standorte anmelden. Die Kunden und die Real-Mitarbeiter der verbleibenden 100 Märkte müssen die Hoffnung auf die Weiterführung ihrer Filialen also noch nicht ganz aufgeben.

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