Erneut Proteste in Kabul - Taliban misshandeln Journalisten schwer

·Lesedauer: 3 Min.
Demonstrantinnen in Dascht-e-Bartschi (Bild: AFP / Hoshang Hashimi)
Demonstrantinnen in Dascht-e-Bartschi (Bild: AFP / Hoshang Hashimi)

Die militant-islamistischen Taliban haben ihr Übergangskabinett vorgestellt. Dieses führt zu Kritik und neuen Protesten. Journalisten werden brutal misshandelt.

In Afghanistan kommt es weiter zu Protesten - trotz Versuchen der militant-islamistischen Taliban, diese mit Gewalt zu unterdrücken. Am Mittwoch gab es in der Hauptstadt Kabul mindestens zwei Kundgebungen von Frauen, wie auf Videos in sozialen Medien zu sehen war und lokale Journalisten berichteten. 

Taliban nahmen erneut Reporter fest. Sie misshandelten mindestens zwei Journalisten schwer. Die Kritik an der neu ernannten Übergangsregierung mit dem wenig bekannten Mullah Mohammed Hassan Achund als Regierungschef hält an. Das Kabinett besteht nur aus Männern.

Bei der Demonstration im Stadtteil Dascht-e Bartschi im Westen von Kabul riefen rund 20 Frauen "Ein Kabinett ohne Frauen wird versagen". Sie hielten auch Schilder mit Parolen wie "Arbeit, Bildung, Freiheit" und "Wieso sieht die Welt stillschweigend zu?". Die Frauen drängten sich an mehreren Taliban-Kämpfern vorbei, die nur kurz versuchten, sie aufzuhalten.

Gewalt gegen Demonstrantinnen und Journalisten

Bei einem zweiten Protest von Frauen im Stadtteil Kart-e Tschar reagierten Taliban allerdings harsch. Einer schlug mit einer Peitsche mehrmals auf Demonstrantinnen ein, wie auf einem Video zu sehen war. Dort wurden auch mehrere Journalisten der Tageszeitung "Etilatrus" festgenommen und für rund zwei Stunden festgehalten, wie der Herausgeber der Zeitung auf Twitter mitteilte. Mindestens zwei seien schwer misshandelt worden. Im Gesicht und am Kopf seien Abdrücke von Kabeln und Peitschen zu sehen. Man habe die Kollegen in einem Zustand der Lethargie ins Büro gebracht.

Die größten lokalen TV-Sender stellten offensichtlich die Berichterstattung über die seit drei Tagen andauernden Proteste in Kabul ein. Am Dienstag hatten die Taliban eine Gruppe von Reportern und Kameramännern für mehrere Stunden festgenommen. Taliban-Sprecher Suhail Schahin teilte in einer Whatsapp-Gruppe für Journalisten mit, Demonstrationen müssten angemeldet werden - nicht so wie jetzt, wo man Führer der Taliban beleidige, um Streit auszulösen, die Szenen zu filmen und dann in sozialen Medien zu veröffentlichen.

Auch afghanische Politiker und Oppositionelle kritisierten das von den Taliban aufgestellte Übergangskabinett. "Es gibt keine Frauen und religiösen Minderheiten", schrieb die bekannte Frauenrechtlerin Fausi Kufi am Mittwoch auf Twitter. Als sie das erste Mal Vertreter der Taliban getroffen habe, habe man ihr erklärt, es gebe keine Hindernisse für Frauen, Ministerin oder Regierungschefin zu werden. Nun gelte aber genau das Gegenteil.

Vorwürfe von Kriegsverbrechen im Pandschir-Tal

Die Nationale Widerstandsfront (NRF), die zuletzt in der Provinz Pandschir gegen die Taliban kämpfte, bezeichnete das neue Kabinett als "illegal". Sie rief erneut zum Widerstand gegen die Taliban auf. Internationale Organisationen und andere Länder sollten die Regierung bis auf Weiteres nicht anerkennen. Aus dem nach der von den Taliban verkündeten Eroberung weitgehend abgeriegelten Pandschir-Tal gab es Berichte über Massaker an Zivilisten. Taliban-Kämpfer sollen insbesondere Dutzende junge Männer aus den Volksgruppen der Tadschiken und Hazara verschleppt haben. Die Widerstandsfront wirft den Taliban zudem vor, Felder und Viehbestände vernichtet zu haben und keine Hilfsgüter in das Tal zu lassen. Es bestehe akute Gefahr einer Hungersnot. 

Die Taliban hatten am Dienstag 33 Regierungsmitglieder vorgestellt - darunter keine einzige Frau, niemand aus einer anderen politischen Gruppierung und kaum Vertreter anderer Volksgruppen als Paschtunen. Von den Vereinten Nationen hieß es am Mittwoch, dauerhafter Frieden und Stabilität in Afghanistan hingen von einer "bedeutenden" Beteiligung von Frauen und dem Zusammenbringen ethnischer, religiöser und Minderheitengruppen ab. Der EU-Botschafter für Afghanistan, Andreas von Brandt, schrieb auf Twitter: "Es gibt Raum für Verbesserungen in der Vielfalt, um es milde auszudrücken."

Russland teilte mit, man plane vorerst keine direkten Gespräche mit der Übergangsregierung. "Die Kontakte werden über unsere Botschaft in Kabul abgewickelt", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow der Nachrichtenagentur Interfax zufolge. Dabei gehe es etwa darum, die Sicherheit der russischen Diplomaten in Afghanistan zu gewährleisten. "Weitere Gespräche sind nicht geplant", sagte Peskow. Derweil begrüßte Afghanistans Nachbarland Usbekistan das Übergangskabinett.

Video: Massud-Bruder - Taliban haben Pandschir-Tal nicht erobert

Wir möchten einen sicheren und ansprechenden Ort für Nutzer schaffen, an dem sie sich über ihre Interessen und Hobbys austauschen können. Zur Verbesserung der Community-Erfahrung deaktivieren wir vorübergehend das Kommentieren von Artikeln.