Strafverfahren gegen zwei Verdächtige nach Mord an Jüdin in Paris

Nach dem mutmaßlich antisemitisch motivierten Mord an einer 85-jährigen Jüdin in Paris hat die französische Justiz ein Ermittlungsverfahren gegen zwei Verdächtige eingeleitet. Die beiden jungen Männer wurden in Untersuchungshaft genommen

Nach dem mutmaßlich antisemitisch motivierten Mord an einer 85-jährigen Jüdin in Paris ist gegen zwei Verdächtige ein Strafverfahren eingeleitet worden. Gegen die beiden jungen Männer wird wegen des Mordverdachts aufgrund "der tatsächlichen oder vermuteten Religionszugehörigkeit des Opfers" ermittelt, wie am Dienstag aus Justizkreisen verlautete. Politiker und Vertreter jüdischer Verbände reagierten entsetzt auf die Gewalttat.

Die Staatsanwaltschaft geht seit Montag davon aus, dass die Holocaust-Überlebende wegen ihres jüdischen Glaubens Opfer des Verbrechens wurde. Die Aussagen eines der Verdächtigen sowie die Tatsache, dass beide Männer über die Religion der alten Dame Bescheid wussten, hätten zu dieser Annahme geführtm, hieß es. Den Inhaftierten wird zudem schwerer Raub und Sachbeschädigung vorgeworfen.

Die von Messerstichen übersäte und teilweise verbrannte Leiche der 85-jährigen Mireille Knoll war am Freitag in ihrer Pariser Sozialwohnung gefunden worden. Eine Nachbarin hatte wegen eines Brandes die Feuerwehr gerufen. Später stellte sich heraus, dass an mehreren Stellen in der Wohnung Feuer gelegt worden war.

Der Tod Knolls sorgte in Frankreich und Deutschland für Empörung. Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, sprach von einem "weiteren katastrophalen antisemitischen Exzess in Frankreich". Solche Taten seien auch möglich, weil judenfeindliche Einstellungen vor allem in Teilen der muslimischen Bevölkerung "zu lange konsequent verharmlost oder gar verleugnet wurden", kritisierte Knobloch.

Die Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern warnte zudem davor, dass auch in Deutschland der "aggressive Antisemitismus von rechts, links und seitens hier lebender Muslime radikale Ausmaße" angenommen habe. Das belegten unter anderem die jüngsten Berichte aus Berliner Schulen.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron äußerte sich entsetzt über das "entsetzliche Verbrechen". Im Kurzbotschaftendienst Twitter bekräftigte er seine "absolute Entschlossenheit", gegen Antisemitismus vorzugehen.

Der ehemalige sozialistische Abgeordnete im französischen Parlament, Malek Boutih, sagte, Juden seien in Frankreich nicht sicher. "Wenn Sie heute Jude sind, müssen sie das verstecken", erklärte er. Jüdische Organisationen haben für Mittwoch einen Marsch zum Gedenken an Mireille Knoll organisiert.

Die beiden Verdächtigen wurden am Wochenende festgenommen, unter ihnen ist ein Nachbar der alten Dame. Der 1989 geborene Mann hatte die 85-Jährige nach Angaben ihres Sohnes gut gekannt und sie öfter besucht. Nach Polizeiangaben war er wegen Vergewaltigung vorbestraft. Der zweite Verdächtige ist ein 21-Jähriger, der wegen Raubes polizeibekannt und am Freitag in dem Haus gesehen worden war.

Knoll war nach Angaben ihres Sohnes 1942 nur knapp der Deportation entkommen. Sie war im Alter von zehn Jahren vor einer Großrazzia gegen mehr als 13.000 Juden in Paris mit ihrer Mutter nach Portugal geflohen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte sie in die französische Hauptstadt zurück.

Verstärkt wurde die Empörung über den Fall durch die Tatsache, dass die Tat rund ein Jahr nach der Ermordung einer 65-jährigen orthodoxen Jüdin in Paris begangen wurde. Erst kürzlich wurde auch dieser Mordfall als mutmaßlich judenfeindlich motiviert eingestuft.