Erkundung: Mit Heine in die Nacht

Als Heinrich Heine seine Sehnsucht nach Freiheit herausbrüllt, kommen ihm aus der U-Bahn Wiener Platz ein paar gröhlende Jugendliche entgegen. Droht Gefahr? Die Menschen, die Heine folgen, sind sich da nicht sicher. Es wird kurzzeitig etwas ungemütlich, bevor sich die Anspannung mit dem Ausruf der Jugendlichen entlädt: "Ihr seid sicher alles Grüne!" Auch wenn es nicht stimmt, lustig ist es allemal.

Theater trifft auf den Mülheimer Alltag, wenn der Schauspieler Thomas Krutmann in die Rolle des 1856 im Exil verstorbenen, deutschen Dichters schlüpft. Weil er nicht zum ersten Mal unterwegs ist, weiß mancher, was zu tun ist, wenn Heine hier über die Welt und die Liebe sinniert. In der Buchheimer Straße haben einige Mülheimer den Tresen ihrer Stammkneipe verlassen, um Heine zuzuprosten. Der Stadtteil ist mehr als eine Kulisse; er ist vielmehr ein Ort, an dem sich auch heute noch vieles entscheidet: Wie hält es dieses Land mit der Demokratie? Was bedeutet Freiheit? Lernt der Mensch aus seiner Geschichte? Unter der Mülheimer Brücke singt Krutmann: "Demokratie ist nicht für jeden was!" Und weiter: "Tyrannen gedeihen wie Bankenpleiten. Wir leben in echt geilen Zeiten."

1831 floh Heinrich Heine vor Zensur und Bedrohungen von Deutschland nach Frankreich. Krutmann, Marco Hasenkopf (Text und Konzeption) und Andrea Bleikamp (Regie) lassen ihn auf seinem Weg Station in Mülheim machen und dort seine große Liebe treffen. Wie in einer Zeitmaschine fliegen die Teilnehmer dieser besonderen Reise durch die Jahrhunderte, um mit Heine in die Zukunft zu blicken. Die Mülheimer Brückenrampen mit dunklen, stinkenden Ecken, aber auch schönen Arkaden und architektonischen Besonderheiten werden zum Schauplatz anspruchsvoller wie auch sehr unterhaltsamer Nachdenkereien über Vergänglichkeit, Stadtentwicklung und Politik. Und ganz nebenbei erfährt man auch noch viel über die Geschichte der einst unabhängigen Rivalin von Köln auf der rechten Rheinseite. Warum opferte Mülheim sein Zentrum? Was machte Napoleon hier nach dem Frühstück? Warum droht die Brücke zu einer Tropfsteinhöhle zu werden?

Die "theatrale Stadtteilerkundung" verbindet Historisches mit der Gegenwart, rezitiert Heine zwischen neuen Texten, lässt den toll aufspielenden Krutmann bei diesem Ein-Mann-Spektakel mit Projektionen an Hauswänden reden und Lieder an Orten singen, an denen man sonst eher nicht seine Zeit verbringt. Den Mitstreitern der Initiative "distriktneun" ist mit "Heine in Müllem" eine anderthalbstündige, höchst spannende Expedition durch Raum und Zeit gelungen. In dieser Woche ist Heine wieder Donnerstag-, Freitag- und Samstagabend in Mülheim unterwegs.

Heine in Müllem, Caput VIII - theatrale Stadtteilerkundung, 7., 8., und 9. September, 19.30 Uhr; Treffpunkt am Wiener Platz oberhalb der Treppe an der Skulptur "2020"; Der Eintritt beträgt 15 Euro, ermäßigt zehn Euro; eine Voranmeldung ist möglich. Die Tour findet auch bei Regen statt. Die meisten Stationen sind überdacht.

wordswelcome@koeln.de

www.heineinmuellem.

wordpress.com...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta