„Sie erkennt mich – noch“: Rudi Weise betreut seine demenzkranke Frau zu Hause

Wie die Diagnose den Alltag der Kölner Familie veränderte.

Ursel Weise sitzt in ihrem Lieblingssessel. Der steht im Wohnzimmer direkt neben der breiten Fensterfront. Es ist 16.30 Uhr. Ihr Mann Rudi hat sie kurz zuvor mit dem Auto aus Brück in die gemeinsame Wohnung in Deutz geholt. Im St. Vinzenzhaus in Brück wird sie dreimal in der Woche in der Tagespflege betreut. Die 68-Jährige ist an Demenz erkrankt. Ursel Weise blättert in einer Fernsehzeitschrift und hebt erstaunt den Blick, als die Gäste ins Zimmer treten. Sie wirkt ein wenig erschöpft, scheint sich aber über den Besuch zu freuen.

Plötzlich kommen die Tränen

Sie ergreift die dargebotenen Hände und lächelt. Plötzlich fängt sie leise an zu wimmern. Ein paar Tränen laufen über ihr Gesicht, sie weint fast lautlos. Ihr Mann ist bei ihr, streichelt ihr sanft über den Arm und redet beruhigend auf sie ein. „Keine Angst. Alles ist gut. Ich bin ja da.“ Womöglich ist es die ungewohnte Unruhe. Vielleicht sind es die unbekannten Gesichter, die vielen Stimmen. Die Fremden sind ratlos. Keine fünf Minuten im Raum und schon überfordert. Im nächsten Augenblick versiegen die Tränen. Das Lächeln kehrt zurück. Die Gäste atmen erleichtert auf und versuchen, sich das nicht allzu sehr anmerken zu lassen.

„Jeder Tag kann wieder etwas Neues bringen“

Für Rudi Weise ist das Alltag. Er ist ein Jahr älter als seine Frau. Seit 45 Jahren sind die beiden verheiratet, fast ebenso lange wohnen sie in Deutz. Das Ehepaar hat zwei Töchter und vier Enkel. Seit vier Jahren ist Ursel Weise krank. Sie war 64 Jahre alt, als die Diagnose Demenz die Familie in eine neue Umlaufbahn katapultierte. Nicht mit einem Schlag. Die Ehefrau, Mutter und Großmutter entfernte sich Schritt für Schritt aus dem gewohnten Leben, von den Menschen um sie herum. „Meine Frau erkennt mich. Noch. Die Demenz verändert alles. Und es hört nicht auf. Jeder Tag kann wieder etwas Neues bringen“, sagt Rudi Weise.

Er betreut seine Frau zu Hause. Von Anfang an. Die Demenz machte sich langsam bemerkbar. Zuerst war es nur ein Verdacht. „Es begann damit, dass sie immer häufiger nach den richtigen Begriffen suchen musste. Als ihr die Worte trotz größter Anstrengung nicht einfielen, sagte sie ausweichend ,Dingens“ für alles, was ihr nicht einfiel.“ Als sich der Wortschatz zunehmend zu „Dingens“ und „Nein“ verengte und so auch die Telefonate mit den Töchtern und Enkeln immer schwieriger wurden, brachte ein neuropsychologischer Test die Gewissheit.

Ursel Weise fand nicht mehr den Weg nach Hause

„Die erste Zeit war hammerhart. Der Zustand meiner Frau verschlimmerte sich ziemlich rasch. Dinge, die an einem Tag noch problemlos möglich waren, gingen am nächsten schon nicht mehr. Zu den Gedächtnis- und Sprachproblemen kam die Orientierungslosigkeit. Mehrmals ist sie unbemerkt weggegangen und hat nicht mehr nach Hause zurückgefunden. Ich bin vor Sorge fast wahnsinnig geworden.“

Immer häufiger musste Rudi Weise seine Frau in Deutz suchen. Glücklicherweise saß sie oft in der Gaststätte „Rosenstock“, die sie früher gemeinsam aufgesucht hatten. Zweimal alarmierte Weise die Polizei, weil er seine Frau nicht fand. Die Beamten griffen sie in Höhenhaus auf. „Da hat sie als Kind gelebt. Wahrscheinlich hat sie sich einfach in die Straßenbahn gesetzt und ist hingefahren.“

Die Liebe zur KVB

Ursel Weise, so verrät ihr Mann, liebt es, mit der KVB zu fahren. „Das Problem ist nur: Sie steigt begeistert ein, will aber nicht mehr aussteigen.“ Die Hauptlast der Betreuung liegt auf seinen Schultern. Er hilft seiner Frau bei den Mahlzeiten, kümmert sich um ihre Körperpflege, kleidet sie an. Er versorgt den Haushalt einschließlich Kochen, Putzen und Waschen. Er klagt nicht, hadert nicht mit seinem Schicksal, verhehlt aber nicht, dass das ganz gewaltig an die Substanz geht. „Das funktioniert nur, weil ich Hilfe habe.“...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta