Erinnerungen ans „Underground“: Ranz, Rock und Karl Lagerfelds Lieblingsband

Sieben persönliche Erinnerungen aus dem Kult-Club in Ehrenfeld.

Die Nachricht hat am vergangenen Donnerstag viele Kölner getroffen: Das Underground in Ehrenfeld schließt früher als geplant. Schon am 15. September endet die 29-Jahre Ära des Clubs in der Vogelsanger Straße. Dort, wo heute noch getanzt und gefeiert wird, soll bald eine neue Schule eröffnen. 

Auch viele Redakteure des „Kölner Stadt-Anzeiger“ haben in den vergangenen drei Jahrzehnten ihre ganz eigenen Erinnerungen im Underground gesammelt – und nehmen nun Abschied. 

Diese verranzte, rockige, düstere Atmosphäre

Eine Freundin hatte es gehört: Frank Turner kommt auf Tour. Ins Underground! Frank Turner – mein absoluter Lieblingsmusiker in so einem kleinen Club! Herzrasen. Ich brauchte eine Karte. Unbedingt. Also saßen sie, mein Freund und ich an irgendeinen Vormittag um kurz vor zehn Uhr mit schwitzigen Händen vor dem Computer: Ab zehn würde es die Tickets geben. Wir bekamen drei. Und nach ein paar Minuten war alles ausverkauft.

Es war eines der allerbesten Konzerte meines Lebens. Und ich war auf vielen Konzerten. Aber die besten, die habe ich im Underground erlebt. Und das ist kein Stück übertrieben. Diese Bühne, die ungefähr so weit von einem weg ist, wie zu Hause der Fernseher vom Sofa, diese verranzte, düstere, rockige Atmosphäre, dieser verschnittene Raum, von dem aus man immer sehen kann und überall schnell ist. Dieser Boden, auf dem man so gut tanzen kann.

Ich habe das letzte Konzert von einer meiner Lieblings-Punk-Bands „Tagtraum“ hier gesehen. Hatte Wohnzimmer-Atmosphäre mit „Muff Potter“ (inklusive Oma-Lampenschirm). Hab zu den „Mad Caddies“ gepogt und bei „Sondaschule“ laut mitgesungen. Und noch viele, viele andere Bands gesehen. Wenn das Underground im Herbst seine Pforten zumacht, dann wird einer der wichtigsten Orte meiner Jugend geschlossen. Die Wehmut ist groß. Und deswegen muss ich am Freitag auch schnell noch mal hin. Zum Konzert von „Nothington“. 

Angela Sommersberg, Mitarbeiterin der Magazin-Redaktion

Betriebsausflug zum Eishockey 

Ich war neu in Köln und hab das Underground schnell für mich entdeckt, ein wahrer Wohlfühl-Ort. Dass ich dort bald auch hinter der Theke stehen würde, ahnte ich nicht, als ich zur Massenbewerbung für eine neue Kneipe, „Double U“ im belgischen Viertel ging und dort anfing zu kellnern.

Als mir aufging, dass Ralph Smart auch der Besitzer des Undergrounds war, war ich schon bald drüben. Und habe das Fluchen neu gelernt: Halbwüchsige rausbugsieren, die versuchen, ganze Bierkästen in die Disco zu schmuggeln, beim Dienst im mittleren Raum unterschiedliche und ohrenbetäubende Musikbeschallung von drei Seiten, Flaschen und Scherben bei Minusgraden oder Regen morgens um 5 von der Straße klauben, vorm Nachhauseweg kontrollieren, dass keine Schnapsleichen in den Toiletten liegen.

Missen möchte ich Zeit aber auf gar keinen Fall. Tolle Kollegen, mit denen man glücklich über die gemeinsame Leistung nach einer stressigen Nacht weitergezogen ist, lustige Gäste, all die miterlebten romantischen Kennenlern – oder dramatischen Trennungsmomente an der Bar, lauschige Zeiten im Biergarten, skurrile Bands, denen man die Bandwohnung über Ralphs Imbiss zeigte in der Hoffnung, dass sie über Nacht nicht zerlegt wird, die stoische Disco-Katze und Betriebsausflüge zum Eishockey – Gastro-Familienleben wie im Klischee.

Zugunsten des Examens war die Zeit dann irgendwann vorbei; dass die ersten Gäste mich und den harten Kern bereits siezten, mag auch eine Rolle gespielt haben. Doch meine gelegentlichen Besuche waren immer ein bisschen Heimaturlaub. Und die Schließung auf jeden Fall ein Grund, sentimental zu werden. Underground-Kollegen, wo seid Ihr, kommt Ihr mit zu einer letzten Runde? 

Christine Badke, Leitende Redakteurin Digitalredaktion

Mit Exil-Westfalen Fußballgucken 

Oft und gerne war ich im Underground, besonders zu Beginn meiner Kölner Zeit Anfang der 1990er, erinnerte es mich doch in seiner Bruchbudenhaftigkeit an meine vorherige Stammkneipe in meiner westfälischen Heimat. Das „Dochdu“ (so hieß die Kaschemm in der Heimat) transplantiert nach Köln. Herrlich. So traf ich mich dort auch oft mit anderen Exil-Westfalen. Zum Tanzen, Reden, Fußballgucken (ja, dort wurden auch mal WM oder EM-Spiele gezeigt) und vor allem – sehr viel trinken. Deshalb kann ich mich beim besten Willen nicht an Details erinnern.

Als ich älter als 29 wurde, ging ich nicht mehr ins Underground. Dennoch, es wird mir fehlen, denn noch immer führen mich meine Alltagswege fast täglich an dem bunt bemalten Anarchie-Look-Gelände vorbei. Ein tröstender Anblick. Ich werde ihn vermissen. 

Lioba Lepping, Mitarbeiterin der Magazin-Redaktion

Nach den „Psychos“ auf der großen Bühne 

Im Underground bin ich Anfang der 90er, da war ich knapp 20, zum ersten Mal mit einer Band öffentlich aufgetreten. Also eine richtige Band, nicht Blockflöten-Vorspielen in der Musikschule. Wir durften ziemlich spontan als Local Act spielen und zwar entweder im Vorprogramm von „Motorpsycho“ aus Norwegen oder den „Cosmic Psychos“ aus Australien. Ich weiß nicht mehr genau, welche Psychos es waren, zumal ich ganz sicher weiß, dass ich jede der beiden Gruppen mindestens ein Mal auch als Zuschauer schon im Underground gesehen habe.

Wir hatten nur ein knarziges Proberaum-Demo auf Kassette (Kassette!) mit einer Hand voll Liedern, aber der Booker von Underground ließ uns trotzdem auf die Bühne. Unsere Band hatte den merkwürdigen Namen Emotional Ketchup Burst, der nicht auf meinem Mist gewachsen war und der ein Begriff aus Douglas Couplands Roman „Generation X“ ist.

Unsere Musik war irgendwas mit Indie und Noise, vor allem letzteres. Ich habe in der Band gescratcht, und zwar ausschließlich auf der „Sex Pistols“-Platte „Never mind the Bollocks“, weil ich die doppelt hatte und inzwischen langweilig fand. Die konnte ich also gepflegt schrotten. Ich konnte kein bisschen scratchen, aber bis auf den Gitarristen waren wir alle nicht sonderlich gut auf unseren Instrumenten. Unser Sänger hat sich unermüdlich gewunden als hätte er Bauchkrämpfe und viel gebrüllt, was den Frauen im Publikum ganz gut gefiel. Natürlich waren einige Freunde da, die uns abfeierten, ansonsten waren die Besucher eher irritiert. Nach einer halben Stunde war unsere, nun ja, Show auch schon vorbei. Wir hatten ohnehin nicht mehr Lieder. Gage gab es keine, dafür aber Band-Bier. Das war auch vollkommen ausreichend.

Nach unserem Konzert war ich irrsinnig stolz und glücklich. Wir standen verschwitzt im Biergarten und haben uns für unseren Krach gefeiert und feiern lassen. Auch manchen Leuten, die wir nicht kannten, hatte es richtig gut gefallen. Einer dagegen hatte sich extra die Mühe gemacht, zu uns zu kommen, um uns zu sagen, wie beschissen wir gespielt hätten. Wir haben gelacht, ihm auf die Schulter geklopft und ihm ein Bier angeboten, aber das hat ihn vollends wütend gemacht. Da mussten wir noch mehr lachen. Was für ein fantastischer Abend. 

Oliver Görtz, Mitarbeiter der Lokalredaktion

Zwölf zahlende Gäste 

Als die britischen Avantgarde-Rocker von Guapo im April 2005 ein Konzert im Underground ankündigten, war ich unmittelbar Feuer und Flamme. Wann hat man schon einmal die Gelegenheit, eine in Progrock-Kreisen geradezu legendäre Band live, quasi vor der Haustür zu erleben? Leider war ich mit meiner Begeisterung fast alleine: Sage und schreibe zwölf zahlende Gäste waren anwesend. Davon waren die meisten Kumpels aus meinem Freundeskreis, die ich persönlich zum Konzert überredet hatte.

Als das Trio die Bühne betrat, schaute es sich irritiert um: War man vielleicht auf der falschen Seite aus dem Backstage-Bereich hinausgegangen? Die Schrecksekunde verflog schnell und die drei lieferten professionell ein düsteres, furioses, kompromissloses und infernalisch lautes Live-Set ab, das man sich druckvoller kaum vorstellen kann.

E-Piano, Schlagzeug, Bass und ein paar eingestreute Soundscapes reichten völlig aus, um die „Five Suns“ des damals gerade erschienenen Magnum Opus der Band zum Erstrahlen zu bringen. Die düstere, schummrige Atmosphäre des Undergrounds war die perfekte Kulisse für die apokalyptische Musik der Briten. Bedauerlich, dass das nur so wenige erleben wollten; ein großes Glück für mich, dass ich dem beiwohnen durfte.

Salvatore Pichireddu

Enthusiasmus und bleischwere Traurigkeit

Es war kurz vor Weihnachten 2007, als Big Country im Underground auftraten, zum Trio geschrumpft, ohne ihren Gründer und Sänger Stuart Adamson, der sich 2001 das Leben genommen hatte. Tony Butler, der Bassist, hatte den Gesang übernommen. Die Band war musikalisch absolut auf der Höhe, aber dennoch lag unter dem Enthusiasmus der Zuschauer eine bleischwere Traurigkeit. Weil einer fehlte. 

Thorsten Keller, stellvertretender Ressortleiter Politik

Karl Lagerfelds Lieblingsband

Es war die letzte PopKomm in Köln. Wir stolperten ins Underground, auf der Suche nach einem Freund, auf dem Weg zur nächsten Party. Als eine wirklich seltsam aussehende Band die niedrige Bühne betritt. Vier hagere Jungs mit langen schwarzen Haaren in engen schwarzen T-Shirts mit dicken schwarzen Makeup-Strichen quer über die Lider gezogen. Vor den kleinen schwarzen Jungs streckt sich eine große blonde Frau.

Nur wenige Streifen schwarzes Gaffer-Tape bedecken ihre voluminösen Brüste. Dann legt einer der schwarzen Jungs einen Knopf an seinem Keyboard um und eine herrlich fiese Mittachtziger-Plastik-Wave-Melodie erfüllt den Raum. Els Pynoo, die große blonde Frau schmeißt ihre Arme in die Höhe, hüpft so wild vor dem Mikrofonständer auf und ab, dass Russ Meyer im Augenblick einen Herzinfarkt erlegen wäre und kiekst im nicht ganz akzentfreiem Französisch: "C'est la manie, c'est la manie."

Das sind also Vive la Fête. "Karl Lagerfelds Lieblingsband", flüstert ein verzücktes Modeopfer neben mir ehrfürchtig, seine Beine stecken in 500-Euro-Jeans. Kurze Zeit später grinst Danny Mommens, der Freund der großen blonden Frau und musikalische Ideengeber der Band, in die Runde, fixiert den jungen Mann in der teuren Jeans und lobt in gebrochenem Deutsch: „Ihr seid alle tolle Hosen-Typen!“ 

Christian Bos, Mitarbeiter der Kulturredaktion...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta