"Erinnerungen öffnen das Portemonnaie"

Im Internet werden Devotionalien der insolventen Air Berlin versteigert. Der Ansturm ist riesig. Auktionator Jan Bröker erklärt, warum Menschen bereit sind, hohe Summen für einen Flugzeugsitz auszugeben.

Jan Bröker ist der Geschäftsführer des Auktionshauses Dechow GmbH. Das Unternehmen bewertet und versteigert unter anderem Maschinen, Ausstattungen und Produkte von Unternehmen, die insolvent sind. Ein weiterer Geschäftszweig sind Auktionen für Banken, Leasinggesellschaften oder Produktionsunternehmen, Händler und Baumaschinenvermieter. Namenhafte Projekte waren der Mobiltelefonhersteller BenQ Mobile, der Druckmaschinenhersteller Manroland und der Flugzeugbauer Fairchild Dornier. Für Air Berlin kann auf der Webseite des Auktionshauses für 1.507 Lose geboten werden.

WirtschaftsWoche: Sie versteigern gerade die Überbleibsel von Air Berlin. Aktuell liegt das Gebot für 100 Schokoladenherzen bei 325 Euro. Wer bezahlt ernsthaft so viel Geld für Schokolade, die es sonst geschenkt gab?
Jan Bröker: Um so viel Geld für ein Erinnerungsstück auszugeben, müssen Emotionen im Spiel sein. Die Bieter wollen eine Erinnerung an ihre Erlebnisse mit Air Berlin haben. Folgendes Szenario schwebt mir vor: Ein Mann hat mit seiner neuen Freundin am Flughafen auf den Start des Ferienfliegers gewartet. Dabei tranken sie Kaffee aus einer Air-Berlin-Tasse und knabberten an einem Schokoherz. Solche Erinnerungen öffnen das Portemonnaie.

Verhalten sich die Bieter anders, wenn Sie Emotionen mit dem Produkt verbinden?
Als die Air-Berlin-Auktion am 15. Januar gestartet ist, schossen die Gebote in einer hohen Intensität rein. Viele Leute haben wohl vorm Rechner auf die Auktion hingefiebert. Und das, obwohl die Auktion bis Anfang Februar läuft. Normalerweise starten Auktionen gemächlich. Die richtig heiße Phase sind die letzten Minuten vor Auktionsende.




Ein Doppel-Flugzeugsitz soll jetzt schon fast 2000 Euro kosten.
Es muss ganz schön viele Fans dafür geben. Wir sind alle ganz gespannt, was am Schluss tatsächlich für so einen Flugzeugsitz rauskommt.

Was haben die Leute mit den Sitzen vor? Sie könnten schließlich zum Ende hin fast so viel kosten wie ein neuer Kleinwagen.
Flugzeugsitze und Trolleys sind heiß begehrt, um Partyräume und Heimkinos auszustatten. Da sitzt man dann offenbar in seinem Flugzeugsitz und guckt mit seinen Freunden Fußball. Passend dazu gibt es das Lieblingsgetränk aus dem Air-Berlin-Trolley.




Wäre das nicht auch etwas fürs Chefbüro?
Ich glaube nicht, dass sich ein Unternehmenschef einen Flugzeugsitz kauft, sich darauf in einem Meeting platziert, während alle anderen auf Holzstühlen sitzen. Dafür müsste man schon sehr abgehoben oder ein sehr großer Fan sein.

Für das sechs mal vier Meter große Flugzeugmodell werden gerade 6000 Euro geboten. Wo wollen Bieter damit hin?
Vielleicht ins Wohnzimmer? Es müsste aber schon ein sehr anständiger Raum mit einer sehr stabilen Decke sein. Ich bin gespannt.




Haben Sie einen ähnlichen Ansturm schon einmal erlebt?
2006 durften wir für das Organisationskomitee des DFB alle Produkte versteigern, die eigens für die Weltmeisterschaft in Deutschland angeschafft wurden. Dazu gehörten Eckfahnen, Schilder, Trikots, unterschriebene Schuhe und auch die Kabinenausstattung von Shakira. Sind Gefühle im Spiel, können Kaffeebecher plötzlich hundert Euro einbringen. Der Materialwert lag unter fünf Euro. Die Unvorhersehbarkeit macht solche emotionalen Auktionen besonders.



"Bei Air Berlin muss man tapfer sein und mitbieten"


Sie versteigern die letzten Güter von insolventen Unternehmen. Wie reagieren denn die Mitarbeiter der betroffenen Firmen?
Als wir einmal Maschinen und Ausstattungen einer großen Maschinenfabrik versteigern wollten, haben Mitarbeiter versucht, den Zugang zum Betriebsgelände zu versperren.

Können Sie diese Menschen verstehen?
Die Menschen waren lange bei diesem Unternehmen angestellt. Sie hofften somit die Schließung verhindern zu können und ihre Arbeitsplätze zu erhalten. Ist eine Auktion abgeschlossen, ist das Unternehmen tot. Das hat die Menschen unendlich frustriert. Ich kann das sehr gut nachvollziehen.




Bieten ehemalige Mitarbeiter bei Auktionen insolventer Unternehmen mit?
Ja, beispielsweise bei der Versteigerung von einem Flugzeug-Prototypen des insolventen Flugzeugherstellers Fairchild Dornier. Ein ehemaliger Mitarbeiter des Unternehmens hat den vollständigen Flugzeugrumpf gekauft. Er sagte, er werde dieses Flugzeug mit anderen ehemaligen Kollegen fertig stellen und zum Fliegen bringen.

Was war das Skurrilste, das Sie in Ihrer Laufbahn versteigert haben?
Eine riesige Kuhherde, die während der Sicherstellung auch vor Ort versorgt werden musste. Sehr überrascht hat mich auch der Verkauf eines besonders maroden Krabbenkutters. Der sah aus, als würde er gleich auseinanderfallen und absaufen. Doch der wurde für viel Geld versteigert, weil der Kutter noch Fangrechte hatte. Die werden nämlich zusammen mit dem Boot vergeben.




Ihr Tipp, um möglichst günstig den Zuschlag zu bekommen?
Bei Air Berlin muss man tapfer sein und mitbieten. Bei der Menge der Gebote nützt keine Strategie. Bei anderen Auktionen setzen viele darauf, möglichst lange abzuwarten. Doch letzten Endes gibt es keinen Master-Plan. Man muss sich der Bieter-Konkurrenz stellen.

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Zur Person

Jan Bröcker

Jan Bröker ist der Geschäftsführer des Auktionshauses Dechow GmbH. Das Unternehmen bewertet und versteigert unter anderem Maschinen, Ausstattungen und Produkte von Unternehmen, die insolvent sind.