Erdogan spricht sich vor Notenbank-Sitzung gegen hohe Zinsen aus

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ISTANBUL (dpa-AFX) - Vor einer mit Spannung erwartenden Sitzung der türkischen Zentralbank unter neuer Leitung hat sich Präsident Recep Tayyip Erdogan erneut gegen hohe Leitzinsen ausgesprochen. Man dürfe "nicht zulassen, dass unsere Investoren von hohen Zinsen erdrückt werden", sagte Erdogan am Mittwoch vor Wirtschaftsvertretern in Ankara. "Wozu hohe Zinsen führen, liegt auf der Hand. Können wir mit hohen Zinsen etwa wirklich investieren? (...) Können wir Beschäftigung schaffen? Unmöglich."

Analysten gehen fest davon aus, dass die Notenbank, die an diesem Donnerstag das erste Mal unter ihrem neuen Chef Naci Agbal ihre geldpolitischen Beschlüsse veröffentlicht, die Leitzinsen anheben wird. Am Markt wird ein starker Zinsschritt von derzeit 10,25 Prozent auf 15,0 Prozent erwartet.

In der Vergangenheit hatte sich Erdogan schon mehrfach gegen Zinserhöhungen ausgesprochen und damit die Unabhängigkeit der Notenbank in Frage gestellt. Er vertritt unter anderem die unorthodoxe Auffassung, dass ein hoher Leitzins nicht ein Mittel gegen die Inflation ist, sondern ihre Ursache. Das widerspricht der gängigen Wirtschaftslehre.

Leitzinsen sind von einer Zentralbank festgelegte Zinssätze, zu denen sich Geschäftsbanken bei einer Notenbank Geld beschaffen oder anlegen können. Zinssenkungen kurbeln tendenziell das Wirtschaftswachstum an, denn Kredite für Investitionen werden günstiger und wirken so preissteigernd. Zinserhöhungen wiederum verteuern Kredite, was sich auf Wirtschaftswachstum und Preisanstieg auswirkt.

Erst vor etwas mehr als einer Woche hatte Erdogan den Zentralbankchef ausgetauscht, der nur etwas mehr als ein Jahr im Amt war. Außerdem war Erdogans Schwiegersohn Berat Albayrak überraschend als Finanzminister zurückgetreten. Erdogan hatte daraufhin wirtschaftliche und politische Reformen angekündigt und unter anderem eine "neue Mobilmachung" bezüglich Justiz, Wirtschaft und Demokratie angekündigt. Die Lira, die wochenlang auf Talfahrt war, hatte sich nach den Personalwechseln und Erdogans Reformankündigungen zunächst stabilisiert.