Erdogan droht mit Belagerung von Kurden-Stadt Afrin

Bald unter Belagerung? Afrin in Nordsyrien

Die Türkei hat sich entschlossen gezeigt, ihre Offensive in Nordsyrien gegen die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) bis nach Afrin-Stadt zu tragen. Die türkische Armee werde "in den kommenden Tagen" mit der Belagerung des Stadtzentrums von Afrin beginnen, sagte Präsident Recep Tayyip Erdogan am Dienstag in Ankara an. Die türkische Armee geht seit Januar gegen die YPG in der Region Afrin vor, stößt dabei aber auf erbitterten Widerstand.

Einen Monat nach Beginn der "Operation Olivenzweig" haben die türkische Armee und verbündete syrische Milizen laut Erdogan "300 Quadratkilometer" der Region Afrin erobert. Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, die sich auf ein Netz von Ärzten und Aktivisten vor Ort stützt, brachten die Streitkräfte jedoch erst 35 grenznahe Dörfer unter ihre Kontrolle.

Erdogan rechtfertigte das langsame Voranschreiten der Offensive damit, dass die Armee ihre Truppen nicht in Gefahr bringen wolle und große "Rücksicht auf Zivilisten" nehme. Es sei nicht das Ziel, "alles vor uns Liegende zu verbrennen und zu zerstören", sagte der Präsident. "Wir sind dort, um ein sicheres Umfeld zu schaffen" für die Rückkehr von Flüchtlingen aus der Türkei.

Experten vermuten erhebliche militärische Schwierigkeiten der Türkei. Die Politologin Jana Jabbour sagte, es müsse auf beiden Seiten zwischen politischer Rhetorik und Propaganda und der Realität vor Ort unterschieden werden: Die Türken hätte Mühe, vorwärts zu kommen wegen der Kampfkraft und der Organisation der YPG, sagte die Professorin der Hochschule Sciences Po in Paris.

Nach Angaben der oppositionsnahen Beobachtungsstelle wurden bisher 240 protürkische Rebellen, knapp 200 kurdische Milizionäre und 94 Zivilisten getötet. Für Medien sind diese Angaben kaum zu überprüfen. Ankara weist Berichte über tote Zivilisten vehement zurück. Nach offiziellen Angaben sind bei den Gefechten bisher 32 türkische Soldaten zu Tode gekommen.

Die Türkei will mit der Offensive die YPG aus Afrin vertreiben, da sie ihre Präsenz an der Grenze wegen ihrer engen Verbindungen zur verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) als Bedrohung empfindet. Die Türkei betrachtet die YPG als Terrororganisation, doch unterstützen die USA sie im Kampf gegen die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) mit Waffen.

Syrische Staatsmedien meldeten am Montag, dass Regierungstruppen auf dem Weg nach Afrin seien, um den Widerstand gegen die Türkei zu unterstützen. In der Region hat Damaskus seit 2012 keine Truppen mehr stationiert. Erdogan besprach diese Entwicklung am Montagabend mit seinem russischen Kollegen Wladimir Putin und dem iranischen Präsidenten Hassan Ruhani.

Erdogan drohte am Dienstag, die Türkei werde "allen, die von außerhalb der Stadt und der Region kommen, den Weg blockieren". Der türkische Präsident hat auch wiederholt gedroht, die Offensive auf die von der YPG kontrollierte Stadt Manbidsch weiter östlich auszudehnen. Macht er damit Ernst, droht eine Konfrontation mit den dort zur Unterstützung der YPG stationierten US-Soldaten.

Nach einem Besuch von US-Außenminister Rex Tillerson vergangenen Donnerstag in Ankara deutete sich aber eine Entspannung an. Tillerson sagte, beide Seiten hätten vereinbart, künftig "Alleingänge" in Syrien zu vermeiden. Noch ist offen, was es für das US-Bündnis mit der YPG bedeutet, sollten sich die Kurden-Miliz tatsächlich mit den Truppen von Machthaber Baschar al-Assad verbünden.