Erdogan hat recht (manchmal)

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
Recep Tayyip Erdogan ist derzeit in Deutschland als Buhmann sehr gefragt (Bild: AP Photos/Ali Unal)

Die Türkei verschärft ihre Reisehinweise für Deutschland – eine Retourkutsche. Aber auch ein Anlass, mal genauer hinzuschauen. Und zwar bei sich selbst.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Im deutsch-türkischen Verhältnis ist alles Roger. In Deutschland werden Andersdenkende nicht einfach weggesperrt, es gibt Freiheit und Demokratie. In der Türkei versucht die Regierung gerade die Demokratie loszuwerden wie eine alte Kaffeetasse, und in Sachen Freiheit übt sie fleißig, an vergangene Jahrzehnte der türkischen Militärdiktatur nahtlos anzuschließen. Die Fronten sind also geklärt: Die Deutschen sind die Guten, und Türken, na ja, entweder böse oder Opfer, aber aktuelle Schulhoferfahrungen lehren uns, dass beides gleich peinlich sei.

Tatsächlich strebt der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan eine Art Schirmherrschaft für die Deutschtürken an. Er will ihnen sagen, wo es langgeht, und gefeiert werden möchte er auch, und zwar ordentlich. Wer nicht mitmacht, ist böse oder ein Opfer, aber das hatten wir gerade schon. Jedenfalls ist es für uns Deutsche nicht leicht, auf diesen Rabauken eine angemessene Antwort zu finden: Deniz Yücel und andere Journalisten sowie Menschenrechtler sind immer noch in Haft, und Erdogan schimpft in einem fort, da ist der Vorwurf, der Bundestagswahlkampf instrumentalisiere eine antitürkische Stimmung noch der mildeste. Zumal diese Klage aus dem Munde eines Politikers kommt, der sich im gefühlten Dauerwahlkampfmodus befindet.

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Jedenfalls finde ich, dass wir ziemlich falsch liegen, bei unseren Antworten auf diesen Agent Provocateur. Abperlen lassen geht natürlich nicht, es leiden Menschen unter ihm und seinem Regime. Aber wir sollten ihn wiederum auch nicht instrumentalisieren.

Wir lassen uns gern zerstreuen

Wir finden Erdogan insgeheim herrlich, erklären wir ihn doch zum Schutzpatron allen Unheils. Läuft etwas falsch: Recep war schuld. Am Klimawandel wird er auch gedreht haben, der Schuft. Der Bundestagswahlkampf erlebt tatsächlich eine seltsame Schieflage, durch die wir über Erdogan reden, als wäre er das dringendste Problem der Republik. Ist er aber nicht. Auch die zu uns Geflüchteten sind es nicht, welche oft zeitgleich mit ihm genannt werden; über Bildung, Umwelt, Finanzen, Infrastruktur und Kriege zu reden ist auch viel mühsamer.

Eine falsche Antwort auf Erdogan wäre zum Beispiel, die EU-Beitrittsverhandlungen von sich aus zu beenden. Solch symbolische Kraftmeierei brachte SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz ein paar Punkte, weil er damit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) überraschte – aber mehr nicht. Die Verhandlungen sind hingegen ein Instrument der Einflussnahme; die türkische Regierung hat derzeit ein Interesse an der EU wie Schulz an einer Karriere als Schlagersänger – warum dies Erdogan selbst aus der Hand reißen? Eine falsche Antwort ist auch die Verweigerung der Visa-Freiheit für Türken – mehr Freiheit, Gespräche und Möglichkeit zum Austausch tun not, nicht deren Gegenteil.

Eine weitere richtige Antwort finden wir ausgerechnet dort, wo wir sie am wenigsten vermuten würden, nämlich in den verschärften Reisehinweisen des türkischen Außenministeriums.

Dort steht natürlich eine Menge Quatsch, zum Beispiel dass man sich nicht auf „politische Debatten“ einlassen sollte – als wären Türken kleine Kinder, die im Wald besser nicht am Knusperhäuschen kratzen. Oder dass den eingereisten Türken eine Gefahr drohe, wenn sie sich in der Nähe von Veranstaltungen aufhalten, die von „Terrororganisationen“ organisiert werden. Nun, Terrorismus ist für Erdogan schon, wenn die Geschirrspülmaschine nicht ausgeräumt ist.

Was stimmt, stimmt

In den Hinweisen steht aber auch Wegweisendes für uns. Politische Debatten, so meine Erfahrung, sind für Deutschtürken zuweilen tatsächlich anstrengend geworden, weil andere Deutsche sie immerzu zu Erdogan befragen, und wie sie es mit ihm halten. In unserem Schubladendenken sind DIE alle gleich, welch eine Sippschaft. Aber so ist es, wenn man es immer besser weiß, das ist unsere alte deutsche Krankheit.

Auch haben die Hinweise Recht, wenn sie betonen, die politische Atmosphäre sei beeinflusst von der extremen Rechten und „sogar von rassistischer Rhetorik“. Ausdrücklich wird in der Erklärung Bezug genommen auf die NSU-Mordanschläge und kritisiert, dass es noch kein Urteil im Prozess dazu gibt. Ist dem zu widersprechen? Fragen übrigens Deutschtürken jeden weißen Deutschen, wie er es mit dem NSU halte? Ein gewisser Anlass dazu wäre ihnen nicht abzusprechen.

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Über Erdogan regen wir uns gut auf, und auch über Donald Trump. Aber wenn eine Nazi-Bande, höchstwahrscheinlich mit einem größeren Unterstützernetzwerk, jahrelang Terror durch Morde verübt, schieben wir das zuerst den Opfern selbst in die Schuhe, engen zweitens den möglichen Täterkreis möglichst ein, um weniger Wind zu spüren, erlauben uns drittens Sicherheitsbehörden, die nie alles erzählen und Akten schreddern, als wäre es eine neue olympische Disziplin und ignorieren viertens den NSU-Gerichtsprozess in München, als handele es sich um einen Streit unter Brieftaubenzüchtern.

Ja, im Verhältnis zur Türkei können wir einiges richtiger machen.

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