Erdoğans Dealer

Seit Anfang dieser Woche steht Reza Zarrab in New York vor Gericht. Der Fall des iranisch-türkischen Geschäftsmanns lässt tief in einen Korruptionsskandal blicken, in den Erdoğan selbst verwickelt ist.


Der Mann, der den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan in eine tiefe Krise stürzen kann, ist jung, dafür aber schon mit beträchtlichen Bauchumfang und dichtem Bart- und Kopfhaar. Seit Montag steht der 34-jährige Iraner Reza Zarrab vor einem New Yorker Gericht. Für Erdoğan dürfte ein Albtraum wahr geworden sein - er hatte in den Monaten seit Zarrabs Verhaftung im März 2016 alles daran gesetzt, diesen Moment zu verhindern.

Was war passiert?

Ein Rückblick: Am 1. Januar 2013 wird ein Fracht-Flugzeug aus Ghana kommend zur Notlandung in Istanbul gezwungen. Der Nebel um diese Jahreszeit über dem Bosphorus kann so dicht sein, dass er den Flugverkehr lahmlegt. Bei einer routinemäßigen Kontrolle trauen die Zollbeamte ihren Augen nicht: An Bord der Maschine befindet sich über eine Tonne Gold.


Die darauffolgenden Ermittlungen - zu dieser Zeit funktioniert das türkische Justizsystem noch unabhängig - führen einen Skandal internationalen Ausmaßes zu Tage.

In den Jahren zwischen 2010 und 2012 kaufte die Türkei in großem Stil Erdöl- und -gas vom Nachbarn Iran. Um die gegen Iran wegen seines Atomprogramms verhängten Sanktionen zu umgehen, bezahlte Ankara via eines komplizierten Firmengeflechts mit Gold. Kopf dieses Netzwerks ist der heute 34-jährige Reza Zarrab.

Der Milliardär ist eine schillernde Figur - Sohn eines iranischen Magnaten mit drei Pässen (einem türkischen, iranischen und einem aserbaidschanischen), verheiratet mit einer türkischen Popsängerin und sagenhaft reich: Er soll 21 Häuser, sieben Yachten sowie einen Privatjet besitzen.


Zarrab sitzt in der Türkei für einige Monate in Haft, wird dann auf freien Fuß gesetzt. Warum er nicht verurteilt wird, bleibt unklar. Im März 2016 macht Zarrab mit seiner Familie Urlaub in Disneyland in Florida. Die amerikanischen Behörden greifen zu - seitdem sitzt Zarrab in den USA in Haft. Warum er überhaupt in ein Land reiste, in dem er mit einer Verhaftung rechnen musste, bleibt unklar. Vielleicht wollte er sich stellen und auf eine Kronzeugenregelung einlassen.

Denn: In dem Fall Zarrab geht es nicht nur um die Umgehung von US-Sanktionen gegen Iran. Es geht auch um einen gigantischen Korruptionsskandal, in den die Familie des türkischen Präsidenten und sogar Erdoğan selbst verwickelt sein könnten.



Gülen-Verschwörung?


Kurz nach Zarrabs Verhaftung 2013 tauchen Tonbandaufnahmen auf, auf denen angeblich Erdoğan und sein Schwiegersohn zu hören sind, wie sie darüber beraten, Bargeld verschwinden zu lassen. Um die Deals mit Teheran abzuwickeln, soll Zarrab in großem Stil und an höchster Stelle geschmiert haben - darunter bei Erdoğans Sohn Bilal, dem damaligen Wirtschaftsminister Zafer Caglayan und dem Chef der staatlichen Halkbank Mehmet Hakan Atilla, der einzige Mitangeklagte in New York. Von Schuhkartons voller Geld ist die Rede.

Erdoğan selbst sieht das als Teil der Gülen-Verschwörung, die er auch für den Putschversuch vom 15. Juli 2016 verantwortlich macht. Die Telefongespräche seien eine Fälschung der Gülenisten. Der Kopf der Bewegung, Fetullah Gülen, lebt seit 1999 in Pennsylvania. „Als ihre Verschwörung in der Türkei zusammenbrach, versuchten sie dasselbe in den USA“, sagte Erdoğan im November vor dem türkischen Parlament.

Für die türkisch-amerikanischen Beziehungen ist der Fall Zarrab Gift und trägt weiter zur Entfremdung der beiden Nato-Partner bei: Seit Oktober tobt ein Visa-Kleinkrieg zwischen beiden Ländern. Nachdem die türkischen Behörden einen Mitarbeiter des amerikanischen Konsulats wegen Verdacht auf Mitgliedschaft einer terroristischen Vereinigung festgenommen hatten, erteilen die amerikanischen Behörden türkischen Staatsbürgern keine Touristenvisa mehr.



Die Türkei tat es den USA gleich. Die Eskalation zwischen den beiden Ländern belastet die Wirtschaft: Die ausländischen Direktinvestitionen in die Türkei fallen: In den ersten neun Monaten dieses Jahres lagen sie 19 Prozent niedriger als im Vorjahreszeitraum. Die Lira hat seit September 25 Prozent an Wert verloren. Das setzt viele türkische Firmen unter Druck, die Kredite in Dollar aufgenommen haben - die Schuldenlast der Privatsektors in Form von Fremdwährungskrediten liegt mittlerweile bei 320 Milliarden US-Dollar - eine schwache Lira lässt die Schuldenlast steigen. Den sechs türkischen Banken, die in den Skandal verwickelt sind, könnte bis zu 20 Milliarden US-Dollar an Strafen drohen.

Auch der türkische Leitindex hat seit den Spannungen um mehr als zehn Prozent verloren - besonders stark fielen Bankaktien.

Laut einer Umfrage des PEW-Instituts in Washington haben nur 13 Prozent der Türken ein positives Bild der USA. Erdoğan hat also gute Chancen, mit seiner Interpretation der Ereignisse erfolgreich zu sein. Die wirtschaftlichen Folgen aber werden schmerzen.

Zarrab selbst dürfte straffrei ausgehen. Beim Prozessauftakt am Dienstag wurde klar: Er hat in einen Deal eingewilligt, sich schuldig bekannt und wird nun als Belastungszeuge auftreten.