Das Erbe der Babyboomer: Geld für sich selbst — und eine kaputte Wirtschaft für alle anderen?

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Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es weltweit einen regelrechten Geburten-Boom. Er sorgte dafür, dass die Generation der Menschen, die zwischen 1945 und 65 geboren wurden, als Baby-Boomer – oder kurz Boomer – bezeichnet wird. In Deutschland setzte der Anstieg der Geburtenrate etwa in der Mitte der 1950er-Jahre ein. Daraufhin stieg auch hierzulande die Zahl der Geburten pro Frau rasant an. Im Jahr 1965 gebar jede Frau in West- und Ostdeutschland im Schnitt 2,5 Kinder. Seitdem ist dieser Wert kontinuierlich gesunken. Derzeit liegt er bei 1,5 Kindern pro Frau.

Die jüngsten Boomer sind im Jahr 2021 bereits 56 Jahre alt geworden – und demnach gar nicht mehr so jung. Sie haben viel erlebt: Friedensbewegung, Aufarbeitung des Holocausts und Wirtschaftswunder sind, zumindest in Westdeutschland, prägend für diese Generation gewesen. Die ökonomischen Umstände, unter denen sie in ihre Karriere einstiegen und sie verfolgen konnten, half den Baby-Boomern dabei, vieles aufzubauen: Typisch, wenn man an ihre Generation denkt, sind das eigene Haus mit Garten und Auto. Träume, die diese Generation sich einfacher erfüllen konnte als etwa die Millennials – geboren zwischen den frühen 1980er und späten 1990er Jahren.

Nie zuvor hatten die älteren Generationen so viel Vermögen, schreibt das "Wall Street Journal". Die Boomer in vielen Ländern, auch in Deutschland, profitierten von der wachsenden Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihre Gehälter waren im Vergleich zu den Lebenshaltungskosten gut, sie konnten Vermögen aufbauen und es dank hoher Zinsen potenzieren. Und das Rentensystem sichert vielen von ihnen auch im Alter noch relativen Wohlstand.

Baby-Boomern wird aus all diesen Gründen auch häufig vorgeworfen, zu sehr auf ihr eigenes Auskommen fixiert zu sein. Kritik aus den eigenen Reihen – in den USA – kommt etwa von Milliardär Howard Marks, dem Mitbegründer von Oaktree Capital Management. In einem Memo an seine Kunden schrieb er Ende 2021, die Boomer-Generation, der er selbst angehört, habe den jüngeren Millennials eine kaputte Wirtschaft und einen Berg voll Schulden hinterlassen. „Die Baby-Boomer haben mehr als ihren fairen Anteil am Kuchen konsumiert und tun es immer noch“, schrieb Marks da. „Dadurch werden künftige Generationen mit erheblichen Schulden belastet, die von Ausgaben herrühren, von denen sie nicht in gleichem Maße profitiert haben.“

Boomer-Generation konzentriere sich auf Konsum im Hier und Jetzt

Auch die US-Anwältin und Autorin Jill Filipovic sieht ein wirtschaftliches Versagen der Boomer als Ursprung für die erhöhten Bildungs- und Lebenskosten der Millennials, die in den USA genauso zu Buche schlagen wie in Deutschland. Zu Business Insider sagte sie, dass die Boomer den Millennials Platz zur Entfaltung eigener Ideen einräumen müssten, aber gleichzeitig ihre eigene Erfahrung und Weisheit weiter geben sollten.

Der US-amerikanische Wissenschaftler Neil Howe erklärt im Gespräch mit Business Insider, dass sich bei der Boomer-Generation eine Lebensweise eingebürgert habe, die sich auf den Konsum im Hier und Jetzt fokussiere. Boomer weigerten sich, für die Instandhaltung von Institutionen zu zahlen. Sie gäben stattdessen lieber Geld für kurzfristige Anschaffungen in der Gegenwart aus. „Die Erfahrung des Erwachsenwerdens der Boomer hat sie gelehrt, dass wir wirklich auf unser Bauchgefühl vertrauen und uns mehr auf das konzentrieren sollten, was uns heute ein gutes Gefühl gibt“, sagt Howe.

Einem Bericht von Deutsche Bank Research aus dem vergangenen Jahr zufolge profitierten die Boomer von dieser Einstellung auch wirtschaftlich. Dank niedriger Zinsen und hoher Immobilienpreise verzeichnete diese Generation einen verhältnismäßig hohen Wertzuwachs bei ihren Vermögenswerten wie folgende Generationen. Zudem mussten die Babyboomer nicht so viel für ihre Ausbildung bezahlen wie die Millennials – und werden auch nicht für die Umweltschäden aufkommen müssen, die von den Unternehmen verursacht werden, in die sie investiert haben und umweltschädigende Treibhausgase freisetzen.

Der Fokus auf das Hier und Jetzt spiegelt sich auch in ihrem Anlageverhalten wider, wie eine repräsentative Befragung der Geldanlage-Plattform „Weltsparen“ zeigt. Bei den Boomern will demnach knapp mehr als die Hälfte immer flexibel auf ihr Geld zugreifen können. In der Generation Z (ab Jahrgang 1996) ist das nur 31 Prozent der insgesamt 2000 Befragten wichtig.

Boomer sind empfindlicher, aber dafür seltener narzisstisch

Dafür, auch das zeigt die Umfrage von „Weltsparen“, haben Baby-Boomer im Allgemeinen aber großes Interesse daran, die Anlageprodukte auch wirklich zu verstehen, für die sie sich interessieren. Die Studie zeigt allerdings auch, dass die ältere Generation weniger offen für Tipps von Freunden und Verwandten ist als die jüngeren Befragten – und dass Boomer privaten Ratschläge bei der Geldanlage skeptischer gegenübersteht.

Ob das an einer hohen persönclichen Empfindlichkeit liegt? In einer im Jahr 2019 veröffentlichten Studie mit 750 Probanden wurde der Zusammenhang der Persönlichkeitsmerkmal Narzissmus und Empfindlichkeit mit dem Alter untersucht. Demnach neigen Baby-Boomer zwar weniger zu Narzissmus, sind aber deutlich sensibler als die jüngeren Teilnehmer der Studie.

Immerhin: Der typische Baby-Boomer wird zumindest den eigenen Kindern auf lange Sicht helfen. Babyboomer sind wohlhabend genug, um ein oft nicht unerhebliches Erbe innerhalb der Familie weiterzugeben.

Teile dieses Artikels stammen aus einem Artikel unserer Business Insider-Kollegen aus den USA. Den Originaltext findet ihr hier.

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