Entwarnung: Die aktuellen Meldungen über eine Spinneninvasion sind völlig übertrieben

Einige finden sie faszinierend, andere einfach nur eklig. Die Fülle an Geschichten und Mythen über die meist unbeliebten Krabbeltierchen ist so reich wie ihre Beinchen lang. Die neuste Ekel-Sensation: Die Invasion der Hauswinkelspinne.

Groß, haarig und dazu auch noch bissig soll sie sein und sich derzeit in deutschen Wohnungen ausbreiten. Angeblich seien 150 Millionen Riesenspinnen der Gattung Eratigena atrica auf dem Vormarsch – eine Zahl, die einige Experten als „größer als je zuvor“ einstufen. Der Grund: Ein feuchter Sommer, der die perfekten Bedingungen für Fliegen und andere Insekten bot, die bei den Spinnen auf der Speisekarte ganz oben stehen.

Viele Online-Medien erteilen nun Ratschläge, wie man diese „Plage“ loswerden könne. Die hohen Klickzahlen sprechen für sich. Kein Wunder also, dass Artikel wie diese sich rasant im Netz verbreiten und stets ganz groß auf der Startseite platziert werden. Dass allerdings alle Jahre wieder mit Herbstbeginn von einer extremen Spinnenplage gesprochen wird, das erwähnt niemand. Es ist wahr, es ist Spinnensaison, oder zumindest die Zeit des Jahres, in der wir die Spinne bemerken, denn für die Spinne ist jetzt Paarungszeit. Da kann es schon einmal vorkommen, dass eine männliche Hauswinkelspinne hinter dem Sofa hervorhuscht, auf der Suche nach einer Partnerin.

Sollte ein solches Tierchen an ihrer Tapete hochkrabbeln, bitte nicht töten, sondern einfangen und rausbringen. (Bild: AP Photo)

In einem Interview mit der Online-Seite „Meedia“ erklärt Dr. Berthold Huber, Spinnenforscher im Zoologischen Forschungszentrum, dass er auffällig viele Anfragen zur Hauswinkelspinne bekomme: „Ich habe immer wieder Anfragen dieser Art, aber dieses Jahr war es extrem. Das passt, weil zum einen gerade Paarungszeit ist, zum anderen können sich Spinnen gut über glatte Flächen bewegen, die Hauswinkelspinne aber nicht. Wenn die dann in der Badewanne oder im Spülbecken landet, ist sie dort gefangen und morgens sieht man sie. Daher kommen wohl die vermehrten Sichtungen dieser Spinnenart im Herbst.“

Wir hatten außerdem keinen außergewöhnlich feuchten Sommer, sondern eine angemessene Anzahl von warmen, sonnigen und regnerischen Tagen. Und mit einer Zunahme des Insektenreichtums, können wir auch mit einer Zunahme derjenigen rechnen, die bei den meisten Ekel hervorrufen. Zudem ernähren sich Hausspinnen gar nicht ausschließlich von Fliegen, wie Naturforscher Richard „Bugman“ Jones weiß. Dem britischen Telegraph erklärt er: „Sie spinnen ein grobes Netz am Boden und essen, was auch immer es gibt, vor allem Silberfische, Waldläuse, Speisekäfer und andere Spinnen.“

Die Aussage, dass es in diesem Jahr mehr Spinnen gäbe, als je zuvor, sei demnach völliger Unsinn. Für ihn erleben wir in diesem Sommer keine Zunahme dieser ungeplanten Haustierchen, sondern vielmehr eine Zunahme von Panikmache.