Aus Enttäuschung ETF


Zehn Jahre ist die Finanzkrise inzwischen her, doch bei privaten Investoren wirkt die Zeit der Instabilität immer noch nach. Anleger geben zwar an, sich finanziell sicher zu fühlen und sich an langfristigen Finanzzielen zu orientieren – doch bei genauerem Hinsehen erkennt man die Narben der Krise noch: Viele Anleger sind von Misstrauen, Unkenntnis, aber auch hohen Ansprüchen geprägt.

Das ergibt eine Umfrage unter 8.300 Privatanlegern mit freiem Vermögen von mindestens 100.000 Dollar in 26 Ländern, die der französische Vermögensverwalter Natixis Global Asset Management durchgeführt hat. Die Ergebnisse für Deutschland, wo 400 Anleger befragt wurden, liegen dem Handelsblatt exklusiv vor.

„Private Anleger wünschen sich Transparenz und einen Gegenwert für ihr Geld“, hebt Jörg Knaf, Vertriebschef für Nordeuropa bei Natixis, aus der Umfrage hervor. Demzufolge sind sie oft enttäuscht von ihren Investments: So erwarten zwei Drittel der befragten Anleger weltweit und knapp 60 Prozent der deutschen Anleger, dass sie über ihre – meist aktiven – Fonds im Depot einen Wertpapiermix bekommen, der sich von Indizes unterscheidet. Doch drei Viertel der Anleger haben erfahren müssen, dass viele Fondsmanager zwar Gebühren für aktives Management erheben, aber tatsächlich nur Indizes nachbilden.


Früheren Umfragen von Natixis zufolge nennt eine Mehrheit von Großinvestoren und ein gewichtiger Teil der Finanzberater die Existenz solcher scheinbar aktiver Fonds als Grund dafür, dass Anleger verstärkt Indexfonds wie die börsengehandelten ETFs kauften.

Diese passiven Fonds, die im Vergleich zu aktiven Fonds einen Bruchteil an Gebühren kosten, sind seit Jahren international im Trend. Weltweit hat sich das Vermögen der ETFs zwischen 2012 und 2016 verdoppelt und beträgt inzwischen mehr als drei Billionen Dollar. In der gleichen Zeit stieg das Vermögen aller Investmentfonds um ein Viertel auf über 40 Billionen Dollar.


Trotz ihres zunehmenden Interesses an den Indexfonds, kennen sich private Anleger offenbar nur oberflächlich mit den Produkten aus. So ergibt die Umfrage, dass viele private Anleger gerade einmal die Grundzusammenhänge über die ETFs kennen. Die meisten Investoren wissen demnach, dass Indexprodukte Marktrenditen zu relativ geringen Gebühren liefern. Zugleich halten sie die Produkte aber auch für weniger riskant als aktive Fonds und glauben, damit Verluste verringern zu können.

Außerdem stellt Natixis fest, dass Wunsch und Realität bei vielen privaten Anlegern nicht zusammen passen. Die meisten befragten Privatinvestoren geben an, konkrete Ziele bei der Geldanlage zu haben, die im Durchschnitt extrem unrealistisch wirken. So fühlen sich rund zwei Drittel der Investoren weltweit finanziell sicher und haben klare Finanzziele. Dennoch sorgen sie sich, trotz der rekordniedrigen Kursschwankungen am Aktienmarkt, dass sie Kursverluste verzeichnen könnten und daher ihre Ziele nicht erreichen. Dazu passt, dass Anleger meist die Sicherheit vor Verlusten weiter über Renditeziele stellen.


Private Anleger stecken sich unrealistisch hohe Ziele

Eine Mehrheit meint, dass es zudem wichtig ist, in alternative Anlagen zu investieren, um Verlustrisiken zu reduzieren. 70 Prozent der Anleger wollen dabei in andere Anlageklassen als Aktien und Anleihen investieren. 60 Prozent finden allerdings solche alternativen Anlagen zu kompliziert.

Die Risikoneigung ist offenbar gering: So will rund die Hälfte ihr Depot monatlich nicht mehr als sieben Prozent schwanken sehen. Die meisten haben dabei einen relativ kurzen Anlagehorizont von weniger als zehn Jahren. Gleichwohl geben die Befragten an, reale Renditen von knapp zehn Prozent pro Jahr zu brauchen, um ihre Ziele zu erreichen. Deutsche Anleger geben sogar einen Depotertrag von real 10,5 Prozent pro Jahr als notwendig an.


Finanzprofis halten dagegen nur gut die Hälfte für realistisch. Regelmäßig ergeben Umfragen, dass private Anleger gemessen an ihrer eher risikoaversen Grundeinstellung überzogene Renditeerwartungen äußern. Die meisten Anleger vertrauen der Natixis-Umfrage zufolge vor allem sich selbst bei der Geldanlage, viele aber auch ihrem Berater wie auch Fondsrankings und Finanzmedien.

Natixis interpretiert die Umfrageergebnisse als eine Aufforderung an Vermögensverwalter und Finanzberater, das Vertrauen der Anleger wieder zurückzugewinnen: Dafür sollten Fondsmanager ihre Fonds wirklich aktiv steuern und Investoren fundiert informieren. „Die Anleger erhalten zwar eine kontinuierliche Flut von Informationen, geben aber eindeutig zu verstehen, dass sie Beratung benötigen“, bekräftigt Knaf von Natixis. Zur Vertrauensbildung sei zudem wichtig, den Kunden besser zuzuhören und Anlagestrategien zu finden, die zu den Bedürfnissen und Zielen der Investoren wirklich passten.

KONTEXT

Wie Deutsche ihr Vermögen verteilen - und welche Folgen dies hat

Wo steckt das viele Geld?

Sparbuch und Co. werfen wegen der Zinsflaute kaum noch etwas ab, zugleich nagen die Niedrigzinsen an der Rendite von privaten Renten- und Lebensversicherungen. Dennoch liegt das Geld vor allem auf Girokonten, es steckt in Sparbüchern oder Lebensversicherung. Der größte Posten waren der Bundesbank zufolge Ende vergangenen Jahres Bargeld, Geld auf Girokonten oder Spareinlagen mit insgesamt 2.200 Milliarden Euro. Weitere 2.113 Milliarden Euro steckten in Versicherungen und Pensionseinrichtungen. 2016 hatten einer GfK-Umfrage zufolge 40 Prozent der Bundesbürger ihr Geld auf einem Sparbuch angelegt - wohlwissend, dass es sich um eine unattraktive Form der Geldanlage handelt.

Was ist mit Aktien?

Die meisten Menschen in Deutschland meiden Aktien nach wie vor. Die Zahl der Aktienbesitzer in Deutschland sank im vergangenen Jahr sogar wieder unter die Marke von neun Millionen. "Die Deutschen sind eben leider immer noch kein Volk der Anleger, sondern ein Volk der Sparer - daran hat selbst die anhaltende Niedrigzinsphase bis heute nichts ändern können", meint der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Marc Tüngler.

Welche Folgen hat das?

Sparer verzichten nicht nur auf Gewinne durch steigende Börsenkurse, sondern auch auf Dividenden. Nach Berechnungen von Aktionärsvertretern schütten allein die 30 Börsenschwergewichte im Leitindex Dax in diesem Jahr die Rekordsumme von 31,6 Milliarden Euro an ihre Anteilseigner aus. Die Gewinnbeteiligung bei 640 untersuchten Aktiengesellschaften steigt im Vergleich zum Vorjahr um rund 9 Prozent auf die Bestmarke von insgesamt 46,3 Milliarden Euro.

Sind Aktien immer eine gute Wahl?

Nicht unbedingt. Zwar gelten die Anteilsscheine langfristig als lukrative Geldanlage. Wer beispielsweise Ende 1995 Aktien kaufte und bis Ende 2010 hielt, habe in diesem Zeitraum im Schnitt 7,8 Prozent Rendite pro Jahr erzielt, rechnet das Deutsche Aktieninstitut (DAI) vor. Doch nicht jede Aktie zahlt sich aus - wie die DSW-Liste der 50 "größten Kapitalvernichter" zeigt. Wer dort investierte, musste herbe Kursverluste hinnehmen, "die durch die Dividendenzahlungen meist nicht ansatzweise kompensiert werden konnten", wie Tüngler erläutert.

Wie ist der Reichtum verteilt?

Darüber gibt die Analyse der Bundesbank keine Auskunft. Der aktuelle Armut- und Reichtumsbericht der Bundesregierung kommt aber zu dem Ergebnis, dass die reichsten zehn Prozent der Haushalte mehr als die Hälfte des gesamten Netto-Vermögens besitzen. "Die untere Hälfte nur ein Prozent", erläuterte Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) jüngst. Von dem seit Jahren anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland profitieren danach vor allem die Reichen. "Die unteren 40 Prozent der Beschäftigten haben 2015 real weniger verdient als Mitte der 90er Jahre", so die Ministerin.