Entscheidende Unterschiede zwischen Bitcoin, Geld, Münzen und Tokens

Ralf Anders, Motley Fool beitragender Investmentanalyst

Blockchain, Bitcoin, Token und ICO … wer sich mit Kryptowährungen auseinandersetzen will, der wird mit vielen neuen Begriffen konfrontiert. Aber was sind eigentlich die wesentlichen Unterschiede zwischen den verschiedenen digitalen Varianten, echtem Geld und Münzen? Genau das habe ich versucht, im Folgenden herauszuarbeiten.

Einsetzbarkeit

Echtes Geld (auch Fiatgeld genannt) — also zum Beispiel Euro, Franken oder US-Dollar — gilt als gesetzliches Zahlungsmittel und kann daher universell für die Begleichung einer Geldschuld eingesetzt werden. Allerdings nur im jeweiligen Währungsraum, das heißt in Euroland, der Schweiz beziehungsweise dem Dollarraum. Außerhalb dieser Regionen hängt es vom Wohlwollen des jeweiligen Händlers oder Geschäftspartners ab, ob die Währung akzeptiert wird. Gegebenenfalls muss man sich Geld in lokaler Währung besorgen.

Bei Bitcoin und vergleichbaren Kryptowährungen gibt es hingegen niemanden, der gesetzlich verpflichtet ist, sie als Zahlungsmittel zu akzeptieren. Alles basiert auf Freiwilligkeit. Allerdings bemühen sich interessierte Teilnehmer der Systeme, das jeweilige Ecosystem ständig zu erweitern.

Etwas anders sieht die Situation bei bestimmten Tokens aus, die eher als Komplementärwährung ausgestaltet sind. Ich denke dabei zum Beispiel an das konvertierbare WIR-Geld der schweizerischen WIR Bank Genossenschaft. Diese organisiert eine breite Community von Ausgabe- und Akzeptanzstellen und legt fest, dass man dort für einen WIR die gleiche Gegenleistung erhält wie für einen Franken.

Einen ähnlichen Charakter hat der NAGA Coin, welcher aktuell von der NAGA Group (WKN:A161NR) per sogenanntem ICO („Initial Coin Offering“) unter die Leute gebracht wird (siehe auch Artikel vom 02.11.). Diese Aktiengesellschaft nimmt die Rolle der WIR Bank ein und wird dafür sorgen, dass es innerhalb ihres Ecosystems immer möglich ist, gewisse Leistungen für die Tokens zu erhalten.

Steuerung

Bei echtem Geld gibt es Zentralbanken und wie der Name bereits sagt, stehen diese im Zentrum. Sie setzen die Spielregeln, sorgen für den Bargeldumlauf und kontrollieren die Zinssätze genauso wie die Geldmenge.

Bei rein dezentralen Währungen wird zwar von den Initiatoren über Algorithmen festgelegt, nach welchen Regeln die einzelnen Tokens erzeugt und benutzt werden können, aber danach sind sie sich weitgehend selbst überlassen. Es kommt auf die Aktivität der Nutzergemeinde an, was daraus wird.

Anonymität

Einen Euroschein oder eine Centmünze kann ich jemandem in die Hand drücken, ohne irgendwelche Informationen über mich oder die Transaktion selbst zu hinterlassen. Ohne den dafür erforderlichen persönlichen Kontakt muss ich hingegen einen Finanzdienstleister einschalten, welcher mein Geld aufbewahrt und es jemand anderem ausbezahlt. In dem Fall ist es nicht mehr weit her mir der Anonymität, die Bank weiß alles und Behörden können sich Zugang verschaffen.

Viele Kryptowährungen wurden so entworfen, dass sie ein hohes Maß an Anonymität gewährleisten. Zwar werden alle Transaktionen in der sogenannten Blockchain protokolliert, aber gewisse Mechanismen erschweren das eindeutige Zuordnen zu einzelnen Akteuren erheblich.

Systemkosten

Die Kosten für die Herstellung von Geldscheinen und Münzen werden vom Steuerzahler getragen. Der Bargeldumlauf ist ein ganz schön teurer Luxus. Allein für das Prägen und Drucken gibt Deutschland jährlich über 70 Mio. Euro aus. Hinzu kommen noch wesentlich höhere Kosten für den Transport zwischen Banken, Händlern und Konsumenten, sowie das Management der Bargeldbestände.

Bargeldlose Transaktionen können also eine Menge Geld sparen. Statt klassisch mit Debit- oder Kreditkarte ist das immer häufiger auch mit speziellen Payment-Apps möglich. Auch Kryptowährungen können das mehr oder weniger gut leisten. Kosten entstehen dort allerdings durch das Management der Blockchain, welche immer größer wird und an zahlreichen sogenannten Knoten synchron gehalten werden muss.

Deshalb muss man für jede Transaktion auch ein Entgelt an die Betreiber der Knoten entrichten. Bei Bitcoin kann man selbst wählen, wie viel man zu zahlen bereit ist, aber wer es eilig hat, der muss mittlerweile zum Teil umgerechnet über 10 US-Dollar abdrücken.

Werthaltigkeit

Manche sagen, Papiergeld wäre eigentlich nichts wert und andere behaupten, digitales Geld tauge nichts. Aber woran macht man eigentlich den Wert fest? Bei klassischen Münzen aus Edelmetall war das noch einfach. Ihr Wert entsprach weitgehend dem Marktwert des verwendeten Goldes oder Silbers. Das Problem dabei war, dass die Entdeckung von neuen großen Fundstellen, wie zum Beispiel dem legendären Cerro Rico in Potosí durch die Spanier im 16. Jahrhundert, zu einem dramatischen Wertverfall führen kann, weil Edelmetall- und Güterangebot aus dem Gleichgewicht geraten.

Der Wert von modernem Geld ist schwieriger zu bestimmen. Die Zentralbanken versuchen, die Geldmenge mit der Güterproduktion so im Gleichgewicht zu halten, dass die Wirtschaftsakteure im Schnitt eine hohe Preisstabilität erfahren. Die Werthaltigkeit hängt daher nicht nur vom seriösen Wirken der Zentralbanker ab, sondern auch etwa von Investitionsentscheidungen und der Qualität der Arbeitsleistung. Letztlich steckt also hinter dem Euro die gesamte Euroland-Wirtschaft samt Infrastruktur und dem Wissen in den Köpfen.

Bei Tokens, die wie Gutscheine gestaltet sind, kann ich bei Akzeptanzstellen gewisse Dienstleistungen oder Produkte bekommen. Das ist wieder einfach. Aber was ist mit Kryptowährungen wie Bitcoin? Worin besteht der Wert, wenn niemand nichts garantiert und auch keinerlei Kopplung an die Realwirtschaft besteht? Manche sagen, dass das wachsende Ecosystem dem Bitcoin Wert verleihe oder dass schon allein die systembedingte Verknappung für Werthaltigkeit sorge.

Bei genauerem Hinsehen vermag mich das aber nicht zu überzeugen. Der steigende Wert entsteht wohl ausschließlich durch einen anhaltenden aber nicht nachhaltigen Nachfrageüberschuss, der von mächtigen Spielern ständig angeheizt wird, zuletzt auch durch Banken und die Derivatebörse CME Group (WKN:A0MW32).

Informier dich

Bevor du dich auf neuartige Zahlungsmittel einlässt, solltest du dich gut über deren Nutzen und Gefahren schlau machen. In diesem Artikel habe ich einige wichtige Aspekte vorgestellt, aber es gäbe natürlich noch viel mehr zu sagen. Wichtig ist jedenfalls im Hinterkopf zu behalten, dass Geld arbeiten muss, wenn es sich vermehren soll — und das tut es in der Regel am besten, wenn es seriös investiert wird, zum Beispiel in Aktien.

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Ralf Anders besitzt keine der erwähnten Aktien. The Motley Fool besitzt keine der erwähnten Aktien.

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