Entrüstung über Nazi-Porträt der "The New York Times"

Der Artikel erschien in der Online-Ausgabe der “The New York Times” (Bild: Getty Images)

Am Samstag veröffentlichte “The New York Times“ ein Profil über einen Neonazi. Dieses wäre vermutlich nur halb so wild gewesen, wenn der Protagonist in der Geschichte nicht als Durchschnittsbürger und netter Nachbar dargestellt worden wäre, der Pasta und die Sitcom “Seinfeld” liebt. Die Leser zeigen sich fassungslos im Netz.

“Im Herzen von Amerika, der Nazi-Sympathisant von Nebenan“ – so der Titel des Artikels, der online erschien und von Richard Fausett verfasst wurde. Er handelt von Tony Hovater, einem Nazi aus Ohio, der laut Autor höflich ist und mit seinen Manieren der perfekte Schwiegersohn wäre. Außerdem guckt er gerne “Twin Peaks“ und isst bei “Applebee’s”. Das Stück ist in einem beängstigend normalen und alltäglichen Ton geschrieben, dass er Leser fast schon dazu animiert, Nazis zu verstehen und sogar mit ihnen mitzufühlen. Kein Wunder, dass die Empörung darüber im Netz groß ist.

 

Viele Journalisten reagierten auf das Stück und zeigen sich entrüstet. “Warum wir mehr farbige Menschen brauchen, die in einem Newsroom an einem Artikel arbeiten”, schreibt beispielsweise Rani Molla, eine Autorin von “Recode”.

Bess Kalb schreibt für die Kultshow “Jimmy Kimmel Live“ und konnte nicht glauben, was sie da sah: “Ich möchte nicht intolerant oder unhöflich erscheinen, aber f**** diesen Nazi und f**** den sanften, wissbegierigen Ton dieses Nazi-normalisierenden Kotz-Journalismus und f**** den Fotografen dafür, dass er nicht einfach die Kamera auf den Kopf dieses Nazis geworfen und gelacht hat.”

Nate Silver, Chefredakteur von “FiveThirtyEight”, findet: “Was zur Hölle ist das, @nytimes? Dieser Artikel normalisiert Neonazismus in einer Form, wie ich sie lange nicht mehr gesehen habe.”

 

Als ebenfalls verstörend empfunden wurde ein Link im Online-Artikel, der auf eine Seite führte, die Nazi-Armbänder verkauft. “The New York Times” hat diesen Link inzwischen von der Webseite entfernt und die Überschrift des Stücks in “Eine Stimme des Hasses im Herzen von Amerika” geändert.

 

Der Autor veröffentlichte außerdem einen zweiten Essay, in dem er versucht, herauszufinden, was jemanden dazu bewegt, ein Neonazi zu werden. Herausgeber Marc Lacey entschuldigte sich dafür, die Leser der “The New York Times” vor den Kopf gestoßen zu haben, verteidigte den Artikel aber.

“Das Ziel der Geschichte war es nicht, etwas zu normalisieren, sondern zu zeigen, wie Hass und Extremismus im amerikanischen Leben in die Normalität übergangen sind, ohne dass es die meisten von uns überhaupt merken“, schreibt Lacey. “Wir haben Mr. Hovater als Fanatiker, als Nazi-Sympathisanten beschrieben, der Bilder von einem Nazi-Amerika voll mit glücklichen weißen Menschen und Hakenkreuzen auf Facebook postet.“

Weiter heißt es in der Stellungnahme: “Wir bedauern es, dass sich viele Leser von unserem Stück angegriffen fühlten. Uns ist klar, dass es mehrere Wege gibt, eine unangenehme Geschichte zu erzählen. Was allerdings unbestreitbar ist, ist, dass wir mehr Aufschluss über die extremsten Orte Amerikas geben müssen und über die Menschen, die dort leben. Das ist genau das, was die Story, wenn auch unvollkommen, tun sollte.“

Es ist nicht das erste Mal, dass “The New York Times” einen Artikel herausbringt, der Nazis im Alltagsleben zeigt. Ein Twitter-User weist auf ein Stück vom 20. August 1939 hin, das Einblicke in Hitlers Leben mit Details wie “Er war ein strikter Vegetarier und Antialkoholiker” gab. Der Nutzer erklärt aber: “Nur 12 Tage später marschierte Hitler in Polen ein.”