Enke-Berater: "Ich schaue auf die Kerze neben seinem Trikot"

Reinhard Franke
·Lesedauer: 4 Min.

Am Dienstag jährt sich der Todestag von Robert Enke zum elften Mal. 2009 war es, als sich der Torwart das Leben nahm. Viele Emotionen und Erinnerungen werden wieder hochkommen, wenn Enkes Witwe Teresa Enke, Fußballfans und ehemalige Wegbegleiter des Torwarts an die Trauerfeier im Stadion von Hannover 96 zurückdenken.

Einer von ihnen ist Jörg Neblung, der frühere Berater und enge Freund von Enke. Er saß damals bei der Trauerfeier im Stadion von Hannover 96 neben Enkes Frau und dem gemeinsamen Freund, Ex-Profi Marco Villa. Neblung denkt am Dienstag ganz besonders an den früheren Nationalkeeper zurück.

Er betreute den jungen Enke damals von dem Tag an, als dieser von Carl Zeiss Jena zu Borussia Mönchengladbach wechselte. Im April 2002 war Enke einer von drei Spielern, mit denen sich Neblung dann selbstständig machte. Auch Timo Hildebrand betreute er - von 2010 bis zu dessen Karriere-Ende im März 2016.

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Bei SPORT1 denkt Neblung an Enke und spricht über Druck und Respekt im Fußball-Geschäft.

SPORT1:

Jörg Neblung: Wie jedes Jahr am 10. November: Ich schaue auf die Kerze neben seinem Trikot, denke erst an den damaligen Abend seines Todes und dann an meinen Freund, auch die schönen Momente. Insgesamt überwiegt aber Wehmut.

SPORT1: In welchen Momenten denken Sie noch sehr an Robert? Sie waren sein Berater und guter Freund.

"Ich bin bei den Menschen immer noch der Enke-Berater"

Neblung: Ich bin bei den Menschen immer noch der Enke-Berater, auch wenn meine jungen Talente Robert gar nicht mehr vor Augen haben. Die Erinnerung kommt regelmäßig, sei es über Depressions-Fälle, die Hilfe suchen, meine Verbindung zur Enke-Stiftung als Kurator oder aber die Begegnung mit ehemaligen Mitspielern von Robert oder seinen Ex-Vereinen.

SPORT1: Wie denken Sie heute über die Worte des damaligen DFB-Präsidenten bei der Trauerfeier damals? Es wurde vor allem von gegenseitigem Respekt gesprochen. Gibt es beides noch im Fußball

Neblung: Respekt ist etwas menschliches und die Menschen sind verschieden. Der scheidende US-Präsident beispielsweise hatte keinen Respekt, andere Politiker sind sehr respektvoll im Umgang. Empathie ist aber keine typische Eigenart des Fußball Geschäftes, einzelne Protagonisten haben sie, andere wiederum nicht. Es sind die Trainer, Direktoren, Journalisten, Fans, Mitspieler oder eben einfach nur Teambetreuer, die jeden Tag den Unterschied machen.

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SPORT1: Was hat sich gebessert? Oder ist eigentlich nur kurzfristig damals etwas besser geworden?

Neblung: Wir sollten nicht immer die ganz große Veränderung erwarten, weil wir die grundsätzlichen Spielregeln des Profi-Geschäfts nicht verändern werden. Aber im Kleinen sind sehr viele Dinge passiert, die Außenstehende nicht erkennen. Die Nachwuchsleistungszentren sind personell besser aufgestellt, das Verständnis für die Krankheit Depression hat sich deutlich zum Guten verändert und viele Betroffene finden inzwischen Anlaufstationen, bei denen sie Hilfe bekommen. Wir sind durch Robert ein ganzes Stück weiter im Umgang mit Schwäche oder Depression.

SPORT1: Der Druck ist derselbe geblieben, so hat man das Gefühl. Oder?

"Ich sehe auch, dass die jüngere Generation noch weniger belastungsfähig zu sein schein"

Neblung: Ja, der Druck bleibt hoch. Die Öffentlichkeit, die Kurve, der Stammtisch - jeder weiß etwas über Fußball zu erzählen, jeder hat eine Meinung. Ab einer bestimmten Bekanntheit muss man Mechanismen entwickeln, um Druck-Momente zu neutralisieren oder auszuklammern.

SPORT1: Spieler wie Per Mertesacker oder Mario Götze haben auch gesundheitliche Probleme gehabt. Ist der Fußball zu groß geworden durch das viele Geld?

Neblung: Ganz aktuell haben sich Jürgen Klopp und mit ihm einige andere Trainer von Premier-League-Klubs geäußert, die die Belastung der Profis bemängeln. Zu Recht, wir überdrehen die Maschinerie und achten zu wenig auf die Gesundheit der Spieler - physisch, aber auch psychisch. Ersteres wäre leichter zu regulieren, wenn man das Gewinnstreben endlich mal begrenzen würde. Die mentale Stärke braucht allerdings andere Regler, die bedient werden müssen.

SPORT1: Hatten Sie auch mal einen Spieler bei sich, dem der Druck zu viel wurde?

Neblung: Ja, immer wieder mal. Ich sehe auch, dass die jüngere Generation noch weniger belastungsfähig zu sein scheint, als die vorherigen. Unsere Lebensumstände und Sozialisation haben Folgen, nicht nur schulisch.