Englische Wortklauberei


Das mediale Interesse liegt am Mittwoch eindeutig woanders. Dutzende von Journalisten und Fernsehteams drängen sich im Justizgebäude in Münchens Nymphenburger Straße, geht doch der Prozesse gegen die Rechtsextremistin Beate Zschäpe wohl in die entscheidende Phase. Von Georg Funke und Markus Fell, den beiden ehemaligen Vorständen der vom Staat geretteten Hypo Real Estate (HRE), nimmt an diesem Tag bei Gang durch die Menge kaum jemand Notiz. Der 13. Prozesstag in der Aufarbeitung der Vorgänge bei einst größten europäischen Immobilienfinanzierer soll besonders viel Licht in die Vorgänge vor knapp einem Jahrzehnt bringen.

Knapp zehn Milliarden Euro kostete den Steuerzahler am Ende die Rettung durch den Bund. Seit März wird verhandelt, inzwischen nähert man sich in der Beweisaufnahme auch dem harten Kern der Anklage. Unrichtige Darstellung der Finanzlage in den Geschäftsberichten für 2007 und für das Halbjahr 2008 lauten die beiden Vorwürfe, die aus einer einstigen Vielzahl bis zum Prozessbeginn übrig geblieben waren. Finanzvorstand Markus Fell muss sich zudem gegen den Vorwurf der falschen Darstellung bei einer Investorenkonferenz im Herbst 2008 verantworten.


Dazu hat das Gericht für den Mittwoch einen der einst hauptverantwortlichen Wirtschaftsprüfer der Hypo Real Estate geladen. Weit über fünf Stunden steht Holger Techet von KPMG den drei Richterinnen Rede und Antwort. Hatte die Prüfungsgesellschaft, die zu dieser Zeit mit rund hundert Mitarbeitern beim damaligen Dax-Konzern Hypo Real Estate im Einsatz war und dafür ein Jahreshonorar im mittleren einstelligen Millionenbereich kassierte, tatsächlich die spätere Schieflage schon frühzeitig erkannt und vehement darauf hingewiesen, soll geklärt werden. Akribisch werden die Protokolle aus den Treffen der Prüfer mit Vorstand und Aufsichtsrat in den Wochen im März und im August 2008 durchgekaut.

Wie eine Zeitreise wirken die Ausführungen des Prüfers auf die Zuhörer dazu. Die Kreditportfolios und die Risiken daraus waren einer der Schwerpunkte im Geschäftsbericht für 2007, erklärt Holger Techet. Zudem die Rolle der strukturierten Produkte sowie die Integration des irischen Staatsfinanzierers Depfa. Wurde der mit seiner Bilanzsumme von rund 240 Milliarden Euro kurz vorher erst von der HRE übernommen. Die brachte es lediglich auf 160 Milliarden Euro.

Viel wurde gesprochen damals über die Liquiditätslage, erinnert sich der Prüfer, mussten doch zwischen 50 und 80 Milliarden Euro pro Monat am Markt refinanziert werden. Dass das zunehmend schwieriger werden könnte angesichts der aus den USA in den Rest der Welt ziehenden Subprime-Krise, war eines der Kernthemen zu der Zeit. Zumal prominente europäische Bankenvertreter ab Februar 2008 mit Aussagen in die Öffentlichkeit gingen, dass Probleme auch hier durchaus möglich sein könnten.


Schwierige Wahrheitsfindung

Darauf weist Techet laut eigener Aussage auch Vorstand und Aufsichtsrat hin. Bei einem Anhalten der Turbulenzen an den internationalen Finanzmärkten seien auch Auswirkungen auf die HRE nicht auszuschließen, warnt er. Dabei könnten auch Liquiditätsengpässe auftreten. Gegenwärtig sei die Liquiditätsposition jedoch komfortabel, lautet dennoch seine Einschätzung im März 2008. Entsprechend erteilt KMPG ein Testat ohne Einschränkungen für den Geschäftsbericht 2007. „Es stand nie im Raum, ein Testat mit Einschränkungen zu erteilen“, so Techet am Mittwoch wörtlich. Die Liquiditätslage der Bank sei ein Thema gewesen, aber eines, das man nicht mit hohen Risiken versehen hat.

Wie teils spitzfindig die Wahrheitsfindung an diesem Tag ist, zeigt die Auslegung des englischen Wortes „critical“, das die Prüfer zu der Zeit in ihren Prüfbericht geschrieben haben. „Das ist nicht mit dem deutschen Wort kritisch zu übersetzen, sondern dass ich das Unternehmen nun ganz eng begleiten muss“, so Techet. Er macht also Verbesserungsvorschläge, die werden zu dieser Zeit teils bereits umgesetzt oder sind in Planung. Beispielsweise soll die IT der HRE dringend erneuert werden. Natürlich habe es damals wegen der angespannten wirtschaftlichen Lage auch Gespräche mit dem Vorstand gegeben, bei denen es auch mal laut wurde, er habe sich davon aber nie beeinflussen lassen, so Techet. Sein Auftraggeber sei schließlich der Aufsichtsrat der HRE gewesen.


Der Bestand der Bank sei im März 2008 ohnehin nie in Gefahr gewesen, es ging immer nun um Liquidität, erinnert er sich. Die Mittelaufnahme sei auf Bsis der Unterlagen aber stets möglich gewesen. Ende des ersten Halbjahres 2008 war die Lage sogar entspannter. Die KPMG streicht in ihrem Prüfbericht das Wort „critical“ und ersetzt es durch „restricted“. Die wirtschaftliche Situation der HRE ist demnach nur noch limitiert. Just zu diesem Zeitpunkt sind viele am Markt wieder entspannter als zu Beginn des Jahres. Die Krise kommt in Wellen, und da ist sie gerade wieder abgeebbt. Ein trügerische Bild: Knapp zwei Monate später ist Lehman Brothers in den USA pleite und die Subprime-Krise wächst sich zu einer weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise aus.

Für die beiden angeklagten ehemaligen HRE-Vorstände Georg Funke und Markus Fell sind die im Vorfeld mit Spannung erwarteten Aussagen des KPMG-Prüfers indes kein Grund zur Beunruhigung. Eine harte Strafe – immerhin stehen bei Funke bis zu drei Jahren und bei Fell sogar bis zu fünf Jahren Freiheitsentzug im Raum – wird damit immer unwahrscheinlicher.