Englands Höhenflug: Die neuen Löwen und ihr großer Traum

England steht im Halbfinale der Weltmeisterschaft – das erste Mal seit 28 Jahren. Die Mannschaft von Coach Gareth Southgate bricht alte Flüche und schreibt ihre eigene Geschichte. Und die Chancen auf ein Happy End scheinen nicht schlecht zu sein.

England steht nach dem Sieg gegen Schweden im WM-Halbfinale.

England und seine Three Lions, das ist so eine Geschichte. Eine lange und eine spektakuläre, aber nicht unbedingt immer eine sehr erfolgreiche. Eine Geschichte, in der es um Goldene Generationen geht, die sich als alles andere als golden entpuppten, um Skandale und Spielerfrauen, um peinliche Auftritte und um den einzigen WM-Titel, den es so gar nicht hätte geben dürfen. Stichwort: Wembley.

Darum geht’s in Englands Fußball-Geschichten. Oder besser gesagt: darum ging es. Denn die Story der Three Lions hat 2018 in Russland eine drastische Wende zum Positiven erfahren.

Vom wiedermal labilen Geheimfavoriten haben sich die Engländer spätestens mit dem Viertelfinalsieg gegen Schweden zur hochseriös arbeitenden Mannschaft gemausert, der bei der WM alles zuzutrauen ist. Auch der Titel.

“Wir wollen unser Tempo beibehalten”

Gareth Southgate, der den Posten als England-Coach eigentlich nur interimsweise übernommen hatte, nachdem Sam Allardyce ein Enthüllungsskandal um die Ohren geflogen war – wieder so eine alte englische Fußballgeschichte – hat ein Team geformt, das in Russland sein eigenes Drehbuch schreibt. Ohne Altlasten, ohne böse Erinnerungen, ohne Furcht vor Dingen wie dem Elfmeterfluch.

Football is coming home – ein gern bemühter Spruch, der in seiner ursprünglichen Bedeutung lange Hohn war. Mittlerweile ist er ein denkbares Szenario.

“Wir wollen unser Tempo beibehalten”, sagte Tottenhams Alli nach dem 2:0-Viertelfinalesieg gegen Schweden. Alli, das ist neben Harry Kane der große Star der Mannschaft von Coach Southgate. Zumindest auf dem Papier, denn England präsentiert sich als Einheit ohne Starkult. Und funktioniert genau deshalb so gut.

Diese Homogenität, die Balance, die Achse innerhalb der Mannschaft – die Engländer haben sie. Im Gegensatz zu anderen, großen Teams, die genau an dieser Unausgeglichenheit (mit) gescheitert sind: Deutschland, Argentinien, Portugal.

Auch in der Heimat beim Public Viewing war die Stimmung … ausgelassen?

Pickford – Maguire – Henderson – Kane

Das fängt im Tor an, wo der 24-jährige Keeper des FC Everton gerade dabei, Englands traditionell größte Achillesferse zu beseitigen: mit Jordan Pickford haben die Engländer nämlich wieder einen Torwart. Einen echten und vor allem guten! Gegen Kolumbien entscheid er das Elfmeterschießen mit einem gehaltenen Strafstoß und gewann England sein erstes Elfmeterschießen in der WM-Geschichte.

Seine Performance gegen Schweden war zwar weniger geschichtsträchtig, dafür umso beeindruckender. Dreimal hielt Pickford in höchster Not mit höchster Klasse. Zu Zeitpunkten, in denen ein Gegentreffer durchaus Muffensausen im englischen Lager bedeutet hätte. Doch der 24-Jährige war da.

Vor Pickford halten die Schränke Harry Maguire und John Stones, die ein herausragendes Turnier spielen, die Defensive zusammen, im Mittelfeld waltet mit Jordan Henderson ein stoischer, gnadenloser, umsichtiger und kluger Spieler. Einer, der Dynamik und Tempo des ganzen Spiels steuern kann. Und vorne zaubern eben Alli und Kane, die im Gegensatz zu vielen anderen nach Russland gereisten Kickern nicht nur mit ihrem großen Namen, sondern auch mit großem Fußball glänzen.

So kann eine Mannschaft funktionieren. Und das tut sie, obwohl England in Sachen Länderspieleinsätze eines der unerfahrenstens Teams des Turniers stellt. Alles unter der Leitung von Gareth Southgate, der als U21-Coach und Interimslösung gekommen war, und mittlerweile Everybody’s Darling ist. Ja fast schon eine Kultfigur.

Der große Brocken erst im Finale

Die Three Lions sind kein zusammengezwungenes Starensemble, sondern ein gewachsenes, mit Bedacht zusammengestelltes Kollektiv. Auch das macht sie so gut. Auch deshalb, so befremdlich sich das für das ein oder andere Ohr anhören mag, kann England Weltmeister werden.

Hilfreich ist dabei freilich auch der Turnierbaum. Der bescherte England mit Kolumbien, Schweden und jetzt dem Sieger aus der Partie Russland gegen Kroatien in der K.o.-Runde gefährliche Teams, aber keinen der ganz großen Favoriten.

Den gäbe es erst im Finale. Frankreich? Belgien? “Wir glauben fest daran”, sagte Alli nach dem Sieg gegen Schweden, “die weiteren Spiele zu gewinnen”.