Warum England kein würdiger Europameister gewesen wäre

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Italien ist zum zweiten Mal Europameister. England wartet weiter auf seinen ersten EM-Sieg und den zweiten großen Titel nach der Weltmeisterschaft 1966. So viel zu den Fakten, deren emotionale Einordnung sich etwas komplexer gestaltet. Vor allem mit Blick auf die Briten.

England hat sich während der Euro 2020 nicht von seiner besten Seite gezeigt. (Bild: Sport1)
England hat sich während der Euro 2020 nicht von seiner besten Seite gezeigt. (Bild: Sport1)

Es wäre den Engländern ja wirklich zu gönnen gewesen, hätten sie ihren weit über 50 Jahre währenden Bann der Titellosigkeit gebrochen. Zumal in einem Elfmeterschießen, zumal nach dem ersehnten Triumph über den erbitterten Rivalen Deutschland im Turnierverlauf.

Zu viele Stillosigkeiten in den letzten Wochen

Die Mannschaft von Gareth Southgate hatte den Sieg bei dieser unter vielerlei Aspekten denkwürdigen Europameisterschaft im Grunde ebenso verdient wie die Italiener. Sportlich gesehen. Das unterstrich sie mit ihrer Leistung im Endspiel.

Die Bilder der tieftraurigen englischen Youngster nach dem dramatischen Elfmeterschießen in Wembley müssen jedem Fußballfan im Herzen weh tun.  

Auch ist der teils monierte Heimvorteil bei der eigentlich paneuropäisch ausgetragenen EM kein rechtes Argument für Missgunst – irgendwo musste die Finalrunde ja gespielt werden.

Und doch wäre ein fader Beigeschmack geblieben, hätte England anstelle von Italien kurz vor Mitternacht am Sonntag das bessere Ende für sich behalten.

Vom Fußballerischen abgesehen sind rund um die Kampagne der Football Association einfach zu viele Stillosigkeiten passiert in den letzten Wochen, als dass man sich uneingeschränkt mit den Engländern hätte freuen können.

Britische Sportsmanship ein Relikt der Vergangenheit

Es ließe sich sogar wesentlich drastischer formulieren: Die Interpretation der Erdanziehung durch Raheem Sterling ist für sich allein noch kein Signal, dass die vielgerühmte britische Sportsmanship ein Relikt der Vergangenheit ist.

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Doch Pfiffe bei des Gegners Hymne, seit jeher ein absolutes Unding, waren leider Usus und auch vor dem Finale zu hören, obwohl sogar Southgate selbst im Vorfeld an die Ehre der Fans appelliert hatte. Ein Laserpointer im Halbfinale störte von den Rängen Dänemarks Torhüter Kasper Schmeichel. Die Schmähungen gegen ein weinendes Kind, das die Regie der UEFA beim Sieg gegen Deutschland eingefangen hatte, Southgates unnötige Einlassungen über den Zweiten Weltkrieg, die Liste ist lang.

Über allem jedoch verstört das Gebaren zahlreicher Fans, das am Finaltag in Chaos auf den Straßen Londons inklusive Stadionsturm und Gewaltausbrüchen gipfelte.

Die schiere Wucht und Distanzlosigkeit der Massen inmitten der Pandemie lassen jedenfalls ernste Auswirkungen befürchten, nicht nur für die Insel.

England muss die Scherben zusammenkehren

Natürlich sollten sich primär die direkt Beteiligten hinterfragen, aber auch und gerade UEFA und britische Regierung müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, nicht einmal ernsthaft versucht zu haben, dem Treiben Einhalt zu gebieten.

Zunächst gilt es nun die Scherben zusammenzukehren in der englischen Hauptstadt und zu hoffen, dass der Superspreader-Effekt vielleicht nicht so fulminant ist wie von Experten befürchtet wird.

Was das Gesamtbild betrifft, wird zumindest in Kontinentaleuropa die Erkenntnis dominieren, dass Italien der würdigere Europameister ist.

Im Video: Europameister Italien frenetisch in Rom empfangen

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