England-Star Groß: "Die Premier League ist unglaublich, aber ..."

Florian Plettenberg

Um mit gutem Beispiel voranzugehen, hält sich Pascal Groß mit seiner Freundin Sina und Labrador-Hündin Mia im englischen Urlaubsort Brighton in den eigenen vier Wänden auf. Die Coronakrise bereitet dem 28 Jahre alten Mittelfeldspieler Sorgen.

Wann und wie es in der Premier League für seinen Verein Brighton & Hove Albion und ihn weitergeht, ist völlig offen. Der FC Liverpool, betont Groß, müsse aber zum Meister gekürt werden.

Im SPORT1-Interview spricht der England-Legionär erstmals über die Coronakrise auf der Insel. Der Ex-Ingolstädter erklärt zudem, deutsche Hilfsprojekte finanziell unterstützen zu wollen - und träumt von einer Rückkehr in die Bundesliga.

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SPORT1: Herr Groß, die wichtigste Frage vorab: Wie geht es Ihnen?

Pascal Groß: Stand jetzt sind meine Freundin und ich in Brighton vom Coronavirus verschont geblieben. Meine Familie und Freunde zum Glück auch. Ich persönlich versuche alles, um meinen Teil dazu beizutragen, dass das Virus eingedämmt wird. Daher bleibe ich zu Hause und mache wenig bis gar nichts. Mit meiner Freundin und meinem Hund gehe ich nur zum Gassi gehen vor die Tür, oder zum Joggen in den Park oder ans Meer.


SPORT1: Ihr Blick auf die Coronakrise?

Groß: Würde man Licht am Ende des Tunnels sehen, wären wir wohl alle optimistischer gestimmt. Das ist momentan aber nicht der Fall. Es ist auch schwer, sich in der aktuellen Situation Ziele zu setzen. Die Ungewissheit macht die Menschheit verrückt. Keiner von uns war jemals in so einer Situation. Die Coronakrise betrifft jeden.

Groß: So ist die Lage in Großbritannien

SPORT1: Von Mensch zu Mensch: Verspüren Sie dieser Tage Angst?

Groß: Man macht sich Sorgen, ganz klar. Was mich besonders umtreibt, ist die Ungewissheit darüber, wann man zurück zur Normalität kehren kann. Ich habe das Privileg, mir aktuell keine finanziellen Sorgen machen zu müssen, meiner Familie und Freunden geht es auch gut. Aber trotzdem, die Ungewissheit bedrückt mich am meisten.

SPORT1: Fühlen Sie sich in Großbritannien sicher?

Groß: In Zeiten wie diesen merkt man umso mehr, was man an Deutschland hat und dass man dort, vor allem im medizinischen Bereich, sehr gut aufgestellt ist. Verglichen mit Deutschland ist man hier auf der Insel mit den Maßnahmen immer ein paar Tage zurück, obwohl es in Großbritannien fast dreimal so viele Todesfälle gibt wie in Deutschland. Auszureisen ist für mich aber im Moment nicht möglich, denn vom Verein und von der Regierung aus ist uns klar gesagt worden, dass man nicht ausreisen darf. Ich probiere also, das Beste draus zu machen und mich und meine Freundin zu schützen, wie es nur geht. Vor allem, indem wir zu Hause bleiben. Mit meiner Familie bin ich über Facetime in Kontakt. Ich hoffe, dass wir die Situation alle zusammen gut überstehen.


SPORT1: Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?

Groß: Ich versuche mich natürlich fit zu halten, bin auch oft im Garten. Man räumt auf, unterhält sich, reflektiert. Ich habe auch seit Ewigkeiten keine Playstation mehr gespielt, jetzt habe ich sie wieder aufgebaut (lacht). Wir schauen auch mal einen Film oder Serien. Der Tagesablauf ist auf jeden Fall ein anderer. Wir bekommen den Tag rum, aber es ist ungewohnt, wenn man seine normalen Abläufe nicht hat. Aber so geht es sicher jedem Menschen aktuell.

SPORT1: Mit dem Zug sind sie 50 Minuten von London entfernt. Wie nehmen Sie das Treiben in der Hauptstadt war?

Groß: Ausgangssperren gibt es noch nicht, aber das wird sicher bald kommen. Ich finde auch, dass hier zuletzt noch zu viele Leute unterwegs waren. Mittlerweile nehmen die Menschen die Coronakrise hierzulande aber ernst und es werden auch von der Regierung die richtigen Mittel ergriffen.

"Hut ab" vor Goretzka und Kimmich

SPORT1: Leon Goretzka und Joshua Kimmich haben eine Spendenplattform ins Leben gerufen und eine Million Euro im Kampf gegen das Coronavirus gespendet.

Groß: Hut ab! Das ist richtig gut und es zeigt, dass die beiden sehr solidarisch sind. Diese Aktion ist sehr lobenswert.


SPORT1: Spenden oder Gehaltsverzicht, gibt es solche Überlegungen auch bei Ihnen oder innerhalb Ihrer Mannschaft?

Groß: Schon bevor die Coronakrise so richtig ausbrach, hat unser Besitzer Tony Bloom verkündet, dass bei uns auf der Geschäftsstelle keine Kurzarbeit eingeführt wird und er für die Gehälter aller Mitarbeiter aufkommen wird. Wäre das nicht der Fall, bin ich auf jeden Fall bereit, auf Teile meines Gehalts zu verzichten. Das ist selbstverständlich für mich. In England mache ich oft bei Charity-Aktionen mit. In der Coronakrise will ich auf jeden Fall auch helfen, daher werde ich Projekte in Deutschland finanziell unterstützen.

SPORT1: Die Premier League pausiert mindestens bis zum 30. April. Ist es realistisch, dass es danach weitergeht?

Groß: Das ist ganz schwer zu sagen. Ich habe nicht das Fachwissen und keiner von uns kann in die Zukunft schauen. Selbst Spitzenleute wie die Virologen nicht. Es ist und bleibt ungewiss.

Virtuelles Training bei Brighton & Hove Albion

SPORT1: Apropos: Wie halten Sie sich derzeit fit?

Groß: Wir haben eine Online-Plattform. Wir Spieler sehen uns auf einem iPad, auch unser Athletiktrainer ist zugeschaltet. Am Freitag haben wir einen Testlauf gemacht. Vom Verein bekommen wir jetzt Hometrainer und Fitnessgeräte. Ich trainiere also von daheim, denn unser Trainingsbetrieb ist erst mal bis zum 13. April eingestellt. Aber auch das kann sich täglich ändern.

SPORT1: Wie war das erste virtuelle Training?

Groß: Komisch. Aber man hat sich zumindest mal wiedergesehen und konnte die Kollegen fragen, wie es ihnen geht und wie die Lage ist. Es war mal eine andere Erfahrung, an die wir uns aber gewöhnen müssen, denn vom Verein wurde uns am Donnerstag noch mal gesagt, dass wir nicht ausreisen dürfen, weil wir nicht wissen, ob wir wieder einreisen können, wenn es weitergehen sollte.

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SPORT1: Fithalten ist das eine. Aber was ist mit dem Training mit Ball?

Groß: Da geht es uns allen Spielern ähnlich. Mir als Vollblutfußballer fehlt der Ball natürlich, aber es ist derzeit einfach nicht anders möglich. Klar, man kann im Garten mal den Ball hochhalten oder sich Videos anschauen. Aber es ist, wie es ist. Andere Menschen können ihren Beruf derzeit auch nicht in gewohntem Maße ausüben, so ist es bei uns Fußballern auch.

SPORT1: Blicken wir trotzdem mal in die Glaskugel. Angenommen, in ein paar Wochen ginge es direkt mit den Spielen weiter, die Spieler kämen aber frisch aus dem Homeoffice. Wie würde die Qualität der Spiele sein?

Groß: Es kann schon sein, dass das Niveau zunächst sinken würde, weil Abläufe auch nicht da sind. Eine gewisse Basis an Ballgefühl wird aber vorhanden sein, wir haben ja auch monatelang zusammengespielt. Es dürfte relativ schnell gehen, bis die Automatismen wieder da sind.

"Liverpool gehört der Titel zugesprochen"

SPORT1: Liverpool thront mit 25 Punkten Vorsprung an der Tabellenspitze. Müssen die Reds im Falle des Saisonabbruchs zum Meister ernannt werden?

Groß: Diese Frage ist auf der Insel tatsächlich kein großes Thema. Meine persönliche Meinung dazu ist aber: Egal, was passiert, Liverpool hat den Meistertitel mehr als verdient. Ihnen gehört der Titel zugesprochen. In Ligen, wo es um ein bis zwei Punkte geht, ist die Frage aber schwieriger zu beantworten.


SPORT1: Zu Ihnen: Reflektieren Sie in Zeiten wie diesen umso mehr, was sich seit ihrem Wechsel von Ingolstadt in die Premier League 2017 alles getan hat?

Groß: Auf jeden Fall. Es war ein großer Schritt für mich, aber es war der richtige. Ich bin jetzt in meiner dritten Saison und genieße die Spiele. Aber ich mache auch kein Geheimnis daraus, dass ich die Bundesliga sehr intensiv verfolge und glücklich darüber wäre, wenn ich irgendwann wieder in Deutschland spielen und zurückzukommen kann.

SPORT1: Ihr Vertrag läuft bis 2022. Ist ein Wechsel im kommenden Sommer ein Thema?

Groß: Damit habe ich mich noch nicht allzu sehr beschäftigt. Aber grundsätzlich ist und bleibt meine Einstellung, dass ich auf jeden Fall noch mal in der Bundesliga spielen will. Die Premier League ist unglaublich, aber ich bin Deutscher und weiß, was ich an Deutschland habe. Daher will ich irgendwann auch wieder zurück.