Das hat England Deutschland schon voraus

Maximilian Lotz, Sportinformationsdienst (SID)
Tammy Abraham (l., mit Demarai Gray und Kyle Walker-Peters, v.l.) steht stellvertretend für die neue Generation der Three Lions

Für Joachim Löw beginnt mit dem Klassiker in England (21 Uhr im LIVETICKER) die Zeit der Experimente.

"Ich will ja nicht immer nur diejenigen sehen, die immer für uns spielen", sagte der Bundestrainer vor der Partie in Wembley.

Auch die Three Lions werden dabei ein anderes Gesicht zeigen - nach den verletzungsbedingten Absagen von Topstars wie Harry Kane, Dele Alli und Raheem Sterling zum Teil auch notgedrungen.

Englands Coach zum Experimentieren gezwungen

"Wir mussten unsere Pläne über den Haufen werfen", sagte Englands Coach Gareth Southgate, aber "wenn wir in diesen Spielen nichts ausprobieren, wann dann?" Der 47-Jährige könne nun mit Spielern arbeiten, "die ich sonst nicht dabei gehabt hätte".


Darunter Offensivjuwel Tammy Abraham. Der 20-Jährige von Swansea City könnte gegen den Weltmeister sein Debüt für die Three Lions feiern. Erfahrungen gegen Deutschland sammelte Abraham bereits bei der U21-EM, als ihm beim Halbfinal-Aus ein Treffer gelang.

"Ich habe insgeheim darauf gehofft, berufen zu werden, da ich immer an mich glaube und ich glaube, es kommt zur richtigen Zeit", sagt Abraham. Der Youngster steht stellvertretend für die neue Generation junger Löwen.

Löw zählt England zum Favoritenkreis

"Sie haben sehr viele gute junge Spieler, eine starke Liga", weiß auch Bundestrainer Löw. "Wenn sie es einmal schaffen, als starke Mannschaft aufzutreten, gehören sie mit zu den WM-Favoriten."


Mit den Triumphen bei der U17- und der U20-WM sowie der U19-EM machten viele der herausragenden Talente bereits in diesem Jahr auf sich aufmerksam.

Beispielsweise der Neu-Dortmunder Jadon Sancho. Beim Titelgewinn der U17 im Oktober steuerte der 17-Jährige in der Vorrunde drei Tore und zwei Assists bei. Sein Debüt für die U19 beim 6:0-Sieg gegen Färöer am Mittwoch krönte der aus der Jugend von Manchester City zum BVB gewechselte Sancho mit drei Vorlagen.


Die vielversprechende Perspektive lässt die englische Presse bereits träumen. "Flüstert es leise, aber die Zukunft sieht rosig aus", schreibt der Mirror. Und Chelsea-Coach Antonio Conte prophezeit, dass das englische Team künftig nur "sehr schwer zu schlagen" sein werde.

England ist dem DFB einen Schritt voraus

Grund ist die Umstrukturierung der Jugendarbeit nach deutschem Vorbild seit 2012, der englische Verband FA ist dem DFB sogar enteilt: Eine Akademie, wie sie die Deutschen planen, haben die Engländer schon.

Im St. George's Park in Burton-upon-Trent trainieren alle 28 Nationalmannschaften, dort wird dem Nachwuchs ab der U15 ein einheitliches Spielsystem eingeimpft: Ausrüstung, Methodik, technisches Know-how - alles internationales Top-Niveau.

Ähnlich die Klubs. Manchester City beschäftigt allein für den Nachwuchs elf (!) Videoanalysten. Contes Chelsea, das bei den Triumphen der Young Lions die meisten Spieler stellte, hat 2015 und 2016 die UEFA Youth League gewonnen.

Doch zu wenige Talente kommen ganz oben an. Chelsea setzt in dieser Saison nur zwei damalige Sieger in der ersten Mannschaft ein - den Dänen Andreas Christensen und Charly Musonda, einen Belgier. Über zwei Drittel der Stars der Premier League sind Legionäre, in der Bundesliga nur etwas mehr als die Hälfte.

Premier League fehlt der Mut zur Jugend

Es käme ihm vor, sagte Leipzigs Sportdirektor Ralf Rangnick der Sun, als würden Milliardäre Talente "wie Briefmarken oder Münzen sammeln".


Den Mut zur Jugend bringen in der Premier League die wenigsten Trainer auf - zu groß ist der finanzielle Druck. Das Konstrukt des Teammanagers, der Trainer und Sportdirektor in einem ist, macht es schlimmer. Wird er entlassen, fangen Klubs häufig bei Null an, auch im Bereich Talente. Dazu verdienen die Jungen schon früh recht gut, manchem fehlt da bald der Hunger.

"Ich wäre vorsichtig zu sagen: 'Die Engländer sind wieder da'", meinte England-Experte Dietmar Hamann in der Sport Bild, viele Talente würden stagnieren.

Und ein weiteres Manko bleibt: Die beiden Junioren-Titel, die England 2017 nicht gewinnen konnte, wurden im Elfmeterschießen verspielt.