Auch England fährt erneut herunter - Teil-Lockdown im November

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LONDON (dpa-AFX) - Wie viele Länder in Europa fährt auch England angesichts vieler Corona-Neuinfektionen das öffentliche Leben erneut radikal herunter: Der britische Premier hat für den November einen zweiten Teil-Lockdown verkündet. "Bleiben Sie zuhause, schützen Sie das Gesundheitssystem, retten Sie Leben", appellierte Boris Johnson am Samstag an seine Landsleute.

Ab Donnerstag bleiben in England nur noch Schulen, Universitäten und notwendige Geschäfte geöffnet. Alle anderen Orte - etwa Kultureinrichtungen, Sportzentren, nicht-lebensnotwendige Geschäfte sowie Restaurants und Pubs - müssen für einen Monat schließen.

Die Engländer sollen ihre Wohnungen nur noch mit triftigem Grund verlassen - etwa zur Arbeit, zum Sport treiben, zur Erholung oder zur Pflege Angehöriger. Treffen mit anderen Haushalten sind bis auf wenige Ausnahmen verboten. Die Regeln sind zwar etwas weniger streng als im Frühjahr, ähneln ihnen aber sehr. Eigentlich hatte Johnson einen solchen zweiten Teil-Lockdown um jeden Preis vermeiden wollen.

"Das Virus breitet sich derzeit schneller aus, als es unsere wissenschaftlichen Berater in einem Worst-Case-Szenario angenommen haben", sagte der Regierungschef. "Jetzt ist es Zeit zu handeln, denn es gibt keine Alternative." Die Maßnahmen seien notwendig, um den staatlichen Gesundheitsdienst NHS vor einer erneuten Überlastung zu bewahren. In den ersten Regionen im Norden Englands sind bereits erste Operationen wieder verschoben werden, weil die Covid-19-Fälle auf den Intensivstationen drastisch zunehmen.

Am Samstag meldete Großbritannien knapp 22 000 Neuinfektionen. Damit durchbrach das Land die Schwelle von einer Million bestätigter Coronavirus-Fälle seit Beginn der Pandemie. In den vergangenen zwei Wochen zählte das Vereinigte Königreich 451 Fälle pro 100 000 Einwohnern.

Gesundheitsberater Patrick Vallance warnte, die zweite Corona-Welle könnte in Großbritannien noch mehr Menschen das Leben kosten als die erste, wenn die Infektionsrate sich nicht massiv ändere. Bereits jetzt übersteigt die Zahl der Toten mit Covid-19 auf dem Totenschein die Schwelle von 60 000 Menschen, womit Großbritannien bislang das am schwersten von der Pandemie getroffene Land in Europa ist. Der britischen Regierung wurde schon im Frühjahr vorgeworfen, zu spät reagiert zu haben. "Wenn wir nicht handeln, könnten wir täglich mehrere tausend Todesfälle sehen - eine Todesrate höher als die im April", gab Johnson am Samstag zu.

Johnson stand stark unter Druck, schärfere Maßnahmen zu ergreifen. Sein regionaler Ansatz, bei dem selbst in Regionen mit der höchsten Warnstufe noch Restaurants und Freizeiteinrichtungen geöffnet bleiben dürfen, habe sich nicht bewährt, kritisieren Mediziner und Wissenschaftler. Sie hatten - genauso wie die Opposition - schon vor Wochen einen befristeten Lockdown gefordert. Schottland, Wales und Nordirland machen ihre eigenen Regeln. Dort gelten bereits weitgehend deutlich schärfere, temporäre Corona-Maßnahmen als bisher in England.

Um die Schließungen für betroffene Unternehmen finanziell abzufedern, kündigte Johnson eine Verlängerung des "Furlough"-Programms an, das der deutschen Kurzarbeit ähnelt. Dieses sollte eigentlich zu Ende Oktober auslaufen und durch ein weniger großzügiges Unterstützungsprogramm ersetzt werden.

Der Teil-Lockdown in England gilt vorerst bis zum 2. Dezember. Staatsminister Michael Gove gab am Sonntag in einem Interview von "Sky News" jedoch zu, dass die Maßnahmen je nach Verlauf der Epidemie auch verlängert werden könnten. Oppositionsführer Keir Starmer forderte, die Einschränkungen so lange aufrecht zu erhalten, bis die wichtige Kennziffer zur Infektionsrate R unter den Wert von 1 gefallen sei - die Fallzahlen also sänken. Am Mittwoch muss noch das Parlament über die Maßnahmen abstimmen, Starmer kündigte die Unterstützung seiner Labour-Partei an.