Nein, die Energiewende ist nicht Schuld an einem Stromausfall in Berlin im Januar

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Tausende User haben eine Behauptung auf Facebook geteilt, wonach die Energiewende für einen Blackout in Berlin im Januar verantwortlich gewesen sein soll. Es hat in Teilen Berlins zwar tatsächlich einen Stromausfall in dieser Zeit gegeben. Der Berliner Netzbetreiber sowie der zuständige Kraftwerksbetreiber Vattenfall verneinten aber einen Zusammenhang mit der Energiewende gegenüber AFP. Eine Störung im Verteilungsnetz sei Auslöser für den Stromausfall gewesen. Der ursprüngliche Verbreiter bezeichnete sein Posting gegenüber AFP als Satire.

Mehr als 1700 User haben seit dem 10. Januar 2022 die Behauptung auf Facebook geteilt. Ähnliche Versionen teilte der Berliner Landesverband der AfD, die NPD Sachsen-Anhalt und der fraktionslose Berliner Abgeordnete Marcel Luthe. Auch auf Telegram bringen User den Stromausfall mit der Energiewende in Verbindung. Ein Posting erreichte dort mehr als 47.000 User.

Die irreführende Behauptung: Ein geteiltes Bild zeigt neben dem Vereinslogo "Mobil in Deutschland" zwei Kerzen und den Text: "Die grüne Energiewende schreitet voran: Blackout in Berlin!" Etwas kleiner heißt es dann weiter: "9.1.2022: 370.000 ohne Strom, 90.000 ohne Heizung/Warmwasser."

User kommentieren den Beitrag unter anderem mit den Worten: "Viele Grüße an unsere Weltverbesserer. Wer Kraftwerke abschaltet, muss in Zukunft mit so etwas häufiger rechnen" oder auch "Das ist erst der Anfang einer unerklärlichen, nicht nachvollziehbaren und dummen Wirtschafts-/Energiepolitik. Nur weiter so, Deutschland schaltet sich noch schneller als gedacht ab."

Facebook-Screenshot der Falschbehauptung: 11.01.2022

Die Regierungskoalition aus CDU/CSU und SPD hat sich 2021 mit dem Generationenvertrag für das Klima das Ziel gesetzt, bis 2045 klimaneutral zu sein. Dafür will sich die Bundesregierung bis Ende 2038 Schritt für Schritt vom Kohlestrom verabschieden und schließt dafür bereits Kraftwerke. Mit solchen Abschaltungen wiederum schürten Facebook-Accounts bereits im Dezember Ängste vor sogenannten Blackouts , also flächendeckenden Stromausfällen. Die aktuelle Behauptung über einen Berliner Blackout reiht sich in diese Serie an irreführenden Informationen ein.

AFP hat zunächst den im Bild gezeigten Verein "Mobil in Deutschland" kontaktiert. Am 11. Januar schrieb ein Sprecher in einer E-Mail:

"Der Beitrag ist satirisch gemeint und ist in unserem Haus erstellt worden."

Gab es einen Blackout in Berlin?

Im Osten Berlins gab es laut lokalen Medienberichten am 9. Januar 2022 tatsächlich einen Stromausfall (hier, hier). Gegenüber AFP bestätigte Olaf Weidner, Sprecher des Netzbetreibers Stromnetz Berlin, in einem Telefonat am 11. Januar, dass es um 14.02 Uhr im Stromnetz eine Störung gegeben hatte. Etwa 20.000 Haushalte in den Berliner Bezirken Lichtenberg und Hohenschönhausen seien daraufhin von einem dreiminütigen Stromausfall betroffen gewesen.

Dieser verursachte dann weitere Ausfälle: Betroffen war etwa das Heizkraftwerk Klingenberg in Rummelsburg. Sprecherin Sandra Kühberger vom Kraftwerksbetreiber Vattenfall bestätigte das am 11. Januar in einer E-Mail an AFP.

Das Kraftwerk sei wegen der Störung automatisiert heruntergefahren. In etwa 50.000 Haushalten seien daraufhin für mehr als zehn Stunden Heizung und Warmwasser ausgefallen.

Die Energiewende war nicht Schuld am Blackout

Auf die Energiewende-Behauptung angesprochen, erklärte Stromnetz Berlin-Sprecher Weidner:

"Wir wissen, dass es eine Störung innerhalb des Verteilungsnetzes in der Stadt gab. Und das hat nichts mit der Energiewende zu tun, weil es nicht bei der Einspeisung des Stroms einen Fehler gab, sondern bei der Verteilung in der Stadt."

Auch Vattenfall-Sprecherin Kühberger bestätigte: "Der Ausfall hat rein technische Gründe. Mit der Energiewende hat er nichts zu tun."

Stromnetz trotz Energiewende immer stabiler

Der Präsident der Bundesnetzagentur, Jochen Homann, hatte bereits in einer Mitteilung im August 2021 erklärt: "Die Energiewende und der steigende Anteil dezentraler Erzeugungsleistung haben weiterhin keine negativen Auswirkungen auf die Versorgungsqualität."

Er bezog sich dabei auf Daten der Bundesnetzagentur. Diese hatte im August 2021 eine Statistik veröffentlicht, in der alle Stromausfälle von 2006 bis 2020 berücksichtigt sind, die länger als drei Minuten dauerten. Obwohl die Energiewende seit Jahren fortschreitet und immer mehr fossile Kraftwerke geschlossen wurden, hat sich die Gesamtdauer ohne Stromversorgung in Deutschland seit 2006 halbiert.

Weiträumige Stromausfälle können allerdings durchaus passieren, Forschende und Behörden diskutieren auch in Europa über deren Risiko (mehr dazu hier, hier).

Marianne Suntrup, Sprecherin des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BKK) erklärte auf AFP-Anfrage am 11. Januar in einer E-Mail: "Auch wenn ein großflächiger und langandauernder Stromausfall unwahrscheinlich ist, so ist er nicht ausgeschlossen." Mit erneuerbarer Energien wie etwa Windkraft sei die jeweilige Stromverfügbarkeit schwieriger zu planen, weil die Verteilung und Produktion dezentral und komplexer ablaufe. Suntrup verwies ebenfalls auf die Daten zu den Stromausfällen: "Deutschland hat eine sehr sichere Stromversorgung", schrieb sie.

Fazit: Die Ursache für einen Stromausfall am 9. Januar 2022 in Berlin war nicht die Energiewende. Das bestätigten sowohl der Stromnetzbetreiber als auch ein betroffenes Heizkraftwerk. Auch die ursprüngliche Quelle des Bildes selbst, "Mobil in Deutschland", sprach auf AFP-Anfrage von Satire.

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