Die Energiepreise seien nicht der einzige Grund für die Insolvenzen von Görtz oder Hakle, sagt dieser Experte — und warnt vor weiteren Pleiten

Patrik-Ludwig Hentzsch leitet die Wirtschaftsforschung bei der Auskunftei Creditreform und glaubt an eine mögliche Welle von Pleiten im Winter. - Copyright: picture alliance // Grafik: Lisa Kempke
Patrik-Ludwig Hentzsch leitet die Wirtschaftsforschung bei der Auskunftei Creditreform und glaubt an eine mögliche Welle von Pleiten im Winter. - Copyright: picture alliance // Grafik: Lisa Kempke

Der Schuhhändler Görtz hat am Dienstag Insolvenz angemeldet. Für die rund 1800 Mitarbeiter des Unternehmens dürfte die Mitteilung ein Schock gewesen, auch wenn vorerst alle Gehälter von der Agentur für Arbeit weitergezahlt werden sollen und der Betrieb weiterläuft. Auch der Toilettenpapierhersteller Hakle hat einen Tag zuvor Insolvenz angemeldet. Auch wenn es sich um völlig verschiedene Branchen handelt, beide Unternehmen machen für die Pleite unter anderem die stark gestiegenen Energiekosten verantwortlich.

Damit haben die ersten beiden großen deutschen Mittelstandsunternehmen wegen der hohen Inflation Insolvenz angemeldet. Und es könnten noch weitere folgen, prognostiziert Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung bei der Auskunftei Creditreform. "Hakle und Görtz stehen exemplarisch für den deutschen Mittelstand, den steigende Material- und Energiekosten stark belasten", sagt er im Gespräch mit Business Insider. Allerdings gebe es auch noch andere Gründe für die Pleiten.

"Unternehmen haben auch eine Eigenverantwortung"

In beiden Fällen sei es zwar schwierig zu sagen, wie stark die Insolvenz der wirtschaftlichen Lage zuzuschreiben ist, aber "Unternehmen haben auch eine Eigenverantwortung, Risiken frühzeitig einzupreisen", so Hantzsch. So würde beispielsweise Hakle die gestiegenen Energiekosten nicht einfach an die Verbraucher weiterreichen können, da die Supermärkte die Preiserhöhungen in den Verhandlungen schlichtweg ablehnen würden. Das allein könne jedoch nicht der einzige Grund sein für die Pleite, denn das Unternehmen habe während der Coronapandemie durch Hamstereinkäufe der Verbraucher sehr hohe Umsätze erzielt.

"Es gibt derzeit viele deutsche mittelständische Unternehmen, die seit längerem strukturelle Probleme haben, diese aber nicht beheben", erklärt Hantzsch. Viele Unternehmen befänden sich in finanzieller Schieflage, würden Neuaufstellung und Umstrukturierung des Betriebs allerdings hinauszögern.

Nach Hantzschs Erfahrung gibt es auch einen guten Indikator, um zu erkennen, ob ein Unternehmen eine Neuaufstellung verschleppt. Ist der Gewinn höher oder ähnlich hoch wie die Tilgungskosten für Kredite, sei das Unternehmen auf dem Weg, unprofitabel zu sein.

Politik setze die falschen Anreize

Doch warum gehen die Unternehmen ihre Probleme nicht an? Hantzsch macht dafür auch die Politik verantwortlich: "Schon während der Coronapandemie wurden die falschen Anreize gesetzt, indem großzügig mit der Gießkanne subventioniert wurde." Die Unternehmen verließen sich darauf, gerettet zu werden und "passen ihre Geschäftsmodelle deswegen nicht an die neuen Bedingungen an".

Die Politik versucht so Arbeitsplätze zu sichern und damit auch die Wirtschaft zu stabilisieren. Laut Hantzsch erreicht sie so aber das genaue Gegenteil. "Die Inflation wird dazu führen, dass es mehr Pleiten geben wird. Das ist aber kein Zeichen, dass die Wirtschaft untergeht, sondern viel eher dafür, dass der Markt funktioniert."

Sanierungsbedürftige Unternehmen binden Kapital und Arbeitskräfte

Durch die Insolvenzen könnte die deutsche Wirtschaft sogar profitieren, indem unprofitable Unternehmen, die Kapital und Arbeitskräfte binden, vom Markt verschwinden, meint Hantzsch. So könnten dann beispielsweise Fachkräfte in anderen Betrieben eingesetzt werden, wo sie auch wirtschaftlich gebraucht würden.

Sollte die Bundesregierung eine erneute Aussetzung der Insolvenzmeldepflicht veranlassen, könnte das der deutschen Wirtschaft sogar schaden, denkt Hantzsch. Denn: Die Rettungen hielten die Löhne auf einem künstlich hohen Niveau. "Im schlimmsten Fall wandern dann Unternehmen sogar ab, weil die Arbeitskräfte im Ausland billiger sind."