Endspiel für den Libor

 

Der Manipulationsskandal um den Referenzzinssatz Libor führt schließlich zu seinem Ende. Britische Behörden wollen den umstrittenen Zinssatz durch bessere Alternativen ersetzen. Das (Shenzhen: 002421.SZ - Nachrichten) hat Folgen für die Finanzindustrie und für die Anleger.

Der London Interbank Offered Rate, kurz Libor genannt, steht kurz vor seinem Ende. Es ist nicht das Ende irgendeiner unwichtigen Kennzahl, es ist das Ende des vielleicht wichtigsten Index für kurzfristige Zinsen der Welt. Geschäftsbanken dient er unter anderem als Basis für die Festlegung von Zinsen für Kredite, Sparkonten und Hypotheken. Zudem ist der Libor ein wichtiger Basiswert für Finanzprodukte, deren Wert sich an diesem Referenzzinssatz orientiert. Am Libor hingen zu dessen besten Zeiten Finanzprodukte im geschätzten Wert von bis zu 350 Billionen US-Dollar.

Manipulationsanfälliger Index

Diese „besten Zeiten“ liegen allerdings nun schon ein paar Jahre zurück. Auslöser für den Vertrauensverlust gegenüber dem Index war die Aufdeckung von Manipulationen. Hintergrund: Der Libor ist ein Zinssatz-Indikator, der nicht auf Markttransaktionen und Preisen, sondern auf Einschätzungen beruht. Sogenannte Panel-Banken schätzen, zu welchen Raten sie sich jeweils von anderen Instituten unbesichert Geld borgen könnten. Im besten Fall liegen diesen Einschätzungen tatsächliche Transaktionen zugrunde. In der Realität jedoch lag kurz vor Aufdeckung des Libor-Skandals immer häufiger der schlechteste Fall vor: Einige Banken sprachen sich über ihre Schätzungen ab und manipulierten den Zinssatz so, wie sie es gerade brauchten.

Nachdem diese Praxis aufflog und die beteiligten Banken hohe Strafen zahlen mussten, sollten Reformen der Arbeitsprozesse und eine strengere Überwachung durch Aufsichtsbehörden dafür sorgen, Manipulationen zu verhindern. Doch das Problem an sich blieb und besteht bis heute: In die Libor-Sätze fließen weiterhin zum Teil reine Einschätzungen ein. Weder die Banken, die ihre Einschätzungen abgeben, noch die Banken, die den Libor als Referenzzinssatz nutzen, sind zufrieden mit der Situation.

Realer Markt statt wilder Schätzung

Andrew Bailey, der Chef der britischen Finanzmarktaufsicht Financial Conduct Authority (FCA), hat sich deshalb nun für ein Auslaufen des Libor bis Ende 2021 ausgesprochen. Der Zinssatz solle durch vertrauenswürdigere Benchmarks ersetzt werden. Die Zentralbanken und Aufsichtsbehörden schlagen bereits alternative Referenzzinssätze vor. So halten die Briten den Zinssatz Sonia (Sterling Overnight Index Average), ein Tagesgeldsatz für unbesicherte Transaktionen am Pfund-Markt, für eine gute Alternative. Die Schweiz schlägt den Saron (Swiss Average Rate Overnight) vor, und in der Euro-Zone könnte der Eonia (Euro Overnight Index Average) den Libor mittelfristig ablösen. Vorteil all dieser Indizes: Sie beruhen auf tatsächlichen Markttransaktionen.

Große Umschichtungen in den Portfolios

Für die Nutzer von Finanzprodukten, die auf Libor beruhen, hätte eine Auflösung des Zinssatzes direkte Konsequenzen: Die Produkte müssten neu bewertet und entweder ausgezahlt oder in andere Finanzprodukte mit einem neuen Referenzzinssatz überführt werden. Das ist keine Kleinigkeit. Der Libor hat in den vergangenen Jahren zwar an Bedeutung verloren, doch in den betreffenden Finanzprodukten stecken immer noch Billionenvermögen.

Um das absehbare Chaos einer abrupten Umstellung zu verhindern, schlägt die FCA deshalb einen geordneten Übergang vom Libor zu den alternativen Benchmarks mit einem Zeitfenster von vier bis fünf Jahren vor. Voraussetzung dafür ist, dass sich genügend Banken finden, die in dieser Zeit noch Einschätzungen für den Index abgeben möchten. Und es muss gewährleistet sein, dass diese Banken nicht im eigenen Interesse handeln. Das könnte unter Umständen die größte Herausforderung sein.

(MvA)