Endometriose: Jede zehnte Frau betroffen. Was du über die Krankheit wissen musst

Hannah Klaiber
Freie Journalistin

Schmerzen während der Menstruation gehören für viele Frauen leider dazu. Sie sollen sich nicht so anstellen, hören sie dann oft, das sei schließlich normal. Dabei steckt bei jeder zehnten Frau eine Krankheit hinter den Beschwerden, die einen operativen Eingriff erfordert und oft die Ursache eines unerfüllten Kinderwunsches ist.

Endometriose: Eine von zehn Frauen ist betroffen. (Bild: Getty Images / Yahoo Style)

Der März als Monat der Frauen, steht auch im Zeichen der Endometriose. Ein Grund mehr, diese Krankheit in den Vordergrund zu rücken, Experten und betroffene Frauen zu Wort kommen zu lassen. Endometriose ist weit mehr als eine schmerzhafte und rein körperliche Krankheit. In unserer mehrteiligen Reihe erklären Fachärzte, wie die Krankheit Endometriose diagnostiziert wird. Frauen sprechen offen über den täglichen Kampf und wie stark es vor allem auch die Psyche belastet.

„Das fiese an Endometriose ist, dass sie wie ein Chamäleon viele Beschwerden mit sich bringen kann. Und das macht eine Diagnose oft schwierig“, sagt PD Dr. med. Sebastian Berlit im Interview mit Yahoo Style. Der Oberarzt an der Uniklinik Mannheim, der im dortigen Endometriosezentrum arbeitet, berät  im Monat etwa 30 bis 50 Patientinnen, bei denen eine Endometriose als Diagnose zumindest im Raum steht. Doch was genau hat es mit dieser Krankheit auf sich, von der nach Schätzungen etwa jede zehnte Frau betroffen ist?

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Endometriose: Ursache und Symptome

„Endometriose ist Schleimhaut der Gebärmutter, also Endometrium, die sich außerhalb der Gebärmutter befindet“, erklärt der Mediziner. „Normalerweise ist es so: Zum Beginn des Menstruationszyklus baut sich die Schleimhaut, die die Gebärmutterhöhle ausfüllt, auf und wird gegen Ende hin mit der Menstruation wieder abgestoßen und nach außen hin abgeblutet.“ Die Schleimhaut außerhalb der Gebärmutter durchläuft denselben Prozess, allerdings kann der Körper sie nicht einfach loswerden. „Das verursacht dann, je nachdem wo die Schleimhaut sitzt, Beschwerden“, erklärt der Fachmann. Je nach Lage kann dies mehr oder weniger starke Schmerzen verursachen, die oft kontinuierlich stärker werden.

Das klassische Symptom sind Schmerzen im Bauch oder Unterleib während der Menstruation, aber eine Endometriose kann sich auch anders äußern: „Wenn es zum Beispiel den Darm betrifft, dann hat man ähnliche Beschwerden wie beim Reizdarm.“ Parallel zur Menstruation könnte man dann aus dem Darm bluten. „Und wenn es eine Endometriose ist, die die harnableitenden Wege betrifft, dann können menstruationssynchrone Schmerzen beim Wasser lassen oder Blut im Urin auftreten.“ Generell zeigen sich diese Symptome typischerweise während der Menstruation, teilweise aber auch darüber hinaus. Manche Patientinnen haben beispielsweise auch dauerhaft Schmerzen beim Geschlechtsverkehr.

Viele Frauen wissen nicht, dass eine chronische Krankheit starke Menstruationsschmerzen auslösen kann. (Bild: Getty Images)

“Wenn die richtige Therapie nicht eingeleitet wird, kann einen das fertig machen”

„Es gibt also häufig nicht ein klassisches Symptom, das einen sofort auf Endometriose hinweist“, fasst Dr. Berlit zusammen. Und das führt dazu, dass die Krankheit teilweise über Jahre unentdeckt bleibt. Bis es tatsächlich zu einer Diagnose kommt, waren viele Frauen zuerst bei ihrem Hausarzt, dann beim Internisten, hatten eine Darmspiegelung beim Gastroenterologen und haben einen Urologen aufgesucht, um ihre Harnwege überprüfen zu lassen. Oft kommen auch eine oder mehrere Bauchspiegelungen hinzu, mit der sich die Krankheit normalerweise tatsächlich feststellen lässt. „Es kommt aber auch vor, dass man die Endometriose-Herde übersieht, wenn man den Bauch zum Beispiel nicht während der Menstruation spiegelt“, weiß der Experte. Dann kommt es zu einer Situation, welche die betroffenen Frauen häufig besonders belastet. „Sie haben ein körperliches Problem, rennen von Pontius zu Pilatus und es wird nie die Wurzel des Übels gefunden. Der blödeste Fall ist, wenn das Ganze dann auf irgendeine psychosomatische Schiene fehlgeleitet und nie die richtige Therapie eingeleitet wird. Das kann einen dann wirklich fertig machen.“

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Endometriose betrifft Frauen im gebärfähigen Alter bis zur Menopause. „Die Hormone sind wie der Treibstoff, der das Ganze am Laufen hält“, beschreibt Dr. Berlit die Vorgänge im Körper, über deren Hintergründe sich die Experten noch uneins sind. Während die einen davon ausgehen, dass die Schleimhaut bei Endometriose über die Eileiter quasi verkehrt herum in Richtung Bauchhöhle abgegeben wird, sich dort einnistet und dann zu Beschwerden führt, vermuten andere eine embryonale Fehlanlage – die Schleimhaut befände sich dann von Geburt an am falschen Ort. Dass sie nicht nur im Bauchraum, sondern in einigen Fällen auch an anderen Stellen im Körper gefunden wird, macht diese Theorie zur wahrscheinlichsten.

Endometriose: Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten

 Vermuten Ärzte eine Endometriose, können Diagnose und Behandlung oft in einem Schritt erfolgen. „Das Mittel der Wahl ist hier eine Bauchspiegelung, bei der man über den Bauchnabel eine Kamera einführt und im Ober-, Mittel- und Unterbauch nach typischen Endometriose-Läsionen sucht.“ Betroffene Stellen werden verödet oder herausgeschnitten. Die endgültige Diagnose steht fest, wenn der Pathologe entnommenes Gewebe als Endometrium identifiziert.

Eine Therapiemöglichkeit: Die Anti-Baby-Pille komplett durchnehmen, damit die Menstruation ausbleibt. (Bild: Getty Images)

Die Bauchspiegelung ist ein minimalinvasiver Eingriff, der unter Vollnarkose durchgeführt wird und in der Regel eine halbe bis eine Stunde dauert. „Alles, was befallen ist, muss entfernt werden. In manchen Fällen kann die Operation mehrere Stunden dauern und vom Ausmaß her wie eine größere Krebs-OP aussehen“, sagt der Mediziner.

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„Das ist aber eher die Ausnahme.“ Eine solche stellt auch dar, wenn bei Frauen mit einer abgeschlossenen Familienplanung die gesamte Gebärmütter entfernt wird. Ein Adenomyose genannter Sonderfall der Endometriose, bei der die Schmerzen verursachende Schleimhaut so in die Wand der Gebärmutter hineingewachsen ist, dass man sie mit der Kamera weder beim Blick in die Gebärmutter noch bei dem in die Bauchhöhle sehen kann.

Medikamentöse Behandlung durch Anti-Baby-Pille

Die Operation ist aber nur ein Teil der üblichen Zwei-Säulen-Therapie, bei der auf den operativen Eingriff eine medikamentöse Behandlung in Form einer Gestagen betonten Pille folgt. Eine Anti-Baby-Pille, bei der das Gestagen dazu führt, dass die Schleimhaut der Gebärmutter verkümmert und im besten Fall keine oder kaum mehr Beschwerden verursacht. Diese Pille sollten die Frauen dann im Langzyklus einnehmen, so dass sie gar nicht erst menstruieren.

“Es ist nicht so, dass Frauen mit dieser Krankheit kinderlos bleiben müssen”

Falls betroffene Frauen einen Kinderwunsch haben, müsste die Pille natürlich abgesetzt werden. Laut Dr. Berlit können Frauen mit Endometriose ganz normal auf natürlichem Wege schwanger werden. Es sei denn, durch die Endometriose wären die Eileiter verschlossen, wodurch die gesprungenen Eizellen nicht über den Eileiter in die Gebärmutter gelangen können. „Auch dann gibt es viele Mittel und Wege, um das Ganze zu unterstützen. Man würde das heute über eine künstliche Befruchtung in die Wege leiten. Es ist sicher nicht so, dass man mit dieser Krankheit kinderlos bleiben muss.“ Ein Glück, denn bei vielen Frauen wird Endometriose überhaupt erst entdeckt, weil sie ungewollt kinderlos bleiben und man nach der Ursache forscht.

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Angenommen, eine Frau hat den Verdacht, sie könnte Endometriose haben, hat der Arzt eine Empfehlung: „Gehen Sie in ein Zentrum, dass darauf spezialisiert ist und in dem so etwas häufig behandelt wird.“ In der Mannheimer Uni-Klinik gibt es wie zum Beispiel auch am Klinischen Endometriose-Zentrum in München und anderen großen Häusern extra Sprechstunden für Betroffene. Dort können Patientinnen auch sicher sein, dass im Fall der Fälle auch Chirurgen und Urologen zur Stelle sind, falls sich bei einer Bauchspiegelung ein schwerer Befall herausstellt und interdisziplinär nach der besten Lösung gesucht werden muss.

Zu guter Letzt hat Dr. Berlit noch eine Mut machende Botschaft an Frauen mit einer Endometriose-Diagnose: „Es ist eine gutartige Erkrankung, die therapierbar ist. Bei der richtigen Behandlung sind die Erfolgsaussichten gut, dass man weitestgehend symptomfrei ein komplett normales Leben lebt.“

Endometriose-Vereinigung: Hilfe und Informationen

Informationen zum Thema Endometriose sowie Tipps zu qualifizierten Ärzten und Klinken wie auch Kontakte zu Selbsthilfegruppen gibt es auf der Homepage der Endometriose-Vereinigung oder telefonisch unter 0341/3065304.

Teil 2: Anna Wilken spricht offen über ihre Krankheit 

Im zweiten Teil der Reihe spricht Anna Wilken im Interview offen über ihre Krankheit. (Bild: Yahoo Style/ Anna Wilken)