Endometriose: Die Abschiedsparty für meine Gebärmutter war schon geplant

Hannah Klaiber
Freie Journalistin
Ein Leben ohne Gebärmutter? Darauf machte sich unsere Autorin schon gefasst – doch es kam anders. (Bild: Getty Images / Yahoo Style)

Vor fünf Monaten bekam ich die Diagnose: Endometriose. Endo… Was? Genau. Auch ich hatte noch nie etwas über diese Krankheit, mit der sich immerhin jede zehnte Frau herumschlagen muss, gehört. Leider. Was sich in dieser Zeit verändert hat und warum die Diagnose für mich nur Gutes gebracht hat, erzähle ich euch hier.

Heute ist es eine 3 minus. Bei einer 3 minus bleibt das Medizinschränkchen verschlossen, ich greife zu meiner geliebten Skinny-Jeans und plane einen etwas längeren Spaziergang mit meinen zwei Hunden ein. Bei einer 3 minus tut mir das Laufen gut. Klar, es zwickt im Unterleib und manchmal muss ich kurz innehalten und tief in den Bauch atmen, bevor es weitergeht im Tagesplan. Doch die Schmerzen sind im Großen und Ganzen erträglich. Anders ist es bei einer 5. Bei einer 5 nehme ich vor dem Frühstück eine Ibu und packe zwei weitere in meine Handtasche. Oft arbeite ich von Zuhause aus. Dort stört es niemanden, dass ich mit einer XL-Jogginghose herumlaufe, weil jeder zusätzliche Druck auf meinen Bauch nicht auszuhalten ist. Mit einer 5 geht es beim Gassigehen nur im Schneckentempo voran, weil mich oft heftiger Schwindel überkommt. Eine 5 ist einfach scheiße.

Seit fünf Monaten plane ich meinen Tag ganz bewusst nach meiner Schmerzskala. Seit fünf Monaten weiß ich, dass ich Endometriose habe. Endo… Was? Das war auch meine erste Frage, als meine Frauenärztin diesen Verdacht äußerte.

Endometriose: Was du über die Krankheit wissen musst

Schlimme Menstruationsschmerzen habe ich seit rund acht Jahren. Irgendwann waren sie einfach da und ich kam nicht auf die Idee, die Schmerzen zu hinterfragen. Vor rund einem Jahr traten ähnliche Beschwerden dann auch immer zur Zeit meines Eisprungs auf: das Gefühl, mir würde im Stundentakt ein unsichtbarer Gegner einen heftigen Bauchschwinger verpassen oder ich hätte eine Rasierklinge verschluckt, die sich in aller Seelenruhe durch meine Gedärme arbeitet.

Unerträglich wurde es dann im November 2017. Tagsüber war es mir kaum möglich, aufzustehen. Ich vermutete eine Blinddarmentzündung, weil die Schmerzen kontinuierlich schlimmer wurden. Ich machte also den Sprungtest, stemmte mich vom Boden ab, kam auf und wunderte mich, dass die Schmerzen plötzlich weg waren. Doch dann kamen sie von einer Sekunde auf die andere in solch einer Wucht zurück, dass ich ohnmächtig wurde.

Eine von zehn Frauen leidet an Endometriose – unsere Autorin ist eine von ihnen. (Bild: Getty Images)

Ich rief also den Rettungsdienst und verbrachte drei Tage im Krankenhaus. Meine Werte waren völlig in Ordnung. Doch die Schmerzen wanderten von der linken Seite zur rechten, in die Mitte und wieder zurück. Mit verdauungsfördernden Medikamenten und einem Schonkost-Speiseplan wurde ich schließlich entlassen – und eine der schlimmsten Wochen meines Lebens begann. Ich konnte nicht schlafen, ich konnte nichts essen, ich zweifelte an meinem Verstand.

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Immer dann, wenn ich mir sicher war, ich würde die unsichtbare Faust, die sich in meinen Magen bohrt, orten, boxte sie plötzlich auf eine andere Stelle ein. Nach sieben Tagen fuhr ich zur Nachuntersuchung ins Krankenhaus und mein Anblick erschreckte die Ärzte: Ich hatte sechs Kilo abgenommen, die dunkelgrauen Augenringe reichten bis zu den Wangenknochen. Sofort wurde ein CT veranlasst, das über meinem rechten Eierstock etwas zeigte, was dort definitiv nicht hingehörte.

„Bauchspiegelung? Kein Problem. Nachmittags kann ich ja wieder arbeiten oder?“

Weil die Ärzte eine Zyste vermuteten, führte mich der nächste Weg zu meiner Frauenärztin. Und die äußerte zum ersten Mal den Verdacht auf Endometriose. Ich war überrascht, dass sie sich eine Stunde Zeit nahm, mir alles über diese Krankheit zu erzählen. Und obwohl ich ihr konzentriert zuhörte, kamen die Worte einfach nicht in meinem Gehirn an. Chronische Krankheit. Die Schleimhaut meiner Gebärmutter wächst vielleicht auch dort, wo sie nicht hingehört und blutet jeden Monat kräftig mit. Schmerztherapie. Anti-Baby-Pille. Aha.

„Es gibt nur einen Weg, die Krankheit sicher zu diagnostizieren“, sagte sie. „Mit einer Bauchspiegelung.“ Ich antwortete: „Das kenn ich, kein Problem. Wenn der Eingriff in der Früh durchgeführt wird, kann ich ja nachmittags wieder arbeiten oder?“ In meiner Schockstarre hatte ich die Bauch- mit einer Magenspiegelung verwechselt. Erst viele Stunden später dämmerte mir, dass man mir tatsächlich unter Vollnarkose den Bauch aufschneiden wird, um eine Krankheit diagnostizieren zu wollen, die ich ganz bestimmt nicht habe.

Als der OP-Termin wenige Tage später stand, tat ich das, was ich in schwierigen Situationen immer tue: Ich malte mir das Worst-Case-Szenario aus. Die Ärzte hatten mich darauf vorbereitet, dass ich eventuell einen Eierstock abtreten muss, vielleicht auch einen Teil meines Darms, es könne aber auch sein, dass meine Gebärmutter schon extrem vernarbt sei.

Die Gebärmutter ist noch da – sie hat ihre Party trotzdem bekommen

Für mich ist schon lange klar, dass ich keine Kinder bekommen möchte. Die Nachricht, dass ich vielleicht keine kriegen könnte, tat dann dennoch weh. Ich zog mich komplett zurück, ging stundenlang spazieren und warf jungen Eltern böse Blicke zu. Dann war ich streng zu mir selbst und machte mir klar, dass ich die Entscheidung  immer für mich selbst getroffen hatte. Eine mögliche Krankheit würde mich nun nicht dazu zwingen. Es hatte sich nichts geändert.

Kurz vor dem Eingriff verbrachte ich den Abend mit zwei guten Freundinnen. Sie ließen mir den Raum, von meinen Gefühlen zu erzählen, schimpften mich, als ich mich mit einem trotzigen Kind verglich, das Lakritze nur so lange nicht mag, bis es das einzige ist, was die Eltern plötzlich verbieten. Und sie brachten mich zum Lachen, indem sie eine Abschiedsparty für meine Gebärmutter planten: „Hey, andere kriegen Geschenke zur Baby Shower, da muss für dich auch etwas drin sein“ oder „Wir nennen sie Gabi“. An diesem Abend flossen keine Tränen mehr, dafür viel Prosecco.

Ich weiß jetzt, dass ich nicht einfach nur weinerlich bin

Die Bauchspiegelung hat sich gelohnt. „Wir haben richtig aufgeräumt“, sagte der Oberarzt. Ich musste lachen – für mich war das ein schönes Bild. Es wurden Blutungsherde verödet, vernarbtes Gewebe herausgeschnitten, ein verfrühter, dafür aber penibler Frühjahrsputz in meinem Bauchraum also. Sämtliche Organe sind mir erhalten geblieben, auch meine Gebärmutter. Sie hat ihre Party natürlich trotzdem bekommen.

Was sich seit dem Eingriff in meinem Leben verändert hat? Alles und nichts. Alles, weil ich nun endlich weiß, was es mit den Schmerzen auf sich hat. Weil ich aufgehört habe, an meinem Verstand zu zweifeln, mir einzureden, dass andere Frauen ja schließlich auch irgendwie mit ihrer Periode zurechtkommen und ich vielleicht einfach nur etwas weinerlich bin. Nichts, weil die Endometriose jetzt zwar ein Teil von mir ist, aber nicht mein Leben bestimmt. Ich bin kein Opfer. Ich bin eine Frau, die sich jetzt eben mit einem nervigen Problem mehr herumschlagen muss als andere.

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Was mir beim Umgang mit meiner Krankheit hilft, kann mir kein Arzt verschreiben. Ich habe mich gegen eine Hormon-Therapie entschieden, weil ich mehr Angst vor der Fremdsteuerung, den Stimmungsschwankungen und langfristigen Nebenwirkungen der Anti-Baby-Pille habe als vor den Schmerzen, die ich mittlerweile gut kenne. Wirklich heilsam ist meine Familie, sind meine engsten Freunde. Ich darf weinen, verzweifelt oder sarkastisch sein. Und – viel wichtiger – ich darf lachen. Heute hat mir eine Freundin gratuliert: „Happy Endometriose-Month, Du Liebe!“ Ich musste so lachen, dass mir der Kaffee aus der Nase lief. Da sank die Schmerzskala ganz schnell auf eine 2.