Endometriose: Anna Wilken spricht offen über ihre Krankheit

Anne Borchardt
Managing Editor Yahoo Style & Entertainment

Im Durchschnitt dauert es 10,4 Jahre von den ersten Schmerzen bis zur richtigen Diagnose. Rund 30000 neuerkrankte Frauen gibt es jedes Jahr. Und bedauerlicherweise wissen wir immer noch zu wenig über die Krankheit Endometriose, die in der Berichterstattung sich hauptsächlich auf die Folgen – die mögliche Unfruchtbarkeit – stürzt. Die oben genannten unfassbaren Zahlen sprechen dafür, dass es an der Zeit ist, Aufklärung zu schaffen. Der März als Monat der Frauen, steht auch im Zeichen der Endometriose.

Im zweiten Teil der Reihe spricht Anna Wilken im Interview offen über ihre Krankheit. (Bild: Yahoo Style/ Anna Wilken)

Ein Grund mehr, diese Krankheit in den Vordergrund zu rücken, Experten und betroffene Frauen zu Wort kommen zu lassen. Endometriose ist weit mehr als eine schmerzhafte und rein körperliche Krankheit. In unserer mehrteiligen Reihe erklären Fachärzte, wie die Krankheit Endometriose diagnostiziert wird. Frauen sprechen offen über ihren täglichen Kampf und was ihnen Kraft gibt. Wie die Krankheit zu einer starken psychischen Belastung wurde und die Partnerschaft beeinträchtigt.

Teil 1 – Eine von zehn Frauen betroffen. Was du über die Krankheit Endometriose wissen musst

Für unseren zweiten Teil der Reihe haben wir Model und Influencerin Anna Wilken zum Interview getroffen. Seit längerem setzt sie sich für mehr Offenheit und Anerkennung der Krankheit Endometriose ein und macht vielen betroffenen Frauen und Mädchen Mut.

Anna Wilken kämpft auf Instagram für mehr Aufklärung über die Krankheit Endometriose. (Bild: Anna Wilken)

Yahoo Style: Was möchtest du allen Frauen über die Krankheit Endometriose offen sagen?

Anna Wilken: Zu erst ein Mal möchte ich allen sagen, dass es die Krankheit Endometriose gibt! Ein wichtiger Punkt, denn 1 von 10 Frauen ist an Endometriose erkrankt, viele kennen es aber nicht, geschweige denn haben sie etwas darüber gehört. Daher ist es erst Mal mein Anliegen, allgemein aufzuklären.

Wie und wann begannen die ersten Symptome bei dir, dass du dachtest, das sind keine Regelschmerzen oder kurz auftretende Bauchschmerzen?

Ich bekam schon mit 12 eine unglaublich starke Periode. Ab dem Zeitpunkt hatte ich vermehrt Schmerzen im Unterleib, unabhängig von der Periode. Zur Periode aber am stärksten. Damals konnte ich zeitweise 2 Tage nicht zur Schule gehen. Meine Mutter ging mit mir zum Hausarzt, dieser schickte uns zum Gynäkologen. Ich erinnere mich, dass die Schmerzen sehr stechend waren und mich in meiner Beweglichkeit damals schon total eingeschränkt haben.

Wann bekamst du die Diagnose?

Dazu muss man sagen, dass ich einer der wenigen glücklichen bin, die den Verdacht schon mit 13 Jahren hatte. Die Diagnose kam, als ich gerade 2 Wochen 19 Jahre alt war. Leider hat sich alles total gezögert, es hieß immer wieder ich sei zu jung. Mit 18 entschied ich mich selber auf die Suche nach spezialisierten Ärzten zu machen. Irgendwann bin ich quasi verzweifelt. Ich hatte immer irgendwas. Sei es Bauchschmerzen, Unterleibsschmerzen, Probleme mit der Verdauung, Kopfweh. Ich wollte für mich einfach eine Diagnose haben.

Wie bist du und auch deine Familie dann mit der finalen Diagnose umgegangen?

Anfangs war der Umgang für mich ein Mix aus Erleichterung: Zu wissen was man hat, war gleichzeitig ein gutes Gefühl, aber auch ein schlechtes. Man will ja nicht “krank sein”! Angst vor dem, was kommt. Meine Familie hatte anfangs – meines Erachtens – auch eher Probleme. Gerade die Zeit vor der Diagnose war für meine Mutter schwierig. Ich war in der Pubertät, hatte gefühlt jeden Tag was – die perfekte Zeit, wo man eventuell keine Lust auf Schule hat. Auch meine Mutter hatte noch nie etwas davon gehört. Wir alle mussten uns schlau machen und lernen jetzt noch dazu. Für mich persönlich ist es wichtig, viel darüber zu wissen. Ich informiere mich gerne, dies erleichtert mir den Umgang. Wobei ich auch heute Tage habe, an denen ich verzweifle und mich auffangen muss. Meistens bei meiner Mutter.

Was ist deine größte Stütze im täglichen Kampf mit der Krankheit?

Meine größte Stütze ist ganz klar Oskar, mein kleiner Hund. Und meine Familie, insbesondere meine Mama, mein Opa, Stiefvater und Freund. Auch viele meiner Freundinnen sind immer für mich da und geben mir somit Halt.

Annas Mama ist eine große Stütze im täglichen Kampf gegen die Krankheit. (Bild: Anna Wilken)

Welche Form der Therapie hast du für dich gewählt und wie geht es dir heute im Vergleich zu der Zeit der Diagnose?

Momentan habe ich gar nichts, leider. Ich warte noch auf ‚neue‘ Therapien, die bei mir angewendet werden sollen. Vieles habe ich bereits getestet und das meiste hat leider alles andere als eine positive Wirkung gehabt. Man muss auch sagen, dass es nach den Jahren eher schlechter, als besser geworden ist. Dies ist aber bei allen Personen unterschiedlich!

Wenn man deinen Social Media-Auftritt regelmäßig verfolgt, weiß man, wie oft du mit körperlichen Schmerzen zu kämpfen hast. Endometriose ist leider weit mehr als etwas Körperliches, es hat ebenso eine große Auswirkung auf die Psyche. Viele Frauen kämpfen mit einer dadurch ausgelösten Depression. Wie geht es dir, was hat sich für dich im Innern verändert?

Genau! Vor allem der ständige Schmerz geht auf die Psyche und das sozial Leben. Man ist irgendwo eingeschränkter, geht eventuell weniger aus und ist einfach auch lustlos. Auf meiner Webseite annawilken.de hatte ich es bereits schon mal angesprochen, denn auch ich war und bin psychisch nicht die Stabilste. Ich bin schon immer ein Sensibelchen gewesen. Es gab eine Zeit, wo es mir sowohl körperlich als auch psychisch wirklich nicht gut ging. Diese Zeit ist ein Glück vorbei. Ich war oft viel empfindlicher, weinerlich. Mit meinem inneren Kind nicht zufrieden, wobei ich auch heute glaube, dass ich noch nicht komplett bin. Für mich war eine Zeit lang alles blöd, egal was. Ich hatte keine Freude mehr an gar nichts.

Immer an ihrer Seite: Annas Freund Sargis. (Bild: Anna Wilken)

Es ist schön zu sehen, dass du von deiner Familie und deinem Freund unterstützt wirst. Hast du auch negative Reaktionen von Menschen in deinem Umfeld bekommen? Wenn ja, wie gehst du damit um und bleibst so stark?

Nun ja, es gibt immer die ein oder andere Person, die einen nicht so unterstützt oder versteht, wie man es sich eventuell wünscht. Die habe ich natürlich auch und bin bis heute noch darüber traurig. Mittlerweile sage ich klar und deutlich meine Meinung, wenn etwas Negatives kommt. Allerdings habe ich im großen und ganzen was meine Familie und Freunde angeht eigentlich immer Unterstützung. Man darf nie vergessen, dass es auch für die Angehörigen und Menschen um einen herum vielleicht nicht immer leicht ist!

Du setzt dich für das Thema ein. Es ist dein Herzensprojekt, für das du immer ein offenes Ohr und die richtigen Worte für Betroffene hast. Wann war für dich klar, dass du mit dem Thema an die Öffentlichkeit gehen willst, um für mehr Aufmerksamkeit zu kämpfen?

Ohhhh! Ich habe sehr lange überlegt, denn ich hatte total Angst vor den Reaktionen. Als meine zweite OP geplant war, entschied ich mich dazu. Am Tag der OP habe ich mich dann dazu geäußert. Es war das Beste, was ich hätte tun können. Mir selber gibt es so viel, ich liebe den Austausch mit den anderen Mädels. Leider kamen auch wenige beleidigende Nachrichten, über die muss man leider irgendwie hinwegsehen. Jetzt mache ich genau das, was mir gefällt und bin genauso wie ich bin – total toll!

Wenden sich viele Frauen an dich? Bekommst du viele Mails und Nachrichten auf Instagram?

Es wenden sich total viele Frauen an mich, das hätte ich niemals gedacht! Immer wieder bin ich gerührt, wie viel Vertrauen sie mir schenken. Teilweise sitze ich mit Tränen in den Augen an meinem Handy und lese mir die Nachrichten durch. Ich bitte alle mir eine E-Mail (wilken.anna@yahoo.de) zu schreiben, dort kann ich ausführlicher antworten und habe es mehr unter Kontrolle. Natürlich steckt oft auch eine große Verantwortung dahinter und ich hoffe, dass ich diese bewältigen kann. Ich gebe immer mein Bestes ausführlich zu antworten und auf alles einzugehen.

Powerfrau und Vorbild: Anna Wilken verliert trotz schwieriger Krankheit nie ihr Lachen und ihre Freude am Leben. (Bild: Anna Wilken)

Wirkst du neben der Therapie der Krankheit noch anders entgegen? Hast du einen bestimmten Ernährungs- oder Sportplan?

Generell mache ich Yin Yoga, gehe zu einer Physiotherapeutin und gönne mir ab und zu Massagen. Mir helfen Spaziergänge oft gut, wobei das tagesformabhängig ist. Sport mache ich so gar keinen, es sei denn ein paar Beckenboden-Entspannungen. Auf meine Ernährung achte ich etwas mehr. Dazu gibt es einen ausführlichen Beitrag auf meiner Seite.

Du bist erfolgreiche Influencerin und Model, wie lassen sich Beruf und Krankheit vereinbaren? Du bist viel unterwegs und Stress hat schon auf einen ganz gesunden Körper negative Auswirkungen. Wie machst du das?

Das ist die Frage aller Fragen! Ich weiß es selber nicht! Die Frage bekomme ich so oft und weiß selber nicht immer, was ich sagen soll. Leider übernehme ich mich oft, und merke erst wenn es schon zu spät ist, dass das ein oder andere jetzt zu viel war. Auch ich muss da noch an mir arbeiten.
Ein Zwiespalt für mich selber, denn irgendwie muss die Miete bezahlt werden. Mittlerweile bin ich einfach etwas tougher geworden und sage Nein, wenn es nicht geht. Mein Management Fab4Media weiß über alles Bescheid und unterstützt mich in jeder Hinsicht. Das tut unglaublich gut, der Druck wird mir persönlich etwas genommen. Ganz nach dem Motto: Gesundheit (Frieda, mein Unterleib) geht vor!

In einem früheren Interview hast du auf die Frage, ob die Endometriose auch eine positive Seite hat, geantwortet: „Ja, meine Endo-Schwestern!“. Welche Stütze sind die Frauen in deinem Leben und wie sieht der Austausch über die Krankheit bei euch aus?

Einfach der Austausch. Als ich 2017 im August in der Reha gewesen bin, war dies das Schönste an der ganzen Reha. Man fühlt sich nicht alleine mit den Symptomen, die manchmal echt merkwürdig sind und man sich selber fragt: Ist das gerade wirklich so?
Bereits durch Instagram habe ich 2-3 echt tolle Mädels kennengelernt, mit denen ich immer wieder schreibe und telefoniere. Egal, ob es gerade akute Symptome sind, der Ärger über den ein oder anderen Arzt oder einfach allgemein.

Welche zwei Bücher und Blogs kannst du empfehlen?

Auf meiner eigenen Webseite habe ich eine Bücherliste verfasst, mit Büchern, die mir oft weitergeholfen haben. Als Blog kann ich den Blog endobay.de wärmstens empfehlen. Die Autroin hat unter anderem ein tolles Buch rausgebracht, welches in der Liste zu finden ist. Zu empfehlen sind auch Endometriose-Gruppen bei Facebook. Außerdem stößt man unter den Hashtags #endometriose #endosister #endometriosis #tellyourendostory bei Instagram oft auf tolle Beiträge!

Teil 1 – Eine von zehn Frauen betroffen. Was du über die Krankheit Endometriose wissen musst

Endometriose: Jede zehnte Frau betroffen. Was du über die Krankheit wissen musst