Ende der Zinserhöhungen im Rekordtempo: Notenbanker kündigen Kurswechsel an – das bedeutet das für euer Geld

Der Chef der US-Notenbank Fed, Jerome Powell, bereitet die Märkte auf langsamere Zinserhöhungen vor.  - Copyright: Chip Somodevilla/Getty Images
Der Chef der US-Notenbank Fed, Jerome Powell, bereitet die Märkte auf langsamere Zinserhöhungen vor. - Copyright: Chip Somodevilla/Getty Images

Im Kampf gegen die Inflation haben die Notenbanken in Amerika und Europa die Zinsen seit Monaten im Rekordtempo erhöht. In dieser Woche hob die US-Notenbank Fed den Leitzins nochmals um 0,75 Prozentpunkte auf eine Spanne von 3,75 auf 4,00 Prozent an. Es war die sechste Erhöhung seit Beginn der Zinswende im März und der vierte Schritt um 0,75 Punkte in Folge. Normalerweise bevorzugt die Fed kleine Schritte von 0,25 Prozentpunkte. Eine so rasante Zinserhöhung wie in diesem Jahr erlebten die USA zuletzt in den 80er Jahren. Bei vier Prozent lag der Leitzins zuletzt vor der Finanzkrise 2008.

Getrieben von Fed-Chef Jerome Powell zogen die Bank of England und die Europäische Zentralbank nach. Die britische Notenbank hob den Leitzins nun mit 0,75 Prozent so stark an wie seit 33 Jahren nicht mehr. In Großbritannien beträgt der Leitzins jetzt 3,00 Prozent.

Die Europäische Zentralbank rang sich erst im Juli zur Abkehr ihrer Nullzins-Politik zu. Zuletzt erhöhte sie den wichtigsten Leitzins Ende Oktober um ebenfalls 0,75 Punkte. Er liegt aber mit 2,00 Prozent immer noch deutlich unter den Zinsen in den USA und Großbritannien.

Nach der jüngsten Zinsrunde deutete Powell nun ein Umdenken an. "Es wird angemessen sein, das Tempo der Erhöhungen zu verlangsamen", sagte der Fed-Chef, ergänzte aber: "Es ist sehr verfrüht, an eine Pause zu denken. Wir glauben, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben."

Dieser Weg scheint damit vorgegeben: Die Notenbanken werden die Zinsen weiter erhöhen, aber in kleineren Zinsschritten.

Was folgt daraus für die Entwicklung der Inflation. Was sind die Folgen für Sparer und die Immobilienmärkte sowie für den Euro und die Konjunktur. Wir beantworten die wichtigsten Fragen um den Kursschwenk in der Zinswende.

Wie dürften sich die Leitzinsen weiter entwickeln?

An den Finanzmärkten wird damit gerechnet, dass die Zinsen in den USA bis in den Sommer 2023 steigen und dann bei etwas über fünf Prozent ihren Höhepunkt erreichen. Für die nächste Zinsentscheidung der Fed im Dezember wird aktuell ein etwas kleinerer Zinsschritt von 0,5 Prozentpunkten erwartet. Dies hängt aber davon ab, welche Daten zur Inflation und Konjunktur in den USA bis dahin kommen. Am Freitag zeigten neue Zahlen, dass der Arbeitsmarkt in den USA stabil ist.

Zieht die Fed die Zinsen in den USA über die Fünf-Prozent-Marke hoch, wird der Bank of England und der EZB wenig übrig bleiben, als die Zinsen ebenfalls zu erhöhen. An den Märkten wird aktuell damit gerechnet, dass der Leitzins im Euro-Raum bis in den Herbst 2023 steigt und dann rund 3,5 Prozent erreicht.

Der Spielraum der EZB für Zinserhöhungen wird auch dadurch begrenzt, dass mehrere Euro-Länder wie Italien sehr hoch verschuldet sind. Die EZB will verhindern, dass höhere Zinsen solche Länder in eine Schieflage bringen.

Was folgt aus dem neuen Kurs für die Inflation?

Die Notenbanken versuchen mit ihren Zinserhöhungen, die Inflation in den Griff zu kriegen. In den USA verharrt die Inflationsrate seit Monaten über acht Prozent. Die wichtige Kernrate der Inflation ohne Energie und Nahrungsmittel ist auf 6,3 Prozent gestiegen.

Im Euro-Raum beträgt die Inflation sogar 10,7 Prozent. Dies ist der höchste Stand seit Einführung des Euro 1999. In Deutschland liegt die Inflation in der Messung des Statistischen Bundesamt bei 10,4 Prozent und in der EZB-Messung bei 11,7, Prozent. Auch in Europa steigt die Kernrate Richtung fünf Prozent. Es gibt zudem enorme Unterschiede: Die baltischen Länder in unmittelbarer Nähe zu Russland weisen Inflationsraten über 20 Prozent aus. Frankreich und Spanien drücken die Inflation mit staatlichen Eingriffen unter acht Prozent.

„Wenn man heute die Zinsen anhebt, geht nicht morgen oder übermorgen automatisch die Inflation nach unten“, erläutert Tobias Basse, Analyst bei der Norddeutschen Landesbank. „Die Preise dürften allenfalls mit einer Verzögerung von drei bis sechs Monaten auf die Zinsänderungen reagieren“, schätzt Basse.

Wichtig sind dabei die Inflationserwartungen. Erwarten sie steigende Preise, schrauben Arbeitskräfte ihre Lohnforderungen nach oben, was die Preise treibt. Eine Lohn-Preis-Spirale droht. In Deutschland fordern Gewerkschaften bereits hohe Gehaltserhöhungen, etwa mehr als zehn Prozent im Öffentlichen Dienst. Die meisten Abschlüsse liegen aber unter der Inflationsrate.

Auch Unternehmen nutzen die Erwartung, dass Preise steigen, und erhöhen ihre Preise teils stärker als ihre Kosten gestiegen sind. Der Ökonom Joachim Ragnitz hat diesen Effekt nachgewiesen. Er sagt: "Wir haben neben einer Kosten- auch eine Gewinninflation".

Umso wirksamer ist das psychologische Signal der EZB, dass sie die Zinsen weiter anhebt, die Inflation also konsequent bekämpfen will. Analyst Basse: „Wenn es den Notenbanken gelingt, dass sich hohe Inflationserwartungen nicht verfestigen, wird das mittelfristig zu einem spürbaren Rückgang der Inflation führen.“

Was bedeuten die Zinsentscheidungen für Sparer?

Die Zinswende hat dazu geführt, dass Sparer bei Banken wieder Zinsen erhalten können. Aktuell gibt es bis zu einem Prozent auf Tagesgeld, vereinzelt auch mehr. Für Festgeld gibt es bereits bis zu knapp drei Prozent.

Aber: Weil die Inflation noch stärker gestiegen ist, sind die Realzinsen tief im Minus. Wer bei einer Inflationsrate von zehn Prozent für sein Geld ein Prozent Zinsen erhält, verliert in einem Jahr immer noch neun Prozent Geldwert.

Diese Schere dürfte sich nur langsam schließen. Experten erwarten, dass die Sparzinsen sich zunächst parallel zu den Leitzinsen entwickeln. Um wieder zu positiven Realzinsen zu kommen, müsste gleichzeitig die Inflationsrate deutlich sinken. Der häufigste Rat an Sparer ist, ihr Geld mit gestaffelten Fristen anzulegen, sodass sie auch von den erwarteten Zinssteigerungen in den kommenden Monaten profitieren können. Wer aber Renditen oberhalb der Inflation erzielen möchte, wird nicht über Anlagen mit höherem Risiko und längerem Anlagenhorizont umhinkommen.

Welche Folgen haben die Zinsentscheidungen auf die Bauzinsen?

"Jetzt werden wohl die Zinsen für Immobilienkredite weiter steigen und den Druck auf den Wohnimmobilienmarkt erneut erhöhen." So reagierte Oliver Wittke, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes ZIA auf die jüngste Leitzinserhöhung der EZB. Ähnliches gilt für die nächste.

Auch die Kreditvermittler Interhyp und Dr. Klein erwartet steigende Bauzinsen. Vorständin Mirjam Mohr: "Bis zum Jahresende erwarten wir Zinsen um etwa 3,5 Prozent für zehnjährige Darlehen." Die Bauzinsen seien schon in Erwartung einer deutlichen Leitzinserhöhung von ihrem Zwischentief im August von 2,7 Prozent auf mehr als 3,2 Prozent geklettert.

Hausbauer hatten lange von der Niedrigzinspolitik profitiert. Doch seit Ende 2021 haben sich die Bauzinsen mehr als verdreifacht. Selbst jetzt sind Hypothekenkredite aber günstiger als im langjährigen Durchschnitt. Doch der Anstieg ist rasant und steil.

In Deutschland wird der Effekt für bestehende Kredite gedämpft. Im Gegensatz zu den USA haben die meisten Immobilienkredite hier eine mehrjährige Zinsbindung. In den USA und Großbritannien schlagen die steigenden Hypothekenzinsen viel schneller auf die Hausbesitzer durch. Die Risiken von privaten Pleiten oder Notverkäufen steigen.

Wer in Deutschland bereits eine Immobilie abbezahlt, wird nicht unmittelbar dramatische Folgen spüren, aber sehr wohl, wenn die Zinsbindung ausläuft. Die Zeit historisch niedriger Bau-Kredite ist in jedem Fall vorbei.

Die Zinswende beschleunigt das Ende des Immobilienbooms. Schon jetzt gehen Bauanträge und Aufträge zurück. Weit zehn Prozent der Baufirmen berichten über Stornierungen.

Könnten fallende Preise für Kaufimmobilien auch eine Chance sein? Für Immobilienkäufer stellt sich die Frage: Sinken die Hauspreise schneller als die Kreditzinsen steigen oder umgekehrt?“ Hier ist bisher kein klarer Trend erkennbar, und bei den Immobilienpreisen gibt es große regionale Unterschiede.

Was bedeuten die Zinserhöhungen für die Kreditzinsen

Mit der Erhöhung der Leitzinsen steigen die Kosten der Banken, wenn sie Geld bei der Zentralbank leihen. Diese höheren Kosten geben sie weiter. Konsumenten- und Dispokredite werden teurer.

"Die Zinssätze von Konsumentenkrediten werden (...) in den nächsten Monaten im Bundesdurchschnitt voraussichtlich um die 7-Prozent-Marke herum liegen", erwartet Alexander Artopé, Geschäftsführer des Vergleichsportals Smava. Dabei werde es aber Unterschiede geben. Ein Vergleich kann sich also lohnen.

Ihre Dispozinsen hätten neun der 20 größten Banken bereits erhöht. Vor der Zinswende hätten die Dispozinsen im Mittel bei rund 9,4 Prozent gelegen, errechnete Smava. Artopé: "Es sieht so derzeit aus, als ob sich die aktuell 5,4 Millionen Disponutzer und -nutzerinnen in den nächsten Monaten auf Dispozinssätze um die zwölf Prozent einstellen müssen".

Was bedeuten die Zinserhöhungen für den Euro

Der Druck auf die EZB, die Zinsen weiter zu erhöhen, kommt stark über die Währungen. Schon in den vergangenen Monaten hat die Zinsdifferenz zugunsten der USA Geldanlagen in den USA attraktiver gemacht. Das war einer der Gründe für den Höhenflug des US-Dollar zum Euro. Ein schwacher Euro aber macht Importe teurer und facht damit die Inflation zusätzlich an. Dies gilt umso mehr als die meisten Geschäfte für Energie in Dollar abgerechnet werden. Das erhöht den Druck auf die EZB, die Zinsen zu erhöhen, wenn sie die Inflation in den Griff kriegen will.

Im August war der Euro erstmals sei vielen Jahren wieder unter die Parität zum US-Dollar. Ein Euro war also weniger wert als ein Dollar. Der Euro fiel sogar bis auf den tiefsten Stand seit 20 Jahren und sackte zeitweise bis auf 95 Cent durch. Zuletzt hatte er sich knapp unter der Parität stabilisiert. Nach der jüngsten Zinserhöhung in den USA fiel der Euro wieder bis auf 97 Cent.

Welche Folgen hat die Zinserhöhung für die Konjunktur?

Eine Zinserhöhung dämpft die Konjunktur. Höhere Zinsen machen Kredite für Investitionen teurer und sie machen Sparen im Vergleich zum Konsum attraktiver.

Die aktuelle Situation ist ungewöhnlich: Normalerweise dämpfen Zentralbanken mit Zinserhöhungen eine heiß laufende Konjunktur. Derzeit stehen aber viele Länder im Euro-Raum bereits am Beginn einer Rezession. Eine Zinserhöhung in einen Abschwung hinein birgt hohe Risiken. In Europa gilt die Konjunktur als weniger stabil als in den USA.

Die Bank of England warnte die Briten bereits vor einem Rückgang der Wirtschaftsleistung in acht aufeinanderfolgenden Quartalen. Ein so lange Rezession hat es in Großbritannien seit Beginn der Aufzeichnungen vor 100 Jahren nicht gegeben. Für die Euro-Zone sagte EZB-Chefin Lagarde, dass die bisher erwartete Rezession kein Grund für einen Verzicht auf weitere Zinserhöhungen sei: "Wir glauben nicht, dass diese Rezession in der Lage sein würde, die Inflation zu zähmen."

Die Botschaft ist klar: Die Notenbanken sind bereit, das Tempo ihrer Zinserhöhungen zu bremsen. Sie würden im Zweifel aber auch eine längere und tiefere Rezession in Kauf nehmen, um die Inflation in den Griff zu kriegen, die sie langfristig für schädlicher halten als einen Abschwung.