Das Ende des „Windows-Konzerns“

Microsoft-Chef Satya Nadella verordnet seinem Unternehmen einen radikalen Umbau. Was hat er vor?

Die Forderung der Ankläger im Monopolprozess der US-Justiz gegen Microsoft waren hart und eindeutig. Der Softwarekonzern müsse aufgespalten werden in drei Teile, einen zuständig für die Windows-Produkte, einen für Anwendungsprogramme und einen für Internet-Dienste, damit der Digitalgigant den Wettbewerb in der Computerwelt nicht gänzlich ausschalte. 18 Jahre ist das her. So hart ist es am Ende nicht gekommen, statt einer Aufspaltung bekam das Unternehmen rigide Verhaltensregeln auferlegt, wurde zur Kooperation mit Konkurrenten gezwungen – und hat am Ende erleben müssen, dass Konkurrenz aus völlig unerwarteten Ecken kommt.

Knapp zwei Dekaden später existiert der „Windows-Konzern“ noch immer, ist noch immer ein Top-Spieler in der digitalen Welt, aber eben einer, der an vielen Fronten längst vom Dominator zum Verfolger geworden ist. Cloud-Dienste, künstliche Intelligenz, soziale Netzwerke, digitale Geschäftsmodelle, Online-Werbung, Netzmedien, und, und, und … überall da ist der einstige Dominator Microsoft heute bestenfalls noch einer von vielen Anbietern. Amazon, Google, Facebook und viele kleinere Technologiespezialisten waren an so vielen Stellen schneller, smarter und erfolgreicher als der Riese aus Redmond, dass Konzernchef Satya Nadella kaum mit dem Umbau hinterherkommt, seit er vor vier Jahren an die Spitze rückte.

Und der Schritt, mit dem er die rund 115.000 Konzernbeschäftigten am Gründonnerstag in die Osterpause schickte, ist der radikalste, den er seinem Unternehmen seit Amtsantritt auferlegt hat. Im Grunde vollzieht Nadella in Teilen selbst, was die Wettbewerbswächter schon im Jahr 2000 erreichen wollten. Nur diesmal mit einer gänzlich anderen Stoßrichtung.


Das neue Microsoft, das nun entstehen soll, wird eines sein für das das Synonym „Windows-Konzern“ nicht mehr wirklich treffend ist. Denn Windows wird so, wie es seit den späten Neunzigern existierte und das Unternehmen dominierte, keine Priorität mehr haben. Der nun verkündete Abgang des prägenden aber ungeliebten Windows-Chefs Terry Myerson, der wie kaum ein anderer in der Konzernstruktur für das alte – Windows-zentrierte – Microsoft stand, macht diesen Umbruch überdeutlich. Wenn sich demnächst die neue Führungsspitze trifft, wird dort niemand mehr sitzen, in dessen Titel das Wort „Windows“ steckt.

Was nicht heißt, dass sich Microsoft von seinem Betriebssystem verabschiedet. Mit Hunderten von Millionen Nutzern von Windows weltweit wäre das töricht. Aber die Perspektiven drehen sich. Diente zu Nadellas Amtsantritt noch alles Streben im Konzern dem Zweck, die Dominanz von Windows (und der daran hängenden zweiten Cash-Cow Office) zu sichern, wird Windows selbst nun zum Werkzeug, das Microsofts Engagement in anderen digitalen Geschäftsfeldern dienen muss. Zu einem Werkzeug von vielen.


Mit dem Betriebssystem-Dino ist kein Staat mehr zu machen. Die Zukunft und auch das Zukunftsgeschäft liegt im Netz. Alle dort verankerten intelligenten Dienste werden die digitale Zukunft bestimmen. Geld wird in der Cloud verdient, mit künstlicher Intelligenz, mit vernetzten Diensten für beliebige Betriebssysteme – einschließlich Apples iOS und Googles Android.

Das weiß auch Nadella seit langem. Mit dem Umbau seines Unternehmens setzt er diese Einsicht nun endlich um.

Was nicht heißt, dass wir Nutzer künftig kein Windows mehr verwenden werden. Doch, das was wir auf dem PC-Bildschirm sehen, wird nur so etwas wie das Schaufenster sein für die digitalen Dienste, die – idealerweise – von Microsoft stammen. Um die Oberfläche kümmert sich weiterhin Joe Belfiore, der mit einem ordentlich geratenen Windows 10 viele der Sünden des verkastelten Windows 8 wieder ausgemerzt hat. Belfiore, auch das zeigt den Bedeutungsumbruch, untersteht nicht etwa Nadella direkt, sondern ist künftig Teil des Geschäftsfelds „Experiences and Devices“ – im Grunde gleichrangig mit Microsofts Hardware-Geschäft, mit der Xbox-Spielewelt und den PC-Lösungen für Großkunden.


Die Windows-Plattform selbst aber, sozusagen der Maschinenraum des Betriebssystems, wandert in Nadellas neuem Konzern in die zweite neue Geschäftssparte mit dem Titel „Cloud and AI“. Hier liegen die Zukunftsthemen wie Anwendungen aus dem Netz (also etwa Office 365), künstliche Intelligenz und gemischte Realitäten (also etwa Angebote wie die Cyberbrille HoloLens). Und auch hier gilt: Windows ist nicht mehr Kern der Entwicklung, sondern Teil eines größeren Ganzen.

Die DNA des neuen Microsoft, das Satya Nadella nun schafft, liegt nicht mehr im PC, nicht mehr im klassischen Geschäft mit Betriebssystemen und (Desktop-) Software. Sie liegt konsequent im Netz. Der Begriff „Windows-Konzern“ als Synonym für „Microsoft“ hat sich überlebt.

So radikal wie Satya Nadella nun zu Werke geht, waren nicht einmal die Ankläger von 2000!