Zu emotional, ohne Strategie, ohne Rendite

Immer auf die größten Gewinner setzen, überall dabei sein, wo das dickste Kursplus eingefahren wird. An der Börse kann man sehr viel falsch machen. Ein paar gute Vorsätze helfen, um 2018 bekannte Fehler zu vermeiden.


Schwankungen hat es an der Wall Street in diesem Jahr so gut wie keine gegeben. Ein bisschen turbulenter ging es auf dem Frankfurter Parkett zu. Obwohl das Wort „turbulent“ es kaum trifft. 2017 war ein wirklich gutes Aktienjahr, Volatilität galt eher als Fremdwort.

Die Rally geht unbeirrt weiter – und mit jedem Kursanstieg, mit jedem Rekord wachsen diesseits und jenseits des Atlantiks eben auch die Zweifel. Wie lange kann das noch gut gehen? Das wohl größte Problem an der Börse ist, dass niemand genau weiß, wie sie sich entwickelt. Crashs kündigen sich in den seltensten Fällen an. In der Regel erwischen sie Börsianer eiskalt. Die Frage nach dem Wann und Warum lässt sich nicht beantworten – zumindest im Vorfeld nicht. Wie heißt es so schön? „Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen.“ Es ist nicht überliefert, wer diesen Satz gesagt hat. Aber es könnte ein Börsianer gewesen sein. 


Gleichwohl wünschen sich Anleger natürlich Orientierung. Doch diese vermeintliche Hilfe kann sie eben auch schnell in die Irre führen. Wer 2017 auf die Crash-Propheten gehört hat, hat ein gutes Aktienjahr verpasst. Wer die Anlageklasse Aktien grundsätzlich meidet, macht einen noch weitaus größeren Fehler, schließlich sind Aktien die renditestärkste Anlageform überhaupt. Das hat vor einiger Zeit sogar die Bundesbank höchstamtlich in einem ihrer Monatsberichte festgehalten.  

Aktien brachten „seit 1991 im Mittel eine jährliche reale Rendite von gut acht Prozent“ ein und sind „damit die renditestärkste Anlageform im Portfolio“, schrieben die Währungshüter vor gut zwei Jahren. Und in den zwei Jahren danach ging es an den Märkten weiter aufwärts. Noch extremer punkten Aktien im langfristigen Kontext, dann sind sie wirklich nicht zu schlagen, wie die Experten von JP Morgan Asset Management betonen. „Wer sein Geld in Aktien anlegt, geht zwar ein höheres Risiko ein als mit festverzinslichen Papieren oder Bargeld“, schreiben sie. „Auf lange Sicht sind die Erträge von Dividendentiteln jedoch überlegen, während große Teile der Zinserträge durch die Inflation aufgefressen werden.“. Das zeigt der Langfristvergleich des Guide to the Markets von JP Morgan Asset Management. 


Und die Zahlen können sich wirklich sehen lassen: Wer im Jahr 1899 einen Dollar in Barmittel investierte, der hat sein Investment bis 2016 real auf zwei Dollar verdoppelt. Mit Anleihen wurden aus dem einen Dollar – abzüglich Inflation – immerhin zwölf Dollar, was vor allem am Rückgang der Teuerungsrate ab den 1980er-Jahren lag. Aktien hingegen erzielten eine durchschnittliche Rendite von 6,5 Prozent pro Jahr, was aus dem 1899 investierten Dollar bis heute 1691 Dollar machte. 

Zugeben: Einen solch langen Anlagehorizont hat niemand. Die Rechnung geht allerdings auch auf kürzere Sicht auf, wie die Zahlen der Bundesbank bestätigen. Einzig: Weder solche Fakten noch die anhaltenden Niedrigzinsen haben das Sparverhalten der Deutschen nachhaltig beeinflusst.

Es ist kein „Run“ auf Aktien zu verspüren. Nur acht Prozent des Geldvermögens der Bundesbürger steckt in Aktien oder Aktienfonds, zeigen die Zahlen des Deutschen Aktieninstituts. Nur neun Millionen Deutsche verfügen über Aktien oder entsprechende Fonds. Eigentlich kaum zu fassen, dass der sonst so bedachte Deutsche fast unbekümmert Rendite verschenkt.


Bloß nicht ohne Strategie


Die Gründe sind schnell gefunden, nämlich im konservativen Denken der Deutschen, wenn es um ihr Geld geht. Sie halten Aktien für gefährlich, belegen unzählige Umfragen. Die Schwankungen sind ihnen schlicht zu hoch, auch wenn sie um die Renditechancen wissen. Womit wir bei einem weiteren großen Problem wären: den Emotionen. Angst oder gar Panik sind ebenso kein guter Ratgeber bei der Geldanlage wie Gier oder Herdentrieb. Wer sich von seinen Gefühlen leiten lässt, macht unweigerlich Fehler. 

Packt den Anleger die Angst, kündigt er vielleicht seinen Fonds-Sparplan auf, obwohl der doch eigentlich langfristig gedacht war, für die Altersvorsorge oder den Vermögensaufbau. Packt ihn der Herdentrieb oder die Gier, schichtet er vielleicht völlig unüberlegt um. Immer auf die größten Gewinner setzen, überall dabei sein, wo das dickste Kursplus eingefahren wird – auch wenn die Party vielleicht schon vorbei ist.


Womit wir beim nächsten Fehler wären, den Anleger 2017, aber auch in den Jahren zuvor begangen haben und im neuen Jahr unbedingt vermeiden sollten: Investieren ohne Strategie. Das tun nämlich leider die meisten, wie Depotanalysen immer wieder zeigen. 

Die guten Vorsätzen für 2018 sollten also sein: Kümmern Sie sich um Ihr Geld, investieren Sie es zumindest zu einem Teil an der Börse. Ein Sparplan ist ein guter Einstieg, damit legen Sie regelmäßig – ob nun monatlich oder quartalsweise – einen fixen Betrag an der Börse an. Steigen die Kurse, kaufen Sie automatisch weniger Anteile. Fallen Sie, gibt es mehr Anteile an den Fonds oder ETFs.  

Ein solcher Fonds-Sparplan lohnt sich, wie die Statistik des Fondsverbands BVI zeigt. Wer zehn Jahre lang monatlich 100 Euro in einen global anlegenden Aktienfonds investiert hat, erzielte eine Rendite von 7,5 Prozent pro Jahr – aus 12.000 Euro wurden so 17.705 Euro.


Deutsche Aktien brachten sogar einen noch höheren Wertzuwachs: Bei einem durchschnittlichen jährlichen Plus von 9,3 Prozent wurden aus 12.000 Euro stolze 19.431 Euro. Das klingt noch besser, trotzdem sollen Anleger nicht ausschließlich auf deutsche Werte setzen. Damit wäre das Risiko schlichtweg nicht breit genug gestreut. Eine vernünftige Strategie setzt auf Risikostreuung – über mehrere Assetklassen, und auf jeden Fall auch über mehrere Länder, am besten global.

Deshalb der eindringliche Appell: Starten Sie auf keinen Fall ohne Plan. Dazu gehört, dass Sie sich über Ihre finanzielle Situation, Ihre Risikotragfähigkeit und Ihre Ziele Gedanken machen. So können Sie Ihre Aktienquote festlegen. Und an die sollten Sie sich bitte auch halten. Nicht täglich, aber jährlich oder zweijährlich sollten Sie die Strategie überprüfen und durch Käufe und Verkäufe nachjustieren. Experten nennen das Rebalancing. Überlegen Sie sich auch, wie Sie in welcher Situation reagieren wollen. So schaffen Sie es hoffentlich auch, emotionale Fallstricke zu überwinden.

In diesem Sinne: Ein gutes neues Jahr und viel Erfolg mit Ihrer Geldanlage!


Anlegen 2018 – Alle Teile der Serie

Zum Jahreswechsel gibt die Handelsblatt-Redaktion einen Ein- und Ausblick zu verschiedenen Anlageklassen und Geldanlagemöglichkeiten. Die Serie hat 15 Teile und läuft vom 21. Dezember bis 4. Januar 2018. Jeweils im Tagesverlauf geht eine weitere Folge online.

Teil 1 (21.12.): Aktien Deutschland

Teil 2 (22.12.): Wohnimmobilien

Teil 3 (23.12.): Unternehmens- und Staatsanleihen: Industrieländer

Teil 4 (24.12.): Aktien Europa

Teil 5 (25.12.): Aktien Emerging Markets

Teil 6 (26.12.): Unternehmens- und Staatsanleihen: Schwellenländer

Teil 7 (27.12.): Aktien Skandinavien

Teil 8 (28.12.): Gold

Teil 9 (29.12.): Devisen

Teil 10 (30.12.): Aktien USA

Teil 11 (31.12.): Der beste Markt der Welt

Teil 12 (1.1.2018): Die Fehler des Jahres 2017

Teil 13 (2.1.): Kreditzinsen

Teil 14 (3.1.): Leser-Erwartungen 2018

Teil 15 (4.1.): Ölpreis


KONTEXT

Risiken für die Aktienmärkte 2018

Aggressive Zinserhöhungen der US-Notenbank

Wegen des kräftigen US-Wachstums könnte die US-Notenbank die Zinsen schneller anheben als gedacht. Analysten rechnen bislang meist damit, dass die Fed den Schlüsselsatz 2018 wie von ihr signalisiert drei Mal anhebt. Eine aggressivere Straffung der Geldpolitik würde die Renditen der Staatsanleihen nach oben treiben, sagt Portfolio-Manager Paul Nolte vom Vermögensverwalter Kingsview. Dadurch würden Bonds zu einer ernstzunehmenden Anlage-Alternative zu Aktien.

Anstieg der Inflation

Als möglichen Auslöser für eine raschere Straffung der Geldpolitik sehen Experten einen kräftigen Anstieg der Inflation. "Dies könnte für die Aktien- und Anleihemärkte zu einem Wendepunkt werden", betonen die Analysten der Bank of America Merrill Lynch. In Europa könnte die anziehende Teuerung die Diskussion um einen raschen Ausstieg der Europäischen Zentralbank (EZB) aus ihrem Anleihe-Ankaufprogramm befeuern.

Wahlen

Die für März erwartete Parlamentswahl in Italien ist für Raphael Chemla, Leiter Finanz- und Hochzinsanleihen beim Vermögensverwalter Edmond de Rothschild, das größte politische Risiko in Europa. Ein Sieg der europakritischen Fünf-Sterne-Bewegung würde Anleger nervös machen. In den USA werden im Herbst Teile des Kongresses neu gewählt. "Sollten die Republikaner die Mehrheit im Repräsentantenhaus, im Senat oder in beiden Kammern verlieren, wäre das ein großer Belastungsfaktor für die Märkte", warnt John Praveen, Chef-Anleger des Vermögensberaters Prudential. Denn damit werde es für US-Präsident Donald Trump schwerer, seine Wahlversprechen umzusetzen.

Politische Spannungen

Wiederaufflammende Spannungen zwischen den USA und Nordkorea sowie im Nahen Osten sind nach Ansicht von Keith Leiner, Chef-Analyst des Vermögensverwalters SunTrust, ebenfalls große politische Risikofaktoren für die Aktienmärkte. "Außerdem schwingt das Pendel weltweit in Richtung Populismus und Nationalismus."

Überzogene Bewertungen

Viele Firmen erhoffen sich zwar durch die jüngst beschlossenen US-Steuersenkungen zusätzliche Gewinne im kommenden Jahr. Einige Experten bezweifeln jedoch, dass der Anstieg ausreicht, um die bereits hohen Aktienbewertungen zu rechtfertigen. Im US-Index S & P 500 liegt das durchschnittliche Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV) bei 18,5. Das bedeutet, dass der Aktienkurs den Gewinn je Aktie um das 18,5-fache übertrifft. Das ist der höchste Wert seit 2002. Im Dax liegt das KGV mit 16,2 ebenfalls über dem langjährigen Mittel von rund 15. Das Risikobarometer der Citigroup signalisiere eine 60-prozentige Wahrscheinlichkeit eines Rückgangs der Aktienkurse 2018, sagt Tobias Levkovich, Chef-Anlagestratege für die USA bei der Großbank.

Turbulenzen bei Bitcoin und Co.

Die große Unbekannte für die Aktienmärkte ist die Entwicklung des Bitcoin. Der Kurs der Cyber-Devise stieg in den vergangenen Monaten um rund 1500 Prozent. Diese Aufwärtsdynamik könne aber schnell verpuffen, sagt Bob Doll, Chef-Anlagestratege des Vermögensverwalters Nuveen. Wenn die Preis der ältesten und wichtigsten virtuellen Währung prozentual zweistellig verliere, könnten sich Anleger fragen, ob es ihren Aktien nicht genauso ergehen werde.