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Emissionen: Lohnen sich Tempolimits?

Emissionen: Lohnen sich Tempolimits?

In ganz Europa werden zunehmend die Einführung von schärferenTempolimits auf Autobahnen diskutiert, um die Kohlendioxidemissionen zu senken - auch wenn es Bedenken gibt, ob sich diese Maßnahme lohnt.

Auf niederländischen Autobahnen wurde bereits 2019 ein Tempolimit von 100 km/h tagsüber eingeführt, und einige österreichische Regionen haben das gleiche Limit auf ihren Autobahnen eingeführt.

Dies könnte noch ausgeweitet werden, Verkehrswissenschaftler aus Österreich haben Anfang Februar ihre Unterstützung für ein Tempolimit von 100 km/h auf Autobahnen angekündigt, um eine Verringerung der Umweltauswirkungen des Verkehrssektors zu erreichen.

Ähnlichen Forderungen kommen von deutschen Wissenschaftlern und Aktivisten, nachdem die Umweltbehörde des Landes im Januar eine Studie veröffentlicht hatte, der zufolge ein Tempolimit von 120 km/h die Emissionen des Straßenverkehrs um 2,9 % verringern könnte.

Auf den Straßenverkehr entfiel 2019 ein Fünftel der gesamten EU-Treibhausgasemissionen und über drei Viertel der gesamten Verkehrsemissionen.

Man braucht weniger Kraftstoff

Um zu verstehen, wie Emissionen reduziert werden können, müsse man zunächst die Funktionsweise eines Motors verstehen, erklärte Barbara Laa, Verkehrsforscherin an der Technischen Universität Wien, gegenüber Euronews.

"Bei niedrigeren Geschwindigkeiten braucht man weniger Treibstoff, weil der Luftwiderstand geringer ist", sagte sie. Je höher die gefahrene Geschwindigkeit, desto mehr macht sich der Luftwiderstand bemerkbar. Vor allem bei Geschwindigkeiten jenseits der 100 km/h steigt der Spritverbrauch daher überproportional an. Laut Informationen des Automobilclubs ADAC erhöht sich der durchschnittliche Spritverbrauch eines Mittelklassewagens um bis zu zwei Drittel, wenn er mit einer Geschwindigkeit von 160 Stundenkilometern anstatt mit nur 100 Stundenkilometern bewegt wird. Bei noch höheren Geschwindigkeiten muss das Fahrzeug einen gewaltigen Luftwiderstand überwinden, der Treibstoffverbrauch steigt dann enorm.

Die Internationale Energieagentur hat sich bereits früher für Geschwindigkeitsbegrenzungen ausgesprochen und erklärt, dass sie zur Verringerung der Ölnachfrage eingesetzt werden können.

Laa fügte hinzu, dass ein Tempolimit nicht nur die Kohlenstoffemissionen reduzieren würde, sondern auch die Stickstoff-, Lärm- und Feinstaubbelastung verringern und das Reisen sicherer machen würde.

Die Entscheidung der österreichischen Regierung, in bestimmten Regionen ein Tempolimit von 100 km/h einzuführen - statt landesweit 130 km/h - sei ein Versuch, die Luftqualität zu verbessern, so Laa.

Da die Nutzung von Elektrofahrzeugen keine Emissionen verursacht, sind sie von der Geschwindigkeitsbegrenzung ausgenommen. Laa hält dies jedoch nicht für eine gute Idee.

"Aus energetischer Sicht gibt es bei Elektrofahrzeugen das gleiche Problem: Man braucht viel mehr Energie, je schneller man fährt", sagte sie. "Wenn wir weniger Energie verbrauchen, ist es einfacher, den Kohlenstoffausstoß zu reduzieren."

'Weniger Staus'

Der verringerte Energieverbrauch einzelner Fahrzeuge ist klar, aber laut Dr. Giulio Mattioli, Verkehrswissenschaftler an der Technischen Universität Dortmund, ist es fraglich, wie sich ein Tempolimit auf systemischer Ebene auswirken könnte. Er meint, dass es nicht darum gehe, ob ein Tempolimit die Emissionen reduziert, sondern um wie viel.

"Wenn man [die Geschwindigkeit] reduziert, werden nicht nur viele Fahrzeuge langsamer fahren, sondern auch der Verkehrsfluss wird gleichmäßiger, es gibt weniger Staus, und das könnte die Durchschnittsgeschwindigkeit tatsächlich erhöhen", so Mattioli.

Andererseits könnte die mit einem niedrigeren Tempolimit verbundene längere Fahrtzeit die Menschen dazu veranlassen, stattdessen den Zug zu benutzen, insbesondere bei längeren Strecken. Daher ist es schwierig, die vollen Auswirkungen eines niedrigeren Tempolimits vorherzusagen.

"Freie Fahrt für freie Bürger"

Die Vorschläge für Geschwindigkeitsbegrenzungen sind auf Widerstand gestoßen. Im Oktober 2022 sagte Verkehrsminister Volker Wissing, dass es nicht möglich sei, ein Tempolimit in Deutschland einzuführen, da es nicht genügend Schilder gäbe. Andere haben behauptet, dass die Emissionsreduzierung gering sei und es daher nicht wert sei, die Freiheit der Menschen, schnell zu fahren, einzuschränken.

2,9 % der Straßenverkehrsemissionen in Deutschland scheinen eine geringe Zahl zu sein, aber laut Mattioli kommt es darauf an, wie man es betrachtet. Diejenigen, die versuchen, die Idee zu diskreditieren, müssen einfach nur einen Nenner finden, der groß genug ist", um die Verringerung der Kohlenstoffemissionen irrelevant erscheinen zu lassen".

Ausgehend von Berechnungen, die er kenne, machen die Emissionsreduzierungen durch ein Tempolimit "etwa 30-50% der Lücke aus, die wir derzeit zwischen den Emissionen Deutschlands und seinen Klimazielen für dieses Jahr haben", so der Verkehrswissenschaftler.

Tempolimits reichen nicht aus

Die 2019 in den Niederlanden eingeführte Geschwindigkeitsbegrenzung auf 100 km/h war ein Versuch, die Stickstoffbelastung zu reduzieren, um die gesetzlichen Anforderungen für neue Bauprojekte zu erfüllen, aber die Messung der genauen Auswirkungen war wegen der COVID-19-Pandemie schwierig, sagte Bert van Wee, Professor für Verkehrspolitik an der Technischen Universität Delft.

"Der Effekt der Pandemie war viel stärker", sagte er in Bezug auf die Auswirkungen auf das Reiseverhalten.

Die Umsetzung eines Tempolimits erfordere auch eine gute Kommunikation, fügte er hinzu. "Man muss den Menschen klarmachen, dass sie Geld sparen, weil ihre Fahrzeuge weniger Kraftstoff verbrauchen - oder Strom, wenn es sich um Elektrofahrzeuge handelt."

Ebenfalls wichtig ist, die Botschaft auf das Land, die Stadt oder die Gemeinde abzustimmen, in der das Tempolimit eingeführt werden soll. Einige werden Klimabotschaften bevorzugen, während andere vielleicht Sicherheitsbotschaften bevorzugen.

"Wir können nicht glauben, dass wir das Problem der Verkehrsemissionen allein durch Geschwindigkeitsbegrenzungen lösen können, genauso wenig wie wir es allein durch Elektrofahrzeuge oder einen besseren öffentlichen Nahverkehr sicherstellen können", argumentiert Mattioli. "Wir werden all diese Dinge gleichzeitig tun müssen und noch einiges mehr, um Emissionsreduzierungen zu erreichen."