"Eltern nennen mich Mörder": Spahn berichtet bei "Hart aber fair" über Online-Hass

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 Vier Wochen vor der Bundestagswahl wird auch im "Hart aber fair"-Studio im Wahlkampfmodus debattiert: Bloß keinen potenziellen Wähler verprellen! - Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gab in der Sendung jedoch teils erschreckende Einblicke zum Thema Hass und Falschinformationen in Zeiten der Pandemie.

"Ich wüsste kein anderes Land, in dem ich über die letzten 18 Monate lieber gewesen wäre als in Deutschland": Der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) berichtete bei "Hart aber fair" von der schwierigen Lage, in der er sich im Umgang mit Impfskeptikern befindet. (Bild: ARD )
"Ich wüsste kein anderes Land, in dem ich über die letzten 18 Monate lieber gewesen wäre als in Deutschland": Der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) berichtete bei "Hart aber fair" von der schwierigen Lage, in der er sich im Umgang mit Impfskeptikern befindet. (Bild: ARD )

Es ist Wahlkampf in Deutschland: In weniger als vier Wochen, am Sonntag, 26. September, wird die neue Bundesregierung gewählt. In der jüngsten Ausgabe der ARD-Talkshow "Hart aber fair" war es deshalb erneut an der Zeit für einen "Bürgercheck". Diesmal ging es um die Coronapolitik und die Frage: "Was muss jetzt passieren?" Zu Gast waren der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der FDP-Generalsekretär Volker Wissing, Co-Parteichefin der Linken Janine Wissler, der Facharzt Cihan Çelik und die "Spiegel"-Journalistin Melanie Amann.

"Aufpassen, dass aus Spannungen nicht Spaltungen werden"

Natürlich war vor allem der Bundesgesundheitsminister gefordert, möglichst plausible Antworten auf die drängendsten Fragen aus der Bevölkerung zu finden, die im Vorfeld in drei Städten gesammelt wurden. Doch diese Aufgabe war nicht immer leicht für den 41-Jährigen: Eine Bürgerin etwa warf der Regierung vor, durch die Abschaffung kostenfreier Tests zur Spaltung der Gesellschaft beizutragen.

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Es sei ein schmaler Grat, räumte Spahn ein: "Es passiert ja gerade etwas bei Geimpften, Nichtgeimpften in jeder Familie, auf Arbeit, in der Nachbarschaft: Das wird auch mal kontrovers, und wir müssen aufpassen, dass aus Spannungen, die da sind, nicht Spaltungen werden. Deswegen bin ich zum Beispiel auch nicht für eine verpflichtende Impfung." Wichtig sei, zu zeigen, dass die Impfung ein Ausdruck von Verantwortung sei, eine Stigmatisierung von Impfgegnern lehnte er allerdings ab. 

"Ironie kommt nicht rüber im Fernsehen"

Überhaupt war eine mögliche Impfpflicht und der Umgang mit Impfskepsis in der Bevölkerung ein wichtiges Thema der Talkrunde am Montag: Die "Spiegel"-Journalistin Melanie Amann etwa lobte das Bundesgesundheitsministerium für das online veröffentlichte Fragen-Antwort-Tool. Spahn hörte dieses Lob gerne, denn Aufklärung sei nach seiner Ansicht weiterhin bitter nötig: Gerade in der Pflege seien sehr viele junge Frauen beschäftigt, die sich Sorgen um eine mögliche Unfruchtbarkeit durch die Impfung gemacht hätten. "Da haben wir natürlich versucht, gegenzuwirken", erklärte Spahn, der auch darüber sprach, ob nicht auch Arbeitgeber, ähnlich wie Restaurantbetreiber, in den kommenden Monaten die Möglichkeit erhalten sollten, ihre Mitarbeiter zu befragten, ob sie "geimpft, genesen oder getestet" sind. Als Frank Plasberg nachfragte, wie denn seine konkrete Haltung in diesem Punkt sei, antwortete der Minister: "Ich tendiere zunehmend zu Ja."

Die Runde bei
Die Runde bei "Hart aber fair" (von links): Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), "Spiegel"-Journalistin Melanie Amann, Facharzt Cihan Çelik, FDP-Generalsekretär Volker Wissing, Co-Parteichefin der Linken Janine Wissler und Moderator und Gastgeber Frank Plasberg. (Bild: ARD )

Überhaupt: Man merkte den Politikern an, wie angespannt die Lage kurz vor der Wahl ist - besonders Wissing und Wissler hüteten sich vor Formulierungen, die auch nur Ansatzweise einen Druck auf potenzielle Wähler suggerieren könnten. Der Gesundheitsminister, der natürlich in so einer Sendung den Auftrag hat, die bisherige Corona-Politik zu verteidigen, gab sich da noch vergleichsweise konkret. Unter anderem rief er Skeptische dazu auf, immer mit einem Arzt oder einer Ärztin über mögliche Bedenken zu sprechen. Denn: "Da kommen wir gar nicht hinterher, was da in den sozialen Medien alles behauptet wird bis hin zum Chip, den der Gates und der Spahn haben einpflanzen lassen." Dies motivierte den Gastgeber Frank Plasberg zu einem schlechten Scherz, in dem er mit gespieltem Erstaunen fragte: "Das machen Sie nicht mit dem Chip?" Als darauf jedoch keiner der Anwesenden lachte, ruderte er zurück: "Ironie kommt nicht rüber im Fernsehen."

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Beim Thema Schulen war die Stimmung jedoch weniger heiter: "Ich habe Eltern, die nennen mich Mörder, weil ihre Kinder in der Schule Maske tragen sollen", stellte Spahn betroffen fest. "Und ich erlebe Eltern in den Veranstaltungen, die sagen: Wenn ihre Kinder nicht Maske tragen in der Schule, werden sie sie nicht in die Schule schicken, weil sie möchten, dass sie sich schützen können." Worte, die deutlich machen, in welchem Spannungsfeld die Regierung agiert, aber auch Aufschluss darüber geben wie sich der Dissens im Land zuspitzt. Eine Antwort, wie man die vorschreitende Spaltung der Gesellschaft verhindern kann, fand die Runde allerdings nicht.

"Deutschland ein ganzes Stück in die Freiheit zurückgeimpft"

Am Ende bleibt das bekannte Mantra hängen: "Wir brauchen noch gut zehn Prozent mehr (Geimpfte), um mit der nötigen Trittsicherheit in noch mehr Freiheit gehen zu können", wie es der Bundesgesundheitsminister zum Finale der Sendung formulierte. Er befand, "wir haben Deutschland schon ein ganzes Stück in die Freiheit zurückgeimpft". Jens Spahn abschließend: "Ich wüsste kein anderes Land, in dem ich über die letzten 18 Monate lieber gewesen wäre als in Deutschland."

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