Elon Musk wollte VW-Chef Herbert Diess die Leitung von Tesla übergeben

Jan C. Wehmeyer
·Lesedauer: 4 Min.
Gute Laune herrscht bei Herbert Diess und Elon Musk beim Treffen am Flughafen Braunschweig.
Gute Laune herrscht bei Herbert Diess und Elon Musk beim Treffen am Flughafen Braunschweig.

Nicht schon wieder, denkt sich manch ein Top-Manager in Wolfsburg, wenn Herbert Diess zu seinem x-ten Tesla-Vergleich ansetzt. Für den VW-Chef ist das Unternehmen von Elon Musk das Maß aller Dinge in der heutigen Autowelt. Und so predigt er seit mehr als fünf Jahren, dass die Führungskräfte in Wolfsburg etwas mehr so sein sollten wie dieser smarte Typ aus Kalifornien. Während der Kapitalmarkt diese Beharrlichkeit zunehmend honoriert, wirken Betriebsrat und Management genervt von der Teslaritis. In einer hochrangigen Runde soll ein Markenchef gar gebrüllt haben: "Herbert, wir sind nicht Tesla."

Zweifelsohne weiß Herbert Diess das auch selber. Tatsächlich fehlte aber nicht viel und der Österreicher wäre 2015 nicht von BMW zu Volkswagen gewechselt – sondern neuer CEO von Tesla geworden. Nach Recherchen von Business Insider lag Diess damals ein unterschriftsreifer Arbeitsvertrag der Amerikaner vor. Demnach wollte Elon Musk die Leitung von Tesla an Diess übergeben. Ein spektakulärer Vorgang, in den Diess bislang nur wenige Menschen bei Volkswagen eingeweiht hat. Auf Anfrage sagt ein VW-Sprecher daher wohl auch: "Kein Kommentar."

Weshalb sich der damalige BMW-Entwicklungschef letztlich gegen Tesla entschied, lässt Diess unbeantwortet. Sicherlich war der Stellenwert von Tesla im Jahr 2014 nicht vergleichbar mit dem heutigen Glanz des wertvollsten Automobilunternehmen der Welt. Als Elon Musk 2014 seine Visionen über das Elektro-Zeitalter bei einem Mittagessen im Kanzleramt vorstellte, sorgte er bei der deutschen Politik noch für mehr Belustigung als Begeisterung. Im selben Jahr entschied sich auch Daimler als Investor des US-Start-Ups auszusteigen und verkaufte sein Aktienpaket. Diess, so berichten es Vertraute, sicherte sich dagegen in jener Zeit reichlich Wertpapiere von Tesla. Ein atemberaubender Deal, auch wenn der VW-Chef heute nur über seine Käufe von VW-Aktien öffentlich spricht.

Ein ähnlich gutes Gespür hatte sein österreichischer Landsmann Ferdinand Piech. Als Vorsitzender des Aufsichtsrates bei Volkswagen empfahl er seinem Management im Juli 2013 nach einer Probefahrt mit einem Model S, Tesla zu kaufen. Damals lag der Börsenwert bei gerade einmal 20 Milliarden Dollar – heute sind es mehr als 600 Milliarden Dollar. Der Deal kam nicht zustande.

Diess glaubte aber nicht nur frühzeitig an den Erfolg von Elektroautos. Er glaubte an Elon Musk. So lernten sich beide bereits kennen, als Diess noch für BMW Sparpläne durchpeitschte. Bei persönlichen Treffen tauschten sie sich aus, bauten Vertrauen auf. Die gegenseitige Wertschätzung mündete schließlich im Angebot von Musk, die operative Führung seines Unternehmens an Diess zu übergeben.

Damals entschied sich Diess noch für die alte Auto-Welt. Ende 2014 verkündete Volkswagen: Der BMW-Manager wechselt in den Konzernvorstand und soll die Pkw-Marke VW flott machen. Von der bevorstehenden Dieselaffäre ahnte damals noch niemand etwas. Und so wurde aus Diess, dem Beinahe-Tesla-Chef, Diess, der heutige Tesla-Jäger. Geschadet hat das dem Verhältnis zu Musk aber nicht. Im Gegenteil: Die beiden Top-Manager haben einen Weg gefunden, ihre vermeintliche Rivalität so zu zelebrieren, dass die Batterie-Strategie von beiden Unternehmen größtmögliche Aufmerksamkeit erfährt.

"Tesla ist für uns eine wichtige Benchmark", sagt Diess. Die Auseinandersetzung mit dem US-Unternehmen tue der gesamten Autobranche gut. Dagegen eilte Musk dem VW-Chef zur Seite, als dieser wegen Marktmanipulation in Zusammenhang mit dem Diesel-Skandal angeklagt wurde, twitterte an seine 50 Millionen Follower: „Herbert Diess tut mehr für die Elektrifizierung als jeder andere große Autohersteller. Das Wohl der Welt sollte zuerst kommen. Er hat auf jeden Fall meine Unterstützung.“ Bei einem überraschenden Treffen auf dem Flugplatz in Braunschweig im September 2020 trat Musk sogar als eine Art Markenbotschafter an der Seite von Diess auf und lobte nach einer Testfahrt den neuen ID.3.

Solch eine Anerkennung erfährt der VW-Chef im eigenen Konzern eher selten. Hier muss er seinen klaren Kurs immer wieder nach den Wünschen der Arbeitnehmervertreter oder den Gewohnheiten mancher Eigentümer korrigieren. Hindernisse, die es in der Welt von Elon Musk nicht gibt. Nun stellt sich also die Frage, was Diess tut, wenn sein laufender VW-Vertrag nicht verlängert wird und 2023 ausläuft? Vielleicht wird dann aus dem Tesla-Jäger doch noch einmal ein Tesla-Chef? Dafür müsste Elon Musk nur sein Angebot noch ein zweites Mal auf den Tisch legen.