Elfer-Drama! Kroatien zerstört den russischen Traum

Das russische Märchen ist vorbei! Im letzten Viertelfinale verlor Russland gegen Kroatien mit 4:5 (3:4, 1:1, 1:1) nach Elfmeterschießen und ist damit raus. Kroatien dagegen steht nach 1998 wieder in einem WM-Halbfinale und trifft dort auf England.

Ivan Rakitic (v.) verwandelte den entscheidenden Elfmeter und kickte Russland damit raus

Die Aufstellungen

Die Russen mit fast derselben Formation wie beim Sensationssieg gegen Spanien. Lediglich der verletzte Yuriy Zhirkov fällt mit Sehnenproblemen am Schienbein aus, ersetzt wird er von Denis Cheryshev. Bei den Russen sind fünf Spieler mit Gelb vorbelastet.

Auch die Kroaten vertrauen bewährtem Personal und wechseln nur ein Mal. Im Vergleich zum Achtelfinalerfolg gegen Dänemark rückt Hoffenheims Angreifer Kramaric für den defensiven Mittelfeldspieler Brozovic in die Startaufstellung. Die Kroaten stellen gleich acht Spieler, die bei einer nächsten Gelben Karte das mögliche Halbfinale verpassen würden.

Der Spielverlauf

Die Russen gleich zu Beginn mit zwei netten Ansätzen im Konter, aber ohne echten Abschluss. Kroatien hatte in den ersten Minuten ein paar Probleme im Mittelfeld. Erst als Modric und Rakitic nicht mehr ganz so tief und auf einer Linie spielten, gewann das Spiel der Kroaten an Fahrt. Über die rechte Seite kombinierte sich Kroatien zwei, drei Mal schön in den gegnerischen Strafraum und vorbei am russischen Abwehrriegel.

Die Gastgeber verteidigten sehr tief und verlegten sich schon früh auf ihre Kontertaktik mit schnellen Zuspielen in die Spitze auf Dzyuba. Der war gegen drei oder vier Kroaten in der Restverteidigung aber auf verlorenem Posten. Da auch Kroatien bis auf einen eher harmlosen Perisic-Kopfball nichts zustande brachte, plätscherte das Spiel so vor sich hin – bis zur überragenden Einzelleistung von Cheryshev. Der Linksverteidiger legte sich den Ball nach einem kurzen Zuspiel von Dzyuba mit einem perfekten ersten Kontakt auf den linken Fuß und zirkelte das Ding aus 25 Metern unhaltbar in den linken Winkel (31.).

Die Russen wirkten ein paar Minuten wie beflügelt, ehe es die kalte Dusche setzte. Nach einem leichten Perisic-Pass war Mandzukic auf links plötzlich fast frei durch, die Russen total unsortiert in der Abwehr. Mandzukic fand von der Torauslinie Kramaric, der aus fünf Metern problemlos einköpfte (40.). Kramaric war schon der siebte verschiedene Torschütze Kroatiens bei der WM. Mit dem verdienten Remis ging es auch in die Pause.

Nach dem Wechsel passierte bis auf einen Wechsel bei den Russen eine Viertelstunde lang gar nichts, ehe Akinfeev den Kroaten eine Mega-Chance auf dem Silbertablett servierte. Russlands Nummer eins irrte nach einer Kerze durch den Fünfmeterraum und rannte beinahe zwei eigene Spieler um. Perisic nahm den Abpraller auf, setzte den Schuss aus acht Metern aber nur an den linken Innenpfosten, von wo aus der Ball aus dem Tor sprang.

Kroatien hatte nun klar mehr Ballbesitz, fand gegen das russische Bollwerk rund um den Strafraum aber keinen Weg. Die Kroaten spielten teilweise wie beim Handball hin und her, allerdings ohne Tempo und Tiefe und kamen deshalb kaum zu Möglichkeiten. Auf der Gegenseite hatte der eingewechselte Erokhin mit einem Kopfball auf das Tornetz den Hauch einer Chance (72.). Ansonsten tauchten die Russen kaum noch im gegnerischen Strafraum auf, mit Cheryshev und Dzyuba wechselte Coach Cherchesov die beiden gefährlichsten Angreifer nacheinander aus. Kroatien verpasste nach einem Konter wenige Minuten später gleich doppelt den Zeitpunkt für den perfekten Abschluss. Echte Chancen gab es kaum noch, beide Mannschaften scheuten das letzte Risiko und wirkten in der regulären Spielzeit schon wie in der Schlussphase einer Verlängerung.

Zu dieser kam es fast zwangsläufig. Der angeschlagene Subasic im kroatischen Tor musste durchhalten, weil Coach Dalic nach 96 Minuten seinen vierten (Feldspieler-)Wechsel vornehmen musste. Überhaupt hatte der eine oder andere kroatische Spieler früh in der Verlängerung mit Wehwehchen zu kämpfen, die Russen dagegen wirkten körperlich deutlich frischer. Und trotzdem gelang den Kroaten die entscheidende Stoß: Nach einer Ecke kam Vida aus zehn Metern frei zum Kopfball und versenkte den Ball durch Freund und Feind hindurch im rechten unteren Eck (100.).

Plötzlich musste Russland nach 100 Minuten des schieren Verteidigens selbst initiativ werden. Mit viel Laufarbeit, körperlicher Präsenz und einem starken Willen kamen die Gastgeber tatsächlich zu guten Chancen, die meisten davon nach Standards des eingewechselten Dzagoev. Fünf Minuten vor dem Ende zirkelte Dzagoev einen Freistoß genau auf den Kopf von Fernandes, der gegen den teilnahmslosen Mandzukic keine Mühe hatte, den Ball aus acht Metern im linken Eck zu versenken. Die Russen blieben dran, wollten den K.o. der völlig ausgelaugten Kroaten noch in der Verlängerung, aber Zobnins Schuss aus 25 Metern fischte Subasic gerade noch weg (119.).

Das Elfmeterschießen

Im Elfmeterschießen verschoss Smolov gleich den ersten Elfmeter auf geradezu lächerliche Art, Subasic hielt den versuchten Trickschuss leicht. Akinfeev bügelte den Fauxpas des Kollegen aber kurze Zeit später aus und hielt Kovacic‘ Elfmeter. Aber: Schon im nächsten versuch drosch Fernandes den Ball mit voller Wucht rechts am Tor vorbei. Modric‘ Schuss hätte Akinfeev beinahe gehalten, der Ball prallte aber vom Innenpfosten doch noch ins Tor. Rakitic musste wie schon gegen Dänemark als letzter Schütze der Kroaten ran und versenkte den Ball links unten im Eck.

Der Schiedsrichter

Sandro Ricci aus Brasilien hatte die insgesamt erstaunlich faire Partie gut im Griff. Bei den persönlichen Strafen vielleicht eine Spur zu hart, aber ohne gravierende Fehler und mit einer unmissverständlichen Ansprache an die Spieler. Auch in der hektischen Schlussphase der Verlängerung immer auf der Höhe. Guter Auftritt.

Der Gewinner des Spiels

Luka Modric hat ganz sicher schon bessere Spiele im Trikot der Nationalmannschaft abgeliefert, gegen Russland spielte der Star von Real Madrid zu tief, ließ sich immer wieder auf Höhe der Abwehrkette fallen und fehlte dann weiter vorne als Antreiber. Aber: Modric war mit dem Ball am Fuß der mit weitem Abstand beste Spieler in einem ansonsten tristen Fußballspiel. Bereitete Vidas Tor vorbei und hatte beim Elfmeterschießen unfassbares Glück, dass sein Schuss irgendwie ins Tor trudelte.

Der Verlierer des Spiels

Stanislav Cherchesov ärgerte sich maßlos über Teile der russischen Fans im Stadion, versuchte die eingeschlafene Stimmung immer wieder anzufachen, gerade nach dem Rückstand in der Verlängerung. Aber an den Fans lag es nicht, dass die Russen gegen schlagbare Kroaten nicht den Traum vom Halbfinale erhalten konnten. Cherchesovs Defensivfußball wurde bestraft, der Trainer selbst gab die entsprechenden Signale mit den Auswechslungen von Dzjuba und Cheryshev, den beiden besten Torschützen im Team. Die Russen hätten gegen dieses Kroatien auch deutlich offensiver und mutiger spielen können und nicht erst nach dem Rückstand in der Verlängerung. Sich nur wieder irgendwie ins Elfmeterschießen zu retten, funktioniert eben doch nicht immer.