Elektromobilität: 2018 wird ein weiteres Alibi-Jahr — Ketchup kommt später

Ralf Anders, Motley Fool beitragender Investmentanalyst
BMWi Vision Dynamics. (09/2017)

2017 war ein weiteres Jahr der großen Versprechungen, wenn es um die Elektromobilität geht. Es wurden Milliardeninvestitionen in Batterien, Fertigungsstätten, Elektromotoren und Ladeinfrastruktur feierlich verkündet. Unisono präsentierten Volkswagen (WKN:766403), Daimler (WKN:710000) und BMW (WKN:519000) erstaunliche Modelloffensiven. Hinzu kommen ambitionierte Allianzen mit chinesischen Partnern und tolle Konzeptfahrzeuge.

Allerdings: Fast nichts davon wird sich bereits 2018 materialisieren. Dabei sind nun bereits fast 9 Jahre vergangen, seit die Bundesregierung im Konjunkturpaket II 500 Mio. Euro für den Nationalen Entwicklungsplan Elektromobilität in die Hand nahm. Die Idee war damals, dass der Markt bis Ende 2011 durch umfangreiche Pilotprojekte vorbereitet werden sollte. So richtig ist er aber offenbar auch heute noch nicht parat, obwohl mittlerweile sogar noch Kaufprämien bezahlt werden und Verbrenner durch die ganzen Abgasskandale ziemlich in Verruf geraten sind.

Statt großem Durchbruch wird also auch 2018 noch eher ein Alibi-Jahr, wenn ich mir das spärliche Angebot anschaue, das neben dem Model 3 von Tesla (WKN:A1CX3T) in Kürze auf die Straßen kommen wird. Da stellt sich die Frage, wie es mittelfristig weitergehen könnte.

Neue Elektromodelle 2018

Zu Teslas Model 3 ist eigentlich nicht mehr viel zu sagen (Details hier). Es ist das Modell, an dem sich alle anderen halbwegs erschwinglichen Konkurrenten messen lassen müssen. Über den Zeitraum 2018/2019 werden alle vorgesehenen Varianten nach und nach weltweit ausgerollt. Aber was haben die Herausforderer zu bieten?

Aus der Renault-Nissan-Mitsubishi-Allianz steigt der kaum weniger ambitionierte LEAF 2.0 in den Ring. Von Renault (WKN:893113) und Mitsubishi kommt hingegen wohl noch nichts Neues. Allerdings will der Hyundai-Kia Konzern, der gerade mit dem Ioniq erfolgreich unterwegs ist, ein weiteres 2018er-Modell auf den Markt bringen. Vielleicht sogar von jeder Marke jeweils ein Elektro-SUV, wobei aber nicht sicher ist, ob die schon 2018 nach Europa kommen, denn der Verkauf des Kona von Hyundai Motor (WKN:885647) startet voraussichtlich erst im zweiten Halbjahr.

Besser stehen die Chancen beim kraftvollen Jaguar I-PACE, der genauso in den Schlussquartalen käuflich erwerbbar sein soll. Gegen ihn tritt das ebenfalls in der Oberklasse angesiedelte SUV von Audi an, das auf der e-tron quattro Studie basiert.

Opel soll zwar elektrisch werden, aber 2018 steht noch voll im Zeichen des Ampera-E, dessen Markteinführung sich verzögert. Etwas besser sieht es bei den smart electric drive Modellen aus, deren Auslieferungen nächstes Jahr in allen Varianten hochgefahren werden (z.B. wird die Schweiz ab Mai beliefert). Bei der italienischen Konkurrenz soll der neue 500e von Fiat Chrysler (WKN:A12CBU) in den Startlöchern stehen, aber auf der aktuellen Bologna Motor Show spielen die benzin- und dieselbetriebenen Varianten die Hauptrolle. Der Chef Sergio Marchionne steht der Elektromobilität sehr kritisch gegenüber.

2019 wird es besser, aber …

Bestimmt wird das Angebot 2019 bereits wesentlich breiter. So kommt dann wohl zum Beispiel der heiß erwartete Porsche Mission E in die Ausstellungsräume, Peugeot wird einen elektrischen 208 der nächsten Generation bringen und auch Mini hat etwas in der Pipeline.

Aber viele andere attraktive Konzepte schaffen es wohl frühestens 2020 in die Großserie. Volkswagens I.D. Buzz und I.D. Crozz sind beispielsweise für 2020 angekündigt. Toyota auf der anderen Seite setzt noch weitgehend auf Hybride und will ebenfalls erst 2020 stärker in das Geschäft mit rein elektrischen Fahrzeugen einsteigen. Dazu hat sie sich Suzuki und Mazda als Partner ins Boot geholt. Daneben hoffen die Japaner, die Konkurrenz zu einem späteren Zeitpunkt rechts überholen zu können mit ihrer fortschrittlichen Brennstoffzellentechnik.

Was neue Wettbewerber angeht, dauert es wohl ebenfalls noch. So wird etwa der günstige Kleinwagen e.Go Life zwar vielleicht bereits 2018 in einer Kleinserie hergestellt, aber für jedermann erhältlich wird er erst 2019 sein. Ähnlich sieht es beim Sion von SONO Motors aus, genauso wie beim schwedischen Uniti, dessen Fertigung von Siemens (WKN:723610) aus gutem Grund unterstützt wird.

Wann die chinesischen NIO, Lynk & Co., BYD (WKN:A0M4W9), Chery und wie sie alle heißen sich auf den europäischen Markt trauen werden, ist wohl noch keine ausgemachte Sache — vor 2019 jedenfalls nicht, würde ich sagen.

Der Ketchupflaschen-Effekt und seine Folgen

Wer in Kürze ein fortschrittliches Elektroauto kaufen möchte, der kann aktuell nur aus recht wenig Alternativen wählen. Die ganzen schönen Ankündigungen beziehen sich überwiegend auf die Jahre 2019 und folgende, wobei die frühzeitige Verfügbarkeit im deutschsprachigen Raum nicht immer gegeben ist. Somit wird wohl mindestens ein weiteres Jahr verstreichen, ohne dass die ganz großen Verkaufserfolge gefeiert werden können — zumindest in Deutschland.

Denn in China drängen die unterschiedlichsten lokalen Hersteller mit immer neuen kostengünstigen Modellen auf den Markt, sodass der Vorsprung weiter wächst, was die Stückzahlen auf den Straßen angeht. Wenn die deutschen Hersteller dann endlich loslegen, kommt es zum Ketchupflaschen-Effekt: lange hinten draufgeklopft und heraus kamen nur ein paar Spritzer. Aber dann ergießt sich der halbe Flascheninhalt über Teller und Tisch.

Der amerikanische Analyst Anton Wahlman hat vor wenigen Monaten 26 neue absehbare Elektromodelle weltweit für 2018 gezählt. Drei Jahre später sollen es weit über 100 sein und die drei deutschen Konzerne würden zur Spitzengruppe zählen, was die Vielfalt angeht. Es erscheint offensichtlich, dass Tesla dann nur noch einer von vielen Hauptdarstellern sein wird und aus der aktuellen Angebotswüste auch in Deutschland ein blühender Käufermarkt entsteht.

Für Aktionäre bleibt zu hoffen, dass die Hersteller einen Weg finden, um ihre gewohnten Profitmargen auch unter den neuen Marktbedingungen aufrechtzuerhalten. Möglich wäre das, aber mit gewissen Reibungsverlusten ist in der hektischen Übergangszeit nach dem Alibi-Jahr 2018 wohl zu rechnen.

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Ralf Anders besitzt keine der erwähnten Aktien. The Motley Fool empfiehlt BMW und Daimler. The Motley Fool besitzt und empfiehlt Aktien von Tesla.

Motley Fool Deutschland 2017