Auf Elektroantrieb umgerüstete Oldtimer sind ein Wachstumsmarkt — jetzt investierte auch David Beckham

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Lunaz Jaguar XK 120 erkennt man optisch nur anhand des fehlenden Auspuffs.
Lunaz Jaguar XK 120 erkennt man optisch nur anhand des fehlenden Auspuffs.

Der Trend zur E-Mobilität hat die Oldtimer-Szene längst erreicht. Schon seit einigen Jahren bieten kleine Unternehmen die Umrüstung auf den vermeintlich umweltfreundlicheren Elektroantrieb für eine Vielzahl von Modellen an. So soll sichergestellt werden, dass die vierrädrigen Kulturgüter auch in den kommenden Jahrzehnten auf unseren Straßen unterwegs sein dürfen und gleichzeitig lokal keine Emissionen mehr ausstoßen.

Lunaz setzt auf britischen Stil

Auch das 2019 von dem Oldtimer-Enthusiasten David Lorenz gegründete und im englischen Silverstone ansässige Unternehmen Lunaz widmet sich diesem Geschäft. Die Briten haben ihren Fokus auf die Umrüstung von heimischen Klassikern, wie zum Beispiel dem von 1959 bis 1968 gefertigten Rolls Royce Phantom V, des Bentley Continental Flying Spur, des ersten Range Rover aus den Siebzigern oder des Jaguar XK120 gelegt. Der junge Betrieb betont jedoch, dass man sich bei der Auswahl an angebotenen Modellen an den Wünschen der Kundschaft orientieren würde. Auf lange Sicht ist es also durchaus möglich, dass in der modernen Werkstatt zukünftig auch Oldtimer aus anderen großen Automobilnationen unter Strom gesetzt werden.

Die dabei verwendeten Komponenten des Elektroantriebs, inklusive der bis zu 600 PS starken Motoren, werden dabei nicht einfach von anderen Herstellern oder Zulieferern zugekauft, sondern in Eigenregie von Lunaz hauseigenem Team erfahrener Autoingenieure konstruiert. Geleitet werden die Arbeiten von Jon Hilton, der einst technischer Direktor von Renaults Formel 1-Stall war und zu Beginn seiner Karriere für Rolls Royce gearbeitet hat.

High Tech in klassischer Hülle

Natürlich werden den Autos nicht nur plump E-Motoren und Lithium-Ionen-Batterien eingepflanzt. Angesichts der deutlich gestiegenen Leistung und der Gewichtszunahme wäre dies schlicht fahrlässig. Lunaz Design installiert bei den bis zu 70 Jahre alten Klassikern unter anderem eine komplett neue und rekuperierende Bremsanlage mit Scheiben rundum, sowie eine zeitgemäße Servolenkung und Assistenzsysteme wie einen Tempomat oder eine Traktionskontrolle.

Bei Bedarf kann der Kunde seinen Oldtimer sogar mit neumodischen Annehmlichkeiten wie Apple CarPlay oder LED-Beleuchtung für den Innenraum ausrüsten lassen. Die Stromspeicher nehmen meist den Platz des ausgemusterten Benzinmotors ein. Dazu kommen weitere Batterien im Unterboden. So sollen die von außen nahezu unberührten Klassiker über alltagstaugliche Reichweiten von bis zu 500 Kilometern verfügen.

Lunaz passt auch die Instrumente an, behält aber den ursprünglichen Stil bei.
Lunaz passt auch die Instrumente an, behält aber den ursprünglichen Stil bei.

Angesichts der aufwendigen Umbauarbeiten und des hohen technischen Niveaus darf man natürlich kein Schnäppchen erwarten. Preislich geht es beim günstigsten Modell umgerechnet erst jenseits der 300.000 Euro-Marke los. Allerdings ist das Basisfahrzeug, das sich vor der Umrüstung meist in einem erbarmungswürdigen Zustand befindet, schon inbegriffen. Des Weiteren werden die Autos bis auf die letzte Schraube zerlegt und überarbeitet. Im Endeffekt sollen die modernisierten Klassiker von Lunaz qualitativ sogar besser sein, als es die Originalautos bei ihrer Erstauslieferung waren.

David Beckham investiert in Lunaz

Jetzt hat niemand geringeres als David Beckham in Lunaz investiert und dem Unternehmen so gehörig Aufmerksamkeit und zusätzliches Kapital beschert. Der ehemalige Fußballprofi hat sich einen zehnprozentigen Anteil an dem zukunftsträchtigen Unternehmen gesichert und ist von dessen Arbeit offenbar mehr als überzeugt. "Lunaz repräsentiert den britischen Einfallsreichtum in Sachen Technologie und Design", wird der prominente Investor auf der Instagram-Seite der Oldtimer-Experten zitiert.

Auf lange Sicht möchte Lunaz auch die Dieselmotoren von gewöhnlichen Nutzfahrzeugen durch E-Antriebe ersetzen und so deren Lebensdauer verlängern. Dies sei nach Aussage des Unternehmens nicht nur günstiger als die Neuanschaffung eines neuen Elektro-LKW, sondern vor allem deutlich klimafreundlicher. Zudem sollen die selbstentwickelten E-Antriebe auch an andere Hersteller verkauft werden. So möchte die kleine Firma bis 2024 zu einem 500 Mann-Betrieb werden.

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Die Notwendigkeit ist fraglich

Da die Nachfrage stetig wächst, möchten mittlerweile sogar die Hersteller der Originale selbst auf dem Markt der elektrischen Restomods mitmischen. Jaguar hatte beispielsweise schon 2018 angekündigt, ab Ende 2020 elektrische E-Types anbieten zu wollen. Das Projekt wurden jedoch schon ein Jahr später ohne Angabe von Gründen vorzeitig für beendet erklärt. Dafür hat beispielsweise VW die Elektrifizierung von Käfer-Cabriolets angestoßen und in Kleinserie gebracht.

Ob der einschneidende Schritt des Elektro-Umbaus wirklich nötig ist, sei mal dahingestellt. Die meisten Klassiker haben das bei ihrer Produktion angefallene CO2 nämlich schon längst wieder hereingefahren und deshalb oft einen besseren CO2-Abdruck als so mancher Neuwagen. Zudem werden sie nur in den seltensten Fällen als Alltagsautos genutzt. Oldtimer sind in den meisten Fällen reine Wochenend-Autos und legen jährlich oftmals nur einige Hundert Kilometer zurück. Ihr Anteil an der Luftverschmutzung und dem CO2-Ausstoß aller PKW dürfte daher vernachlässigbar klein sein.

Autos wie der Porsche 911 oder Citroën 2CV verlieren mit ihrem Motorsound aber leider auch eines ihrer charakteristischen Merkmale. Trotzdem haben Oldtimer mit Elektromotor definitiv ihren ganz eigenen Reiz. Sie sind nicht nur leiser und deutlich geschmeidiger unterwegs, sondern in den meisten Fällen auch leistungsstärker und zuverlässiger. Business Insider zeigt drei weitere elektrisch angetriebene Oldtimer mit ihrem ganz eigenen Charakter, die mitunter auch etwas günstiger als die High Tech-Klassiker von Lunaz sind.

E-Käfer mit Segen aus Wolfsburg

Während es sich bei den meisten Elektro-Klassikern um die Eigeninitiativen kleiner Firmen handelt, wird der e-Käfer im Auftrag von VW umgebaut. Das elektrisch angetriebene Krabbeltier feierte sogar auf der 2019er IAA seine Premiere und wurde von der Konzernabteilung VW Group Components initiiert. Die Umrüstung der Plattform und den Vertrieb übernimmt jedoch das schwäbische Unternehmen e-classics.

Anstatt des luftgekühlten Boxermotors surrt im Heck des 1,3 Tonnen schweren Cabriolets letztendlich der Antrieb des aktuellen VW e-up. Auch das einstufige Getriebe wird von dem Kleinstwagen übernommen. Die neueste Version des E-Käfers verfügt wie der Basis-ID.3 über einen Lithium-Ionen-Akku mit einer Netto-Kapazität von 45 kWh. So soll eine Reichweite von bis zu 350 Kilometern möglich sein.

Die 83 Elektro-PS reichen für eine Höchstgeschwindigkeit von 150 km/h. Da das originale Fahrwerk und die schwächlichen Trommelbremsen mit der Leistung und dem hohen Gewicht überfordert wären, stattet E-Classics die Bodengruppe mit einem modernen Fahrwerk und Scheibenbremsen rundum aus. Rein äußerlich unterscheidet sich der e-Käfer vor allem durch die dickeren Schweller und die LED-Scheinwerfer von seinem luftgekühlten Urahnen.

Wenn der Kunde eine originale und gut erhaltene Karosserie mitbringt, werden für den Umbau mindestens 74.900 Euro fällig. Man kann auch einen kompletten VW 1202/1203 anliefern, der dann von e-classics reversibel umgerüstet wird. Wer sofort einen elektrifizierten und restaurierten E-Käfer möchte, muss mindestens 154.900 Euro an die Schwaben überweisen. Viel Geld für einen 83 PS starken "Volkswagen". Aus der Kooperation von VW und e-classics ist übrigens auch ein elektrischer Bulli hervorgegangen.

Vor allem die dickeren Seitenschweller verraten die Elektroversion von aussen.
Vor allem die dickeren Seitenschweller verraten die Elektroversion von aussen.

Die Ente surrt anstatt zu schnattern

Auch Frankreichs Kultauto schlechthin, der Citroën 2CV, kann mittlerweile professionell in ein E-Auto verwandelt werden. Der in den Niederlanden ansässigen und auf zweizylindrige Citroën spezialisierte Restaurationsbetrieb "2CV Garage" bietet die Umrüstung in mehreren Ausbaustufen an. Diese liegen preislich zwischen 21.000 Euro und 30.000 Euro. Das Basisfahrzeug kostet in einem ordentlichen Zustand um die 10.000 Euro. Bei der günstigsten Version des 2CVE setzt das Unternehmen auf eine 17 kWh-Batterie, die leicht gebraucht ist und ursprünglich aus einem Elektro-Smart stammt. Sie nimmt bei der nahezu lautlosen Elektro-Ente den Platz des Benzintanks ein, was mit einer Gewichtszunahme von 120 Kilo einher geht.

Der Motor blickt ebenfalls auf ein Vorleben zurück und verrichtete bereits in einem Nissan Leaf seinen Dienst. Das über 100 PS starke Aggregat wurde für den Einsatz in dem federleichten und nicht gerade für seine hohe Sicherheit berühmten 2CV natürlich deutlich gedrosselt. Der originale Zweizylinder hatte schließlich höchstens 28 PS. Trotzdem soll der E-Motor eine Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h und zeitgemäße Beschleunigungswerte ermöglichen.

Die Basisversion soll mit einer Füllung 120 Kilometer weit kommen. Für die reichweitenstärkeren Versionen hat 2CV Garage eine eigene Bodengruppe mit integrierten Lithium-Ionen-Batterien entwickelt, die das Leergewicht um 200 Kilo erhöht. Diese haben je nach Wunsch eine Kapazität von 27, 32 oder 37 kWh und kommen in den Genuss von fabrikfrischen Batteriezellen. So soll eine Reichweite von bis zu 250 Kilometern möglich sein. Die Versionen mit dem neuen Fahrgestell verfügen übrigens auch über eine Schnellladefunktion.

Stilvolle Elektro-Pagode aus Wales

Nicht nur volksnahe Klassiker werden auf einen lokal emissionsfreien Elektroantrieb ausgerüstet. Der walisische Mercedes-Spezialist Hemmels hat beispielsweise bereits vor rund drei Jahren mit der Entwicklung seiner E-Pagode begonnen. In diesem Jahr sollen die ersten zwölf Autos fertiggestellt und ausgeliefert werden. Der Restaurationsbetrieb betont, dass bei dem Umbau jedes noch so kleine Schräubchen angefasst wird. Kein Wunder also, dass in jedes Exemplar etwa 4.000 Arbeitsstunden fließen. Bis auf die fehlenden Auspuffendrohre und die Modellbezeichnung am Heck, ist äußerlich kein Unterschied zum Original erkennbar. Innen rüstet Hemmels zwar auf Wunsch moderne Annehmlichkeiten wie eine Sitzheizung nach, das klassische Interieur-Design wird jedoch nicht angetastet.

Auch leistungsmäßig bleibt die Elektroversion nah am Original. Bei der Topmotorisierung der Baureihe W113, handelte es sich um einen 2,8 Liter großen Reihensechszylinder, der ab 1968 170 PS und 240 Newtonmeter an die Hinterräder abgab. Der moderne Elektroantrieb ist mit seinen 163 Pferdestärken etwas schwächer. Um ein möglichst authentisches Ansprechverhalten zu simulieren, wurde das Drehmoment des eigentlich deutlich kräftigeren E-Aggregats auf ebenfalls 240 Newtonmeter gedrosselt.

Auf dem Datenblatt steht eine Reichweite von 257 bis 323 Kilometern. Wie hoch die nutzbare Kapazität der Lithium-Ionen-Batterien ist, hat der Hersteller jedoch nicht bekanntgegeben. Zu den Fahrleistungen hüllt sich der Hersteller ebenfalls noch in Schweigen. Die Waliser betonen nur, dass sie die des Originals übertreffen werden. Das Cabriolet aus den Sechzigern schaffte 200 km/h Spitze beschleunigte aus dem Stand in neun Sekunden auf Hundert. Inklusive des Basisautos geht es preislich bei umgerechnet 180.000 Euro los.

Der Elektro-Umbau von Hemmels bleibt optisch sehr nah am Basisauto.
Der Elektro-Umbau von Hemmels bleibt optisch sehr nah am Basisauto.